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Seite: Fragen + Glauben
21.08.2017
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Kreuzdarstellung

Aus großer Angst und tiefem Leid heraus betet Jesus noch am Kreuz zu seinem göttlichen Vater.

Bibelarbeit zu Markus 15 und Psalm 22:

"Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?"

Einleitung:

In ihrem Buch "Une mort très douce" (dt.: "Ein sanfter Tod") schildert die französische Schriftstellerin Simone de Beauvoir das Sterben ihrer schwerkranken Mutter. Das Buch ist ein eindrucksvolles Zeugnis menschlicher Beziehung. Aber es geht um weit mehr: Am Ende legt die Lebensgefährtin Jean-Paul Sartres Rechenschaft ab über ihr Verhältnis zum Leben und zum Tod. Den qualvollen Tod ihrer Mutter voll Entsetzen miterlebend, vermag sie keinerlei Sinnperspektive mehr zu erkennen. Also gibt sie sich der Verzweiflung hin und zieht ein nüchternes Fazit: "Einen natürlichen Tod gibt es nicht: Nichts, was einem Menschen je widerfahren kann, ist natürlich, weil seine Gegenwart die Welt in Frage stellt. (…) Alle Menschen sind sterblich: Aber für jeden Menschen ist sein Tod ein Unfall und, selbst wenn er sich seiner bewusst ist und sich mit ihm abfindet, ein unverschuldeter Gewaltakt".

Der Tod lässt nach dem Leben fragen. Nach seinem Woher und seinem Wohin, und nicht minder nach seiner Sinnhaftigkeit. Aus christlicher Perspektive haben all diese Fragehorizonte ihren gemeinsamen Fixpunkt in Gott: Von Ihm her gewinnt alles Leben Halt und Sinn, in ihm nur kann es letzte Geborgenheit geben. Solch gläubiges Urvertrauen ist aber nicht ein für allemal gewonnen. Es scheint vielmehr zur Grundmelodie des Glaubens zu gehören, dass er je neu gewonnen und im alltäglichen Leben bewahrheitet werden will. Das schließt nicht aus, dass er buchstäblich in die Krise geraten kann: wenn Glaubenszweifel aufbrechen angesichts vielfältiger Ereignisse und Phänomene in unserer Welt, die einfach nicht zusammenpassen wollen mit der Vorstellung eines ebenso wirkmächtigen wie menschenfreundlichen Gottes; wenn Lebensängste aufkommen angesichts der Begegnung mit jener großen Kehrseite des Lebens, die wir Tod nennen.

Das biblische Beten - verstanden als Zwiesprache von Gott und Mensch, Mensch und Gott – spart diese Momente nicht einfach aus. Im Gegenteil: Gerade weil die Heilige Schrift von einem Gott kündet, der den Menschen nicht fern, sondern nahe sein will, versteht sie es, nicht nur Glaube, Hoffnung und Liebe, sondern auch Angst, Not und Verzweiflung vor Gott zu tragen und in Ihm selbst zu dramatisieren. Vielleicht ist es vor allem Hiob, der dafür am eindrucksvollsten Kronzeuge sein kann. Doch auch sein Zeugnis fließt ein in das Geschick dessen, in dem Gott selbst zugegen war (vgl. Kol 1,19) und dessen Lebenshingabe am Kreuz gerade so zum Lebensbrunnen für die vielen wurde (vgl. Röm 5,15.19): Jesus Christus. Von ihm aber, der als Mensch ganz Gott, aber als Gott ganz Mensch war (Vgl. die Lehrformel des Konzils von Chalcedon im Jahr 451n.Chr.(DH 301f.).), erzählt der Evangelist Markus, dass auch seinem unbedingten Gottvertrauen das Moment der Krise nicht erspart blieb. Äußerster Ausdruck dafür ist der Schrei des Gekreuzigten: "Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" (vgl. Mk 15,34). So sehr in diesem Schrei das Moment des Entsetzens und der Verzweiflung mitschwingt, so wenig darf dies übersehen lassen, dass es ein Gebet bleibt, das Jesus hier spricht (vgl. Ps 22). Sicher eines aus großer Angst und tiefem Leid heraus, aber eben doch auch vor dem Angesicht dessen formuliert, der als der allmächtige Gott der Vater aller Menschen ist.

