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29.09.2016
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Am ersten Fastensonntag hat das Wort "Versuchung" einen ganz eigenen Klang, es geht um mehr als Süßkram.

Am ersten Fastensonntag hat das Wort "Versuchung" einen ganz eigenen Klang, es geht um mehr als Süßkram.

Geistliches Wort von Pfarrer Stefan Jürgens

"Und führe uns in der Versuchung"

"Und führe uns nicht in Versuchung", so beten Christen im Vaterunser. Ich spreche diese Worte auch, jeden Tag. Aber ich meine damit etwas anderes. Denn ich glaube nicht, dass Gott uns in Versuchung führen will. Er möchte uns doch nicht anstiften zum Bösen. Oder gar austesten, eine moralische Falle stellen. Ich bin sicher: Er möchte uns vor Versuchungen bewahren. Oder, wenn man schon hineingeraten sein sollte, liebevoll hindurchführen. "Und führe uns in der Versuchung", so sind die Worte wohl gemeint.

An diesem ersten Fastensonntag hat das Wort "Versuchung" einen ganz eigenen Klang. Es weckt Erinnerungen: An die Süßigkeiten, auf die man verzichten sollte, und die deshalb gerade in der Fastenzeit ganz besonders lecker waren. Eine bestimmte Schokoladenmarke wirbt sogar mit der "zartesten Versuchung". Dadurch ist das Wort Versuchung zu einer großen Münze mit ganz kleinem Wert geworden. Und dabei geht es bei den Versuchungen um mehr als um Süßkram. Es geht um viel größere Fragen: Wer bin ich? Wie kann ich sinnvoll leben? Letzten Endes geht es um Freiheit – um die Freiheit zu einem selbstbestimmten Leben. Es geht um die Freiheit, die Gott schenkt, und die das Leben erst glücklich macht.

Die Bibel ist voll von Versuchungsgeschichten. Heute wird eine davon in allen katholischen Kirchen gelesen: Darin erzählt der Evangelist Lukas, wie Jesus selbst in Versuchung geraten ist. (vgl. Lk 4,1-13).

Die Szene spielt direkt nach seiner Taufe im Jordan. Jesus wird, erfüllt vom Heiligen Geist, in die Wüste geführt. Er ist also auch in der Wüste nicht von allen guten Geistern verlassen: Den Versuchungen, die jetzt auf ihn warten, ist Jesus nicht schutzlos ausgeliefert. Gott ist ja bei ihm, in der Kraft des Heiligen Geistes! Vierzig Tage lang ist Jesus in der Wüste – eine Erinnerung an den Wüstenweg Israels ins Gelobte Land, in die Freiheit.

Und jetzt kommt’s! Lukas schreibt: "Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden" (Lk 4,3). Gerade erst – bei seiner Taufe – hatte Jesus das Wort Gottes gehört: "Du bist mein geliebter Sohn." Jetzt muss er beweisen, dass er standhält: "Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl..." (Lk 4,4). Jesus besteht die Situation mit Bravour. Und antwortet dem Teufel: "In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot." Das ist ein Zitat aus dem Alten Testament (Dtn 8,2f), Jesus beruft sich auf Moses, der dieses Wort zuerst gesprochen hat; damit erscheint er als der neue Moses, der das Gesetz zur Erfüllung bringt.

Und so geht es weiter mit den Versuchungen: "Da führte ihn der Teufel auf einen Berg hinauf und zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde. Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben (...). Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören" (Lk 4,5-7). Wieder antwortet Jesus mit einem Moses-Zitat: "In der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen" (Lk 4,8).

In der dritten Versuchung wird die Situation buchstäblich auf die Spitze getrieben. Der Teufel stellt Jesus oben auf den Tempel und sagt zu ihm: "Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich zu behüten; und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt." Jesus antwortet wieder mit einem Bibelwort: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen." Bemerkenswert ist an dieser Stelle besonders: Auch der Teufel kennt die Bibel, denn er zitiert Psalm 91. Merke: Mit der Bibel in der Hand gehört man noch nicht automatisch zu den "Guten"!

