
Es gibt keine Finsternis, in der das Licht der Liebe Gottes und der Zuversicht des Glaubens nicht aufleuchten kann.
Impulse von Pfarrer Jochen Reidegeld
Zuversicht in der Dunkelheit (3)
Hoffnung begegnet uns manchmal an Orten, an denen wir es am wenigsten erwarten.
In der Zeit des Theologiestudiums wurde es mir im Theologenkonvikt manchmal zu eng. Ich hatte nicht selten den Eindruck, in einer Art Glaubensgewächshaus zu leben, und brauchte frischen Wind. Und so suchte ich mir Betätigungen außerhalb des Hauses. Das führte mich ab dem 7. Semester auf die Kinderkrebsstation der Uniklinik in Münster. Ich habe dort viel erlebt, was meinen Glauben erschüttert hat, und eine Weile lang war ich unfähig zu beten. Aus dieser Krise herausgeführt haben mich nicht schlaue theologische Bücher, sondern die Familien, denen ich dort begegnen durfte.
Nie zuvor habe ich einen Ort erlebt, wo so intensiv gelebt und so viel und wirklich herzlich gelacht wurde wie dort. Vielleicht lag es daran, dass Menschen in einer solch schwierigen Lebenssituation spüren, was wirklich wichtig ist und was unnötiger Ballast, von dem es sich zu befreien gilt. Ich bin durch diese Erfahrungen reich beschenkt worden. Ein besonderes Geschenk bleibt für mich dabei das, was ein 17 Jahre alter Junge kurz vor seinem Tod in einem Brief schrieb: "Erst in dieser Zeit der Krankheit habe ich gelernt, was es heißt, von Gott geliebt zu werden."
Es liegt mir fern, das Leid dieser Familien zu romantisieren. Leid, Krankheit und Tod bleiben schreckliche Katastrophen, die unbegreiflich sind und die ich niemandem wünsche. Aber eines haben die Menschen auf der Kinderonkologie mich mehr gelehrt als alle Theologievorlesungen: Es gibt keine Finsternis, in der das Licht der Liebe Gottes und der Zuversicht des Glaubens nicht aufleuchten kann. Und es sind für mich die Menschen, die hier Zeugnis geben vom Evangelium, der Frohen Botschaft vom Leben.
Menschen, die diese Wahrheit leben, begegnen mir auch heute noch zum Beispiel in den Hospizgruppen. Sie stärken die Hoffnung schwerkranker Menschen. Meist geschieht dies nicht durch das, was sie sagen, sondern indem sie einfach da sind, angesichts des Leids nicht weglaufen, sondern an der Seite der Kranken und ihrer Familie bleiben; mit ihnen leiden, aber auch mit ihnen lachen und – leben!
"Der wahre Glaube kennt keine Angst", habe ich im Theologiestudium gelesen. Ich halte das für ausgemachten Blödsinn. Auch wenn ich glaube, können Situationen mich überfordern, zu Boden stoßen und sogar innerlich zerbrechen lassen. Aber die Familien in der Klinik haben mich gelehrt: Es gibt keine Angst, keine Not, in der ich allein bleiben muss, die nicht durch das Licht der Liebe und Fürsorge anderer Menschen erleuchtet werden kann. Und wo ich das erfahre oder andere erfahren lasse, da bekomme ich auch eine Ahnung davon, dass Gott nicht von meiner Seite weicht, dass Gott wirklich der gute Vater ist, von dem Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht Herbst sagt:
"Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält."(1)
Anmerkung:
(1) Rainer Maria Rilke, Das Buch der Bilder, Leipzig 2. Auflage 1923, 45.
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Text: Pfarrer Jochen Reidegeld | Foto: Archiv
15.08.2012
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