Der Text

(Zur Exegese von Mk 15 und auch von Ps 22 vgl. besonders die Bibelarbeit dieser Reihe vom April 2006 von Markus Lau und Christian Schramm)

Mk 15 22: Und sie führten Jesus zu einem Ort namens Golgotha, was übersetzt heißt: Schädelhöhe.
23: Und sie gaben ihm Myrrhe in Wein zu trinken; er aber nahm ihn nicht.
24: Und sie kreuzigten ihn, und sie verteilten unter sich seine Kleider und warfen das Los darüber, was ein jeder bekommen solle.
25: Es war aber die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.
26: Und es gab eine Aufschrift, die seine Schuld angab: Der König der Juden.
27: Und mit ihm kreuzigten sie zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken.
(28) (Vers 28 findet sich erst in späterer Überlieferung. Die späteren Textzeugen fügen hier entsprechend Lk 22,37 ein.) Da wurde die Schrift erfüllt: Er ist zu den Übeltätern gerechnet worden.
29: Und die Vorübergehenden lästerten ihn, schüttelten ihre Köpfe und sagten: "Ha, der Du den Tempel abbrechen und binnen drei Tagen wiedererrichten willst,
30: Rette Dich selbst, und steig vom Kreuz herab!".
31: Gleichermaßen verspotteten die Hohenpriester untereinander mit den Schriftgelehrten und sagten: "Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten.
32: Der Gesalbte, der König von Israel: er steige jetzt herab vom Kreuz, damit wir sehen und glauben!". Und die Mitgekreuzigten schmähten ihn.
33: Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.
34: Und in der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: "Eloi, Eloi, lema sabachtani?", das heißt übersetzt: "Mein Gott, mein Gott, wozu hast Du mich verlassen?".
35: Und einige der Dabeistehenden, die dieses gehört haben, sagten: "Seht, er ruft nach Elija!".
36: Einer lief und füllte einen Schwamm mit Essig, legte ihn um einen Rohrstock, weil er ihm zu trinken geben wollte, und sagte: "Lasst, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihn herab nimmt!"
37: Aber Jesus schrie laut und hauchte seinen Geist aus.

(Ps 22 1: EIN PSALM DAVIDS, VORZUSINGEN NACH DER WEISE "DIE HIRSCHKUH, DIE FRÜH GEJAGT WIRD".
2: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
3: Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
4: Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.
5: Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
6: Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.
7: Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke.
8: Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:
9: "Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm."
10: Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen; du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.
11: Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an, du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.
12: Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.
13: Gewaltige Stiere haben mich umgeben, mächtige Büffel haben mich umringt.
14: Ihren Rachen sperren sie gegen mich auf wie ein brüllender und reißender Löwe.
15: Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.
16: Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.
17: Denn Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben.
18: Ich kann alle meine Knochen zählen; sie aber schauen zu und sehen auf mich herab.
19: Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.
20: Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen!
21: Errette meine Seele vom Schwert, mein Leben von den Hunden!
22: Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern wilder Stiere - du hast mich erhört!
23: Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern, ich will dich in der Gemeinde rühmen:
24: Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehret ihn, ihr alle vom Hause Jakob, und vor ihm scheuet euch, ihr alle vom Hause Israel!
25: Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er's.
26: Dich will ich preisen in der großen Gemeinde, ich will mein Gelübde erfüllen vor denen, die ihn fürchten.
27: Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden; und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen; euer Herz soll ewiglich leben.
28: Es werden gedenken und sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Heiden.
29: Denn des HERRN ist das Reich, und er herrscht unter den Heiden.
30: Ihn allein werden anbeten alle, die in der Erde schlafen; vor ihm werden die Knie beugen alle, die zum Staube hinab fuhren und ihr Leben nicht konnten erhalten.
31: Er wird Nachkommen haben, die ihm dienen; vom Herrn wird man verkündigen Kind und Kindeskind. 32: Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit predigen dem Volk, das geboren wird. Denn er hat's getan.)

