
Wüste Juda.
Aufbruch (1)
Kontrollierter Abbau
Enthaltung und Entsagung, Entgiftung und Entsorgung, Entlastung und Entschleunigung - Begriffsbesteck für die Fastenzeit. Oder einfach: Weniger ist mehr, Verzicht macht reich. Empfohlen wird ein ernsthafter Praxistest in Eigenregie. Für Vielredner zum Beispiel "Ent-Sagung ", nicht so viel sprechen, sich zurücknehmen.
Wir wissen schon, was uns gut täte. Jeder kann sein Stichwort entdecken. Distanz üben, stille werden, von allem weniger. Einsicht ohne Praxis bleibt folgenlos.
Eine Not muss uns treiben
Gut Versorgte ändern sich selten, auch nicht in Klöstern. Wenn uns keine Not treibt, nichts Besonderes passiert, warum sollten wir auf das Haben und Machen verzichten, für eine bestimmte Zeit einen Lebensstil pflegen, der sich an nichts mehr klammert (so die Bedeutung von "abgeschieden", "aller Dinge ledig sein") und frei werden von allem, was uns hindert "zu Gott"?
Die Hebräer wurden von Jahwe "ausgesondert" und aus Ägypten (Fleischtöpfe und Unfreiheit) "herausgeführt" (Exodus).
Fastenzeit unterstellt, dass wir es selbst in der Hand haben, "aufzubrechen" und uns "auszusondern": Rückzug, Raumwechsel, Loslassen, Verzichte, Selbstbesinnung, Geselligkeitsaskese:
- Die Grauzonen seines Lebens entdecken?
- Vielleicht - ein glücklicher Konsument, der mehr und mehr im Vordergründigen verkümmert, nicht ernsthaft mit der Nähe Gottes rechnet?
- Ausgebuchtes Leben, vollgestopfte Innenräume und immer beschäftigt?
- Voller Ängste und versteckter Aggressionen, auch Angst vor dem "Zusichkommen"?
- An Fragen geraten, die man sonst nie stellt: Die "Wahrheit" einer langjährigen "Beziehung"? Das " Sterbenmüssen"?
- Was glaube ich - warum ? Gott: nur eine gute Adresse in Notzeiten, der alte "Kundendienstgott"?
Viele Menschen brauchen den " Rückzug" gar nicht erst zu üben. Sie sind schon "draußen", am Rande, ausgesondert, im Abseits, mittellos, arm. Dazu auch die "außer Kontrolle": Süchtige aller Art, schwer Erkrankte, Depressive. Alle, deren Leben im vollen Lauf "durchkreuzt" wurde, Verlassene und Abgehängte, Entlassene und Fallengelassene.
Und die eigene Befindlichkeit? Der Ort, von dem du "aufbrichst"?
Er nahm sie beiseite
Die Bibel berichtet vor allem von zwei Gruppen: Die ins Abseits Geratenen und die ins Abseits Geführten.
Die großen Berufenen kommen alle "aus der Wüste". Dort werden sie geformt und in Dienst genommen: "Der alte Mensch muss sterben" (Paulus), damit der neue geboren wird.
Auch Jesus erfährt es: "Der Geist trieb ihn in die Wüste" (Mk 1,12). Später lesen wir, wie Jesus "den Taubstummen beiseite nimmt, weg von der Menge" (37,31f.), einen Blinden "vor das Dorf hinausführte" (8,33) und drei Apostel "auf einen hohen Berg" (den Tabor ).
Das Entscheidende geschieht abseits, jenseits der Alltagsströme. Die Wüste wird zum Symbol der Reinigung und Bereitung, Erziehung und Sendung, vor allem aber einer neuen, intensiven Bindung an Gott.
Blinde und Taube werden von Gott berührt, geöffnet und geheilt. Sie brechen zu neuem Leben auf, weil sie ein Stück Himmel erfahren haben.
Jesus, "der Anführer des Lebens", der "Sohn des Allerhöchsten", starb selbst "außerhalb der Mauern", im totalen Abseits.
Golgotha wurde nicht nur Haftpunkt einer grauenhaften Einsamkeit, sondern auch der "neuen Schöpfung", "der Erhöhung und Verherrlichung".
Spätere Generationen sprechen von der Gnade des Nullpunktes.
Für unsere Arten von Abseits oder freiwilligem Verzicht, dem bisschen Selbstdisziplin und Einschränkung, etwas Distanz und einer Dosis Einsamkeit sind Worte wie "Wüste" oder gar "Golgotha" etwas zu groß dimensioniert.
Wir ahnen jedoch schon bei kleinen Übungen den Wert der spirituellen Ziele: "Reinheit" und "Gottesbereitschaft". - Sein Leben wieder etwas mehr an der Botschaft Jesu auszurichten versuchen.
Für ein erfülltes Leben
Die Evangelien könnten auch die Überschrift haben: "Plädoyer für ein erfülltes Leben!"
Auf unserer Seite steht dem einiges entgegen:
- Falsche Füllungen (Innenweltverschmutzung) und fremde Mächte.
- Zerstörerische Eigenmächtigkeit und trotzige Blindheit.
Was uns beherrscht und fremdbestimmt, gefangen hält und unrein macht, gefährdet unsere Freiheit. Fastenzeiten dienen der Abwehr von Schädlingen aller Art, den falschen Stimmen und den mächtigen Bildern vom anderen Leben, das nicht gottbestimmt ist.
Die Stimme Jesu könnte uns wieder erreichen:
- Steh auf!
- Öffne dich!
- Ich will, sei rein!
- Geh und tu desgleichen!
Vor dem Angesichte Jesu entdecken, wie unfrei und unrein, wie bindungsgestört oder beziehungunfähig wir sind. – Unangenehme Wahrheiten!
Die alte Vorstellung von unrein wird bewusst: Im Bannkreis fremder Mächte stehen, die den Verkehr mit den Gottheiten verwehren, von Gegenkräften besessen und den Götzen verfallen sein. Deshalb galten Heiden, Ungläubige als unrein.
In der Kirche beten wir um ein erfülltes Leben "in Christus" und immer wieder um ein "reines Herz" oder "dass wir reinen Herzens diese Feier begehen" am Beginn des Gottesdienstes (dazu "Reinigungsriten"). Wir kennen die gottfremden Mächte in uns und um uns: Unkontrollierte Antriebe und die "Mächte und Gewalten" dieser Welt (s. Paulus ).
Wir werden rituell "herausgeholt aus dem fremden Land", das uns gefangen hält, gereinigt von aller "Unreinheit und allen Götzen " (s. Ez 30,24-28) mit dem Ziel: Platz schaffen für den Herrn und seine "Herrschaft" und bereit werden für die Begegnung mit ihm (Communio)! Geöffnet für sein Wort und sein Guttun, "damit wir durch ihn leben".
Die mit ihm in Berührung geraten werden rein: Sie kommen mit sich ins Reine und "machen ihr Herz rein für eine aufrichtige Bruderliebe" (1 Petr 1,22).
Barmherziger Gott,
in jeder Not bist du unser Helfer.
Bleibe bei uns mit deinem Schutz,
gib uns,
was wir für dieses vergängliche Leben brauchen
und führe uns zur ewigen Vollendung bei dir.
(Messgebet)
Text:
Hermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
01.03.2009
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