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27.04.2017
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Jesus als Leidender und Sterbender am Kreuz.

Jesus als Leidender und Sterbender am Kreuz.

Michael Höffner bei "Kirche in WDR 3-5"

"Vorturner" und "Sportler aller Sportler"? – der Gekreuzigte

Aus Günter Grass` berühmten Roman "die Blechtrommel" ist mir vor allem eine Szene in Erinnerung geblieben.(1) Der kleine Oskar, die Hauptfigur, ist zusammen mit seiner Mutter wieder einmal samstags in der Kirche. Während seine Mutter beichtet, nutzt er die Gelegenheit, im Kirchraum zu flanieren. Irgendwann landet er vor dem Hochaltar. Er ist gefesselt von der vollplastischen Darstellung des gekreuzigten Jesus. "Was hatte der Mann für Muskeln" staunt Oskar und meint, dieser Jesus sei ein Athlet mit der Figur eines Zehnkämpfers. Niemals zuckt er und er erfüllt seine Disziplin mit der höchstmöglichen Punktzahl. Oskar betet diese Gestalt förmlich an: Mein süßer Vorturner, Sportler aller Sportler, Sieger im Hängen am Kreuz – mit diesen drei Titeln formuliert Oscar seine persönliche Jesuslitanei.

Jesus ein Modellathlet? Mich hat diese Romanszene damals irritiert, als ich Günter Grass‘ Roman zum ersten Mal las. Es ist ja zunächst ziemlich provozierend, den Gekreuzigten so zu beschreiben. Günter Grass mutet an dieser Stelle eine ungewohnte Außenperspektive zu. Und die trifft einen kritischen Punkt. Würden nicht manche Darstellungen des Gekreuzigten wirklich für die Werbung eines Fitnessstudios taugen? Und führen sie damit nicht weit von dem weg, was Christen mit dem Kreuz verbinden? Was versteht jemand, der vom Christentum keinen Schimmer hat, wenn er so einen trainierten Astralleib am Kreuz vor sich hat? Tun sich Christen einen Gefallen, Jesus am Kreuz so fit darzustellen, in bester Körperkondition?

Einer, der es ganz anders gemacht hat, ist der Künstler Matthias Grünewald. Vor 500 Jahren stellte er den berühmten Isenheimer Altar fertig. Heute pilgern unzählige Touristen ins französische Colmar, um dieses Kunstwerk zu bewundern. Aber Grünewald malte seinen Gekreuzigten nicht für den ästhetischen Genuss. Kaum jemand hat das Leiden Jesu so ungeschönt, so schockierend und in aller Hässlichkeit ins Bild gesetzt wie er. Jesu Kopf mit einer übergroßen Dornenkrone ist leblos auf die Brust gesunken. Der geöffnete Mund scheint noch ein letztes Stöhnen von sich zu geben. Jesu ganzer Leib ist übersät mit eitrigen Stellen und weist eine ungesunde grün-gelbliche Färbung auf. Dieser Jesus ist nicht schön. Und auf diese schockierend detailgetreue Darstellung eines leidenden Jesus kam es dem Maler an: Grünewald schuf den Altar für Menschen, die körperlich nicht mehr fit, sondern durch Krankheit gebrochen waren. Ursprünglich stand der Altar in der Kapelle eines Spitals. Dort wurden Kranke behandelt, die sich mit einem Pilz, dem Mutterkorn vergiftet hatten. Dieser Pilz ließ Zehen, Finger und ganze Gliedmaßen zunächst anfangen zu brennen und dann nach und nach absterben. Man weiß, dass die Infizierten kurz nach ihrer Aufnahme ins Spital vor Grünewalds Altar geführt wurden. Sie sollten sich in diesem Gekreuzigten wiederentdecken.

Bis heute verfehlt diese Gegenüberstellung nicht ihre Wirkung: Vor diesem Leidenden stellt sich unausweichlich die Frage: Wie gehe ich damit um, wenn ich nicht mehr vital und fit bin? Was tue ich, wenn ich an mir Fremdes, ja Zerstörendes entdecke und das Verhältnis zum eigenen Leib plötzlich zwiespältig wird, von Misstrauen und Angst geprägt?

Ganz dezent und behutsam deutet Grünewald mit einer körperlichen Geste einen Weg an: Die Hände des Gekreuzigten sind eigenartig verzerrt. Anatomisch unnatürlich öffnen sie sich nach oben zum Himmel, fast wie eine Schale. Für mich ist das wie eine Hoffnungsgeste über das Leben hinaus.

Bei vielen Menschen rangieren Vitalität und Gesundheit ganz oben auf der Hitliste der Werte. Hauptsache gesund! Das Kreuz Jesu von Grünewald ist da ein Störfaktor. Ungeschönt und doch nicht ohne Perspektive setzt es menschliche Gebrechlichkeit ins Bild. Ich bin überzeugt: Das ist gut so!

Anmerkungen:

(1) Günter Grass, Die Blechtrommel, 6. Auflage München 1997, S. 177.

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Text: Michael Höffner | Foto: Michael Bönte
Mit freundlicher Genehmigung des Öffnet externen Link in neuem FensterKatholischen Rundfunkreferats beim WDR
27.08.2016

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