Hintergründe und Zusammenhänge

Die Frage nach dem Warum

Die Bibel weiß um die Not und das Leid der Menschen. Darum kennt sie auch die Frage nach dem Warum. Im Hintergrund der Frage steht allerdings zumeist das Grundparadigma eines Verstehenshorizontes, der einen inneren Zusammenhang vermutet zwischen dem Tun oder Lassen eines Menschen einerseits und seinem darauf folgenden Geschick oder Ergehen andererseits. Soll heißen: Jede Tat wirkt auf den Täter zurück (vgl. Spr 21,21; 26,27) - ein Grundsatz, der so alt ist wie die Menschheit selbst. Der aber nicht unproblematisch ist. Sicher weniger vor dem Hintergrund eines positiven Geschicks, dafür aber umso mehr, wenn vom Ergehen eines Menschen zurückgeschlossen wird auf sein Tun. Dann nämlich gebiert dieser Tun-Ergehen-Zusammenhang geradezu die Frage nach dem Warum, so dass umgekehrt klar wird, dass hinter jeder Frage nach dem Warum des Leidens eben jenes Denken steht, das einen Zusammenhang herstellt zwischen dem Tun und dem Ergehen eines Menschen. Das solches Denken immer wieder in die Krise führen muss, bedarf keines eigenen Nachweises: Das Glück des Gottlosen stellt ein ebenso großes Problem dar wie das Leiden des Gerechten. Das Buch Hiob versucht, die scheinbare Logik von Tun und Ergehen zu überwinden: Hiobs Freunde suchen nach dem Grund seines Leidens und stellen dabei die Frage nach dem Warum. Hiob setzt solchem Nachdenken nun seine Klage entgegen (Hiob 3, 1-26; 7, 1-21; 10, 1-22; 29,2 – 30,31), weil sie allein den lastenden Druck der Warum-Frage zu durchbrechen vermag (Ch. Dohmen, Wozu, Gott? Biblische Klage gegen die Warum-Frage im Leid, in: G. Steins, Schweigen wäre gotteslästerlich. Die heilende Kraft der Klage, Würzburg 2000, (113-125) 116).

Vom Sinn der Klage

Der Glaube vollzieht sich im Gebet. Für die Heilige Schrift kann deshalb auch die Klage zu den wichtigsten Formen menschlichen Betens zählen. Davon zeugen nicht zuletzt die alttestamentlichen Klagegebete und Klagepsalmen (vgl. Ps 22;  Ps 102; Ps 142). Sie überliefern eine Gebetsstruktur, die Auskunft gibt über den existentiellen Glaubensvollzug von Menschen, die in ihrer Not und Betroffenheit zu Gott schreien, dessen liebevolle Zuwendung sie vermissen. An einer äußeren Not erfährt der einzelne Mensch die innere Not seiner Gottverlassenheit. Das verzweifelte Ich schreit darum zu Gott, dessen Nähe sich ihm nicht erschließt. Der Ruf der Verzweiflung gibt jedoch den Glauben an Gottes Wirkmächtigkeit nicht auf. Er zielt vielmehr auf die Wende des unheilvollen Geschicks. Wo sich die eigentliche Wende der Not allererst vollzieht, erweist sich im Bekenntnis der Zuversicht: Im "Du aber" stößt der Beter zu Gott durch und durchbricht seine innerweltlich verschlossene Situation. Die Erfahrung einer neuen Gottesnähe ist nun die Chance zur Bewältigung der Zukunft. Der Mensch schöpft neue Hoffnung, weil er jetzt Gott, den er anruft, neu vor sich weiß. Das klagende Gebet folgt also einem bemerkenswerten Schema: Zunächst wird nämlich um die erneuerte Zuwendung und Nähe Gottes gebetet, um die Wiederherstellung eines dialogischen Gott-Mensch-Verhältnisses, dann erst – in einem zweiten Schritt - um die Wende des Geschicks. Es geht darin also primär um die Erneuerung des Vertrauensverhältnisses eines Menschen zu Gott. Das stellt die Gebetsform der Klage in ein neues Licht, denn "eine Gottesbeziehung, in der keine Konfliktgespräche möglich sind, ist seicht und lebensfern: Klageabstinenz bedeutet Beziehung- und Lebensverlust!" (O. Fuchs, Die Klage als Gebet. Eine theologische Besinnung am Beispiel des Psalms 22, München 1982, 359).

