
Die Liebe hat viele Gesichter.
Impulse von P. Kollig: Gottes Sehnsucht nach den Menschen (5)
"Von Gott berufen."
Er sei es leid, von der Kirche immer wieder überfordert zu werden, sagte mir vor vielen Jahren ein Mitbruder, bevor er unsere Ordensgemeinschaft verließ. An diesen Satz wurde ich im vergangenen Herbst erneut erinnert, als ich intensiver das elfte Kapitel des Lukasevangeliums betrachtete. In diesem Text richtet sich Jesus drohend an die Gesetzeslehrer und die Pharisäer – ungefähr so: Weh euch, ihr Scheinheiligen. Ihr versperrt den Zugang zur neuen Welt Gottes. Ihr achtet auf die Reinheit eurer Gefäße beim Gottesdienst, aber eure Herzen sind nicht rein. Weh euch, die ihr den Menschen untragbare Lasten aufbürdet.
Ich stelle fest: Diese Warnung hat nichts an Aktualität verloren. Kann diese Ermahnung Jesu nicht Juden, Christen und Muslime gleichermaßen aufhorchen lassen und nachdenklich stimmen?
Zu allen Zeiten stehen Religionen in der Gefahr, sich darauf zu beschränken, Ideale zu verkünden und zu verteidigen. Das Ideal der absoluten Treue in der Ehe, das Ideal der Gewaltlosigkeit, das Ideal der Gottergebenheit. Wir alle wissen, dass kein Mensch allen Idealen entsprechen kann. Niemand ist als einzelner Mensch perfekt. Ebenso wenig ist irgendeine Kirche oder Religionsgemeinschaft, ein Staat oder eine Gesellschaft vollkommen.
Die in den Religionen Verantwortlichen stehen in der Gefahr, Ideale gleichzusetzen mit Normen, Gesetzen und Regeln. Das führt zu jener Überforderung, von der Jesus spricht. Die frühe Kirche hat sehr darum gerungen, den Menschen keine unnötigen Lasten aufzuerlegen. So verstehe ich beispielsweise den Einsatz des heiligen Paulus, den Heiden in der Nachfolge Jesu nicht alle jüdischen Vorschriften und Gesetze aufzuerlegen.
Als Christinnen und Christen sind wir berufen, uns im Geist Jesu auf dreifache Weise auszuzeichnen:
Erstens, indem wir die Ideale des Evangeliums und der Kirche kennen und lieben;
Zweitens, indem wir nach Normen suchen, die den Menschen unter ihren kulturellen und sozialen Lebensbedingungen leben helfen und sie nicht überfordern;
Und drittens, indem wir nicht nur die Ideale und die Normen lieben, sondern auch die Lebenswirklichkeit des Einzelnen, der Gesellschaft und der Kirche in dieser Gesellschaft.
Wo Normen zu untragbaren Lasten werden, sind sie grausam. Wo eine Religionsgemeinschaft Menschen überfordert, wird sie zur Lebensbehinderung. Aus dem Geist Jesu zu lieben, fördert hingegen das Leben. Ich wünsche Ihnen diesen Geist zu lieben.
Diese Liebe hat viele Gesichter: Die Liebe bejaht die Ideale, indem sie diese – gelegen oder ungelegen – verkündet. Und sie schaut wohlwollend auf die Wirklichkeit; sie richtet nicht, sondern richtet auf und gibt eine neue Chance. Diese dreifache Liebe ist eine Herausforderung. Allen, die damit ringen, sei ein Wort von Papst Benedikt XVI. Mutmacher, das er während seines letzten Deutschlandbesuchs den Jugendlichen in der Vigilfeier zugesprochen hat: "Achtet nicht so sehr, wie oft Ihr im Leben strauchelt, sondern wie oft Ihr wieder aufsteht."
Dass Sie heute Menschen treffen, die Ihnen beim Aufstehen helfen, wünscht Pater Manfred Kollig aus Münster.
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Text: Pater Manfred Kollig | Foto: Norbert Ortmanns
20.01.2012
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