Dieselben drei Versuchungen, die ich bei Lukas lese, gibt es auch bei Matthäus, nur in anderer Reihenfolge. Aber bei Markus, dem ältesten Evangelium, tauchen sie gar nicht auf. Da wird nur von der Wüste gesprochen, und dass Jesus dort mit dem Teufel zu tun bekommt. Offenbar haben die ersten Christen in diese ursprüngliche Fassung etwas hineingeschrieben: ihre eigene Lebenserfahrung. Die drei Versuchungen bei Matthäus und Lukas haben ja auch etwas Typisches. Alle Menschen bekommen damit zu tun, auch Jesus. Die drei Versuchungen sind Urbilder – Archetypen für das, was jeder Mensch durchmachen muss.

Denn jeder Mensch braucht Nahrung, jeder möchte genießen und besitzen. Das aber kann in Gier umschlagen, in Habsucht und Konsum. Dafür steht die Versuchung, aus Steinen Brot zu machen. Viele Menschen wollen herrschen, sie streben nach Macht und Einfluss, was zur Diktatur verkommen kann. Der Teufel verspricht Jesus eine solche Macht, wenn er sich vor ihm niederwirft, wenn er sich mit dem Bösen einlässt. Schließlich strebt so gut wie jeder Mensch nach Anerkennung und Prestige; das aber kippt schnell um, Menschen werden eitel und narzisstisch. Dafür steht die dritte Versuchung: "Stürz dich von hier hinab" – der Teufel möchte Jesus zu einem Schauwunder verführen, er soll sich vor anderen als Supermann gebärden.

Die drei typischen Versuchungen heißen also: Besitz, Macht und Ruhm. Aus diesen drei Grundstrebungen erwächst das Böse. Wenn auch Jesus diesen Versuchungen ausgesetzt war, dann soll mir das Mut machen, mich mit diesen Kräften auseinander zu setzen, mich darauf einzulassen – und dabei selber Herr im eigenen Haus zu bleiben. Es geht um Freiheit, bei Jesus und bei mir. Und ich bin, wie er, nicht allein, nicht von allen guten Geistern verlassen, auch nicht in den Wüstenzeiten meines Lebens. Also kann ich den Versuchungen, die auf mich warten, mit Selbstbewusstsein begegnen – und mit Gottvertrauen.

Versuchungen führen mich jedes Mal, wenn sie mich treffen, in eine Krise. Manchmal nur in eine ganz kleine, die ich im Alltag leicht bewältigen kann. Aber ich falle auch in tiefe Lebenskrisen, bei denen es ums Ganze geht. Krise bedeutet: Urteil und Entscheidung. Eine Krise hat den Sinn, mich zu einer Entscheidung zu zwingen, die unausweichlich ist. Ich kann mich nicht nur entscheiden, ich muss mich entscheiden.

Das merke ich spätestens dann, wenn ich tief in der Krise stecke. Jesus lässt eine solche Krise nicht einfach über sich kommen, sondern er lässt sich mit ihr ein; er nimmt sie ernst – und stellt sich ihr.

Und der Teufel? Welche Rolle spielt er in der Geschichte von den Versuchungen Jesu in der Wüste? Ich meine: Der Teufel ist eine Personifizierung der Krise. Er stellt Jesus vor die Entscheidung – für oder gegen Gott. Er will erreichen, dass Jesus sich in der Welt sicher fühlt – und seinen eigentlichen Auftrag vergisst, die Sendung durch Gott, seinen Vater. Jesus soll nicht die Freiheit Gottes wählen, sondern auf eigene Sicherheiten setzen. Dafür stehen symbolisch: Brot im Überfluss, Herrschaft und Anerkennung; also Besitz, Macht und Ruhm.

Über den Teufel redet man nicht gern, und das hat seinen Grund. Die einen malen ihn buchstäblich überall an die Wand. Und verteufeln geradezu alles, was ihnen nicht in den Kram passt. Die anderen sind froh, dass ihnen heute niemand mehr die Hölle heiß macht. Damit gehört der Teufel in die Mottenkammer der Mythologie: Klappe zu, Teufel tot? So einfach ist das nicht.