Die biblische Perspektive ist die, die wir aus dem weltlichen Recht kennen: Wo Unrecht geschieht, darf, soll und muss (An-) Klage erhoben werden. Voraussetzung jedweder Klage, der juristischen wie der religiösen, ist dabei das Vorhandensein einer Autorität, die willens und mächtig ist, Recht wieder herzustellen. So erzählt es ja auch das Buch Hiob: Das in der Klage sich äußernde Vertrauen auf Gott wird nicht enttäuscht, vielmehr wird Hiob eine Gotteserfahrung zuteil, die ihm eine neue Zukunft eröffnet (vgl. Hiob 42,5f). Die Gottesbegegnung anstelle aller Antworten aber zeigt, dass es letztlich Hiobs Klage ist, die ihm neue Horizonte erschließt und dadurch letztlich der Frage nach dem Warum ein Ende bereitet. Der Blick wird weggezogen vom Inhalt der Fragen, die Hiob gestellt hat, hin zur Begegnung mit Gott. Dem Grundvertrauen, das der Klage eigen ist, entsprechend, hat Hiob sich gerade in und durch seine Klage mit seiner ganzen Existenz und seinem Leid an Gott gewandt und hat nicht einfach nur – wie die Freunde -  über Gott gesprochen (So sehr schön Chr. Dohmen, Wozu, Gott? 119).

Die Klage Jesu am Kreuz

Jesus hatte nicht nur Mitleid mit allen leidenden Geschöpfen, er hat auch selbst gelitten. Die Passionsgeschichten der Evangelien legen davon ein wie in Stein gehauenes Zeugnis ab. Doch hinter der Größe seines Mit-Leidens steht seine noch größere Bereitschaft zur Hingabe. So zeigt sich gerade im Leiden und Sterben des Gottessohnes, wie sehr Gott inmitten allen Unrechts und allen Leids der Welt seine Gerechtigkeit heraufführt und verwirklicht.

Die älteste Leidensgeschichte Jesu, die der Evangelist Markus überliefert, stellt Jesus in das Licht des leidenden Gerechten: eines Menschen also, der leiden muss, nicht obwohl, sondern weil er in einer ungerechten Welt gerecht ist, und dessen Vertrauen auf die Wirkmächtigkeit und Liebe Gottes trotz aller Leiderfahrung ungebrochen bleibt. Dieses Bild, das sowohl in den Leidenspsalmen als auch bei Jesaja gezeichnet wird, überträgt sich leicht auf Jesus: Obgleich er ohne Schuld ist, verurteilt man ihn wie einen Verbrecher zum Tod. Man wird sicher nicht sagen können, Jesus sei von seinem Geschick in Jerusalem überrascht worden. Spätestens nach der Hinrichtung des Täufers Johannes dürfte er um den Ernst der Lage gewusst haben, sein eigenes Schicksal – davon geben alle Evangelisten Zeugnis – stand ihm mehr als nur einmal deutlich und klar vor Augen. Jesus wollte nicht sterben, er wollte leben. Dennoch gibt es für ihn Wichtigeres als das eigene Leben. Das um seine menschliche und um seine göttliche Bestimmung ringende, alle Angst durchstoßende Gebet der Gethsemanie-Nacht (Mk 14, 32-42) zeigt, was ihm das Wichtigste ist: nämlich den Heilswillen Gottes zu erfüllen, mochte der ihm auch abverlangen, den "Becher" des Todes zu trinken, den ihm die Menschen in ihrer Schuld und Todverfallenheit eingeschenkt haben (Th. Söding, "Ist Gott etwa ungerecht?" (Röm 3,5). Die Theodizeefrage im Neuen Testament, in: M. Böhnke u.a., Leid erfahren – Sinn suchen. Das Problem der Theodizee, Freiburg 2007, (50-68) 58). Den Gipfel- und Höhepunkt dieser äußersten Hingabe-Bereitschaft Jesu markiert das letzte Wort, das Jesus am Kreuz gesprochen hat. Der Evangelist überliefert es nicht nur in griechischer, sondern auch in aramäischer Sprache, der Muttersprache Jesu:

