
Mit Jesus Christus kam ein Gott in diese Welt, der keinen Winkel meidet, und mag er noch so dunkel sein.
Impulse von P. Kollig: Gottes Sehnsucht nach den Menschen (6)
"Von Gott überzeugt."
Ich hör nicht recht – dachte ich zunächst. "Mama, du bist sooo peinlich", hatte die 15-Jährige rüber gefaucht zu ihrer Mutter. Die hatte mir soeben erzählt, dass ihre Tochter zur Vorbereitung auf das Sakrament der Firmung wöchentlich eine alte Dame im Altenwohnheim besucht. Und weil sie ihre Großmütter nicht mehr kennen gelernt habe, sei sie über diese Beziehung froh. Sie wolle sogar nach der Firmung den Kontakt zu der alten Dame halten.
Heute wird in den Gottesdiensten der katholischen Kirche ein sehr kurzer Abschnitt aus dem Markusevangelium vorgetragen. Dort heißt es: "In jener Zeit ging Jesus in ein Haus, und wieder kamen so viele Menschen zusammen, dass er und die Jünger nicht einmal mehr essen konnten. Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen."
Die Sache ist klar: Die Verwandtschaft von Jesus schämt sich. "Du bist ja sooo peinlich". Aber was hatte Jesus denn angestellt? Er hatte Kranke geheilt; Menschen, deren Leben ausgetrocknet war; er hat die Armen in die vorderste Reihe geholt und die Wichtigtuer zurück gesetzt. Alles das passte nicht zum Trend. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Damals wie heute zählen die Gewinner, die Schönen und die Gesunden, die Schnellredner und die Wenigdenker. Aber ich kenne viele Jugendliche und junge Erwachsene, die gegen den Strom schwimmen. Sie nehmen die Haltung Jesu ein, suchen die direkte Begegnung mit Menschen, deren Leben anders verläuft als gewünscht. Aber es ist ihnen gleichzeitig peinlich. So wie der 15-jährigen Tochter.
Wenn "peinlich sein" bedeutet, dass Christinnen und Christen nicht so schnell angepasst sind, wenn es peinlich ist, dass manche Christen einen Lebensstil wählen, der auf Äußerlichkeiten wie Luxus und Pomp verzichtet, wenn es peinlich ist, dass wir Christen uns in Fragen der Ökonomie und Ökologie, von Ehe und Familie, von Leben und Tod von der Meinung der Mehrheit absetzen; kurzum: Wenn es peinlich ist, dass wir Christen uns an Jesus Christus orientieren, dann gehört es zu unserem Wesen, peinlich zu sein.
Die katholische Kirche ist für ihre Hierarchie bekannt. Dafür wird sie von einigen geschätzt, von anderen gefürchtet, gemieden oder abgelehnt. Ich kann dies verstehen, wenn unsere hierarchischen Strukturen zu kurz greifen und das Oben zu früh endet. Hierarchie bedeutet: "Heiliger Ursprung" und bedeutet für Christen: gegründet in Gott, dem Dreieinigen. Er ist der Schöpfer und zugleich ist er, wie der Theologe Dietrich Bonhoeffer sagte, bis in die tiefste Diesseitigkeit hinabgestiegen. Bonhoeffer meinte: Mit Jesus Christus kam ein Gott in diese Welt, der keinen Winkel meidet, und mag er noch so dunkel sein. Er ist ein Gott, der keine Gewalt anwendet, sondern zulässt, dass ihm Gewalt angetan wird.
Ein solcher Gott ist peinlich, weil ihm die Pein, also das Leiden der Menschen zu Herzen geht. Wo dieser Gott an der Spitze der Hierarchie steht, der heilige Ursprung ist, müssen Christinnen und Christen zwangsläufig peinlich sein. Dazu wünsche ich mir und meinen Mitchristen den Mut.
Während seiner Deutschlandreise hat Papst Benedikt XVI. mit seiner Freiburger Rede betont, dass die weltlichen Maßstäbe nicht Richtschnur der Kirche sein können. Liest man diese Rede gemeinsam mit der des Papstes im Deutschen Bundestag, so versteht man seine Aussage nicht als Aufforderung, sich aus dieser Welt zurückzuziehen. Christen sollen nicht automatisch nach den Maßstäben einer Mehrheitsgesellschaft leben, aber gleichzeitig auch keine Parallelgesellschaft bilden. Als Christinnen und Christen sollen wir Kontrast sein – inmitten unserer Gesellschaft.
Den Mut für Überzeugungen einzustehen wünscht Pater Manfred Kollig aus Münster.
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Text: Pater Manfred Kollig | Foto: Michael Bönte
21.01.2012
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