Denn meistens dient der Teufel nur dazu, vor der eigenen Verantwortung zu flüchten, wenn keine andere Ausrede mehr greift. Schon Eva schiebt im Paradies die Schuld auf die Schlange. Wer keinen Menschen mehr findet, auf den er seine Schuld abschieben kann, der gibt eben dem Teufel die Schuld, dem Bösen an sich. Und kann sich dann guten Gewissens selber leid tun. Er ist ja nur in Versuchung geführt worden und kann gar nichts dafür, sozusagen ein armes Opfer böser Mächte. Von wegen Freiheit und Entscheidung!

Aber, wie auch immer: Christen glauben ja nicht an den Teufel, sie widersagen ihm. Der Teufel ist eine Metapher; er ist ein Bild dafür, dass Menschen ihre Verantwortung loswerden wollen, wenn sie schuldig geworden sind.

In der biblischen Versuchungsgeschichte läuft Jesus vor seiner Krise – dargestellt durch den Teufel – nicht davon. Er geht ihr entgegen – in der Kraft des Glaubens. Und entscheidet sich für Gott – in aller Freiheit.

Auf die Versuchung zum Besitz antwortet er: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein." Jesus kann also loslassen, ist nicht besessen vom Besitz. Für dieses Loslassen gibt es eine gute Übung: das Fasten. Gemeint ist damit nicht das Bemühen, schlanker zu werden, um gesünder zu leben oder besser auszusehen. Fasten ist vielmehr die Einladung zu einem selbstbestimmten Leben. Es geht darum, frei zu werden von Gewohnheiten, Bedürfnissen und Ansprüchen, um wieder frei zu werden zu sich selbst. Wer loslassen kann und verzichten, der wird wieder Herr im eigenen Haus. "Fasten your seatbelt", heißt es im Flugzeug: Fasten macht Leib und Seele fest.

Auf die Versuchung zur Macht antwortet Jesus: "Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen." Damit erkennt er an: Gott ist Gott, und sonst niemand! Er relativiert unser Machtstreben: kein Mensch ist allmächtig. Ein gutes Mittel, Gott als Gott anzuerkennen und sich dabei selbst zu relativieren, ist das Gebet. Denn wer betet, hört auf Gott, spricht zu ihm oder schweigt vor ihm. Auf jeden Fall hält er sich nicht selbst für Gott.

Und schließlich antwortet Jesus auf die Versuchung zu Ruhm und Eitelkeit: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen." Die Ehre gehört Gott, denn was Menschen um ihrer eigenen Ehre willen tun, nimmt selten ein gutes Ende. Selbstverständlich braucht jeder Mensch Anerkennung. Wer jedoch immer nur toll sein will, landet bald im Tollhaus. Ein bewährtes Mittel, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, ist das Almosen geben. Damit ist nicht gemeint, vom reich gedeckten Tisch nur ein paar Brosamen abzuzweigen, sondern alles zu teilen, was man hat und soviel man kann, wirklich und wahrhaftig.

Die grundlegenden Versuchungen heißen: Besitz, Macht und Ruhm. Wenn ich mich davon nicht gefangen nehmen lasse, werde in den Krisen des Lebens standhalten. Ich werde ein selbstbestimmtes Leben führen.

Die Mittel dazu können heißen: Fasten, Beten und Almosen geben. Fasten bedeutet, eine gesunde Einstellung zu mir selbst zu haben. Beten heißt, mit Gott im Gespräch zu bleiben, und Almosen geben führt dazu, dass ich nicht mehr um mich selber kreise, sondern mein Leben mit anderen teile. Die Liebe zu mir selbst, zu Gott und zum Nächsten bewirkt, dass ich innerlich frei bleibe.

Wer mit sich, mit Gott und den Menschen im Reinen ist, der bestimmt sein Leben selbst. Selbstbeherrschung statt Fremdbestimmung, leben statt nur gelebt werden: Die Freiheit nehme ich mir! Es ist die Freiheit, die Gott mir schenkt. Und deshalb bete ich: "Und führe mich in der Versuchung."

Der Autor:

Stefan Jürgens ist Pfarrer in St. Otger Stadtlohn.

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Text: Pfarrer Stefan Jürgens | Foto: Michael Bönte
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