"Und zur neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: 'Eloi, Eloi, lema sabachtani?', das heißt übersetzt: 'Mein Gott, mein Gott, wozu hast Du mich verlassen?'".

Jesus zitiert hier sterbend den Leidenspsalm 22. Der gesamte markinische Kreuzigungsbericht ist von indirekten Zitaten durchzogen, die den ersten Teil dieses Psalms von rückwärts nach vorwärts abschreiten, um auf dem Höhepunkt mit dem direkten Jesuswort zu enden, das den Eingangsvers aufgreift (Th. Söding, "Ist Gott etwa ungerecht?" (Röm 3,5). Die Theodizeefrage im Neuen Testament, in: M. Böhnke u.a., Leid erfahren – Sinn suchen. Das Problem der Theodizee, Freiburg 2007, (50-68) 58). Das Wort signalisiert dabei keineswegs, dass Jesus in gottferner Verzweiflung gestorben sei. Es geht vielmehr um ein Gebet, das Jesus an Gott richtet; und gerade als solches ist es Klage, in der Jesus seine ganze Not herausschreit, Leidenschaft eines angefochtenen Glaubens und sicher auch Widerstand gegen ein aus Unrecht, Feigheit und Herzenshärte herbeigeführtes Geschick. Doch die Klage Jesu reicht weiter: Jesus ist am Kreuz nicht nur von Menschen, er ist auch von Gott verlassen. Der Klageruf ist nicht Ausdruck einer Selbsttäuschung, sondern einer bitteren Einsicht. Sie entspricht dem, was Jesus prophezeit hat: dass "der Menschensohn den Menschen ausgeliefert" wird (Mk 9,31) – von Menschen, aber durch ihre Hand von Gott (Th. Söding, "Ist Gott etwa ungerecht?" (Röm 3,5). Die Theodizeefrage im Neuen Testament, in: M. Böhnke u.a., Leid erfahren – Sinn suchen. Das Problem der Theodizee, Freiburg 2007, (50-68) 58). Damit ist die Frage neu gestellt nach dem eigentlichen, tieferen Sinn des Leidens und Sterbens Jesu. Diese Antwort kann nur einer geben: Gott selbst. Welche Antwort er gibt, wird aber erst im Licht des Ostermorgens erkennbar. Zunächst bleibt die Frage nach dem "Warum". Das Kreuz verheißt keine Antwort, die diesseits des Todes schlüssig gegeben werden könnte (Th. Söding, "Ist Gott etwa ungerecht?" (Röm 3,5). Die Theodizeefrage im Neuen Testament, in: M. Böhnke u.a., Leid erfahren – Sinn suchen. Das Problem der Theodizee, Freiburg 2007, (50-68) 60).

