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25.05.2012
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Als Christinnen und Christen sollten wir nicht glauben, Jesus Christus sei für uns exklusiv wirksam – er nähert sich vielfältig den vielen verschiedenen Menschen.

Als Christinnen und Christen sollten wir nicht glauben, Jesus Christus sei für uns exklusiv wirksam – er nähert sich vielfältig den vielen verschiedenen Menschen.

Impulse von P. Kollig: Gottes Sehnsucht nach den Menschen (2)

"Von Gott erfüllt."

Eine meiner eher zufälligen Begegnungen im Zug. Ich kam mit meinem Nachbarn ins Gespräch. Und wie es häufig ist, wenn man sich nicht kennt und wahrscheinlich nie wieder begegnet: Das Gespräch wurde persönlich. "14 Monate war ich arbeitslos", begann der Mann neben mir zu erzählen. "Meine Ehe wurde geschieden. Zweimal wurde ich an Krebs operiert. Daran schlossen sich Chemotherapie und eine längere Reha an. Das alles habe ich gemeistert." Wir tauschten uns aus über vieles, was in unser beider Leben anders verlaufen ist als gewünscht und erhofft. Wir beide konnten sagen: Wir haben einige Hürden genommen.

Bei der Frage jedoch, wie wir dies geschafft haben, stießen wir auf einen grundsätzlichen Unterschied. Mein Nachbar zählte mir eine Reihe von Gründen auf. Seine Eltern und die Erziehung im Elternhaus haben ihn stark gemacht. In der Schule habe er gelernt, mit Misserfolgen umzugehen. Früh habe er sich durch Psychotherapie eingeübt, seine eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen und zu bejahen. Das alles habe ihn widerstands- und lebensfähig gemacht. Sein Selbstvertrauen sei so groß, dass er sich nicht einmal vor dem Tod fürchte.

Ich hörte ihm zu. Neben der Bewunderung kam in mir die Frage hoch, wie dies bei mir selbst ist. Auch ich bin durch einen bewussten und reflektierten Umgang