Ps 22

Den Geist solcher Klage atmen die vielen Klagegebete der Psalmen. Sie erteilen dem Blick zurück in die Vergangenheit eine Absage und schauen stattdessen nach vorne. Sprachlich zeigt sich das nicht zuletzt dadurch, dass die Fragen nach dem Leid in den Klagepsalmen mit "Wozu" (lammā), und gerade nicht mit "Warum" (maddūa‛) formuliert sind: "Die beiden Fragewörter maddūa‛ und lammā sind keine Synonyma, sondern haben eine deutlich voneinander unterschiedene Verwendungsweise: maddūa‛ fragt nach einer vorfindlichen, objektiven Begründung für ein Geschehen, lammā fragt nach dem bei einem Geschehen intendierten oder immanenten Sinn. maddūa‛ fragt in die Vergangenheit, lammā fragt in die Zukunft." (D. Michel, "Warum" und "Wozu"? Eine bisher übersehene Eigentümlichkeit des Hebräischen und ihre Konsequenzen für das alttestamentliche Geschichtsverständnis, Studien zur interkulturellen Geschichte des Christentums 48, 1988, 198) Die Eröffnung des Psalms 22, die Jesus am Kreuz zitiert, ist deshalb richtiger mit "mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?" wiederzugeben. Es lässt sich darüber hinaus beobachten, dass die Psalmen die Warum-Frage (mit maddūa‛) kein einziges Mal stellen; sämtliche Klagegebete orientieren sich weniger an der Suche nach dem Warum des Leidens und mehr an der Frage nach dem tieferen Sinn göttlichen Handelns (vgl. Ps 49,6; 74,1; 79,10; Hiob 3,11.20; 13,24). Ein solches Klagegebet, das an Gott die Frage nach dem Wozu des Leidens richtet, durchbricht den Teufelskreis, der immer dann entsteht, wenn Menschen angesichts des Leidens anderer nach dem Grund dieses Leidens fragen; denn die Suche nach den Ursachen des Leidens führt nicht zu Formen des Mitleids, sondern verstärkt und vergrößert das Leid nur noch, wie Hiobs Auseinandersetzung mit seinen Freunden nachdrücklich zeigt (Ch. Dohmen, Wozu, Gott? 120).

Was sich in der Frage nach dem Wozu konzentriert und darum vielleicht zum Durchbruch in den zermürbenden Fragen nach dem Leid führen kann, ist alles andere als ein einfaches Patentrezept. Aber diese neue Perspektive eröffnet das Gebet zu Gott, wobei es nicht darum geht, von Ihm "die Unverständlichkeit und Unergründlichkeit seines Handelns erklärt zu bekommen" (O. Fuchs, Die Klage als Gebet. Eine theologische Besinnung am Beispiel des Psalms 22, München 1982, 71), sondern in Vertrauen und Hoffnung auf Gott und auch vor seinem Angesicht nach dem Sinn und dem Ziel des Leidens zu fragen. Diese Fragelinie führt nicht an der Wirklichkeit des Kreuzes vorbei. Sie bleibt aber auch nicht an ihm haften. Stattdessen gibt sie – wenn auch erst anfänglich und mühsam - eine Antwort zu erkennen, die sich von jenseits des Kreuzes aus dem Geheimnis von Ostern selbst entwickelt. Dann aber ist klar, dass Jesus mit seinem Schrei am Kreuz nicht einfach in die Reihe der Verzweifelten einzureihen ist, die angesichts der Gottverlassenheit nach dem Warum fragen und im Sog dieser Frage stecken bleiben. Im Gegenteil: Der Ruf des sterbenden Gottessohnes lenkt den Blick auf den ganzen 22. Psalm und die in ihm steckende Kraft der Hoffnung. Er ist in die Tiefe der Gottverlassenheit gestiegen, von der auch der Psalm spricht. Aber sein Schrei blieb nicht ungehört. Gott hat ihn vielmehr in einer Weise erhört, die unüberbietbar ist, indem Er durch die Auferweckung des Gekreuzigten nicht dem Tod, sondern dem Leben das letzte Wort gab. Das Licht des Ostermorgens kann den Schrei der Verzweiflung in einen Gesang der Hoffnung verwandeln. Das macht das bleibende Gewicht dieses Psalms im Licht seiner neutestamentlichen Verkündigung aus: Der vertrauensvoll hoffende Mensch "steigt im Nachbeten des Psalms, des Sterbegebetes seines Herrn, gleichsam in dessen dunkle Leidenstiefe hinab und steigt von dort mit ihm auf ins Morgenlicht der Auferweckungsherrlichkeit, die alle Weltzeit überstrahlt" (A. Deissler, Die Psalmen, Düsseldorf 61989, 95).

Vorschlag für eine Bibelarbeit:

(Nach Sr. Maura Cho)

Wenn die Gruppenmitglieder sich zusammengefunden haben, kommen sie zur Ruhe, verharren eine Weile im Schweigen.

In der GESAMTGRUPPE

1. Begrüßung

2. Lesen des Textes: Der ausgewählte Abschnitt aus der Hl. Schrift wird reihum laut vorgelesen; jede/r liest einen Vers; jede/r leiht ihre / seine Stimme dem geschriebenen Text, um ihn hörbar zu einem lebendigen Wort werden zu lassen.

3. Aufteilung in Zweiergruppen: Der/die Leiter/in lädt die Gruppe ein, sich zu jeweils zwei Partnern zu gruppieren und gibt eine Zeit an, wann sich wieder alle in der Gesamtgruppe treffen (je nach Text ca. 10 bis 15 Min.). Bei ungerader Teilnehmerzahl wird eine Dreiergruppe gebildet.

In den ZWEIERGRUPPEN

1. Besinnung:
- Still den Text noch einmal lesen.
- Sich selbst berühren lassen von einem Wort, Symbol, Begriff, es annehmen als Brot für diesen Tag (vgl. Ex 16,14).

2. Hören: Im Hören auf den Partner auf das Wort hören.
- Mit dem Partner mein "Wort für den Tag" teilen.
- Eine/r teilt mit, der / die andere hört zu, ohne sich auf ein Gespräch einzulassen… Zuhören mit einem offenen Herzen, ohne ein Urteil zu fällen; respektieren, wie das Wort den / die andere/n auf einzigartige Weise trifft.

3. Rückkehr in die Gesamtgruppe: Wir treffen uns wieder in der Gesamtgruppe - entweder lädt der /die Leiter/in zur abgemachten Zeit dazu ein - oder die Zweiergruppen schweigen, wenn sie fertig sind; wenn alle still geworden sind, kommen sie wieder zusammen.

In der GESAMTGRUPPE

1. Lesen des Textes
- Alle lesen gleichzeitig den Text laut - auch wenn es sich um verschiedene Übersetzungen oder gar um verschiedene Sprachen handelt.

2. Austausch: Der Gruppe das Wort für den Tag von dem / der anderen mitteilen.
- Darauf achten, nicht die eigenen Gedanken mitzuteilen, sondern das von der anderen Person Mitgeteilte weiter zu sagen.

3. Gebet: Abschließendes Gebet.
- Jede/r formuliert ein kurzes Gebet des Dankes, der Bitte, der Fürbitte…
- Gemeinsames "Vater unser".

Buchhinweis:

Th. Söding, "Ist Gott etwa ungerecht?" (Röm 3,5). Die Theodizeefrage im Neuen Testament, in: M. Böhnke u.a., Leid erfahren – Sinn suchen. Das Problem der Theodizee, Freiburg 2007, 50-68

Ch. Dohmen, Wozu, Gott? Biblische Klage gegen die Warum-Frage im Leid, in: G. Steins, Schweigen wäre gotteslästerlich. Die heilende Kraft der Klage, Würzburg 2000, 113-125

G. Kaiser, Theodizee als biblisch erzählte Geschichte, in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 102 (2005), 115-142

Zum Herunterladen:

  1. Leitet Herunterladen der Datei einBibelarbeit im März: "Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?"

Mehr Informationen im Internet:

  1. Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.kirchensite.de/bibelarbeiten

Text: Wiss. Mitarbeiter Dr. Robert Vorholt, Ruhr-Universität Bochum, Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.bibelwerk.de) in Kooperation mit kirchensite.de | Foto: Michael Bönte
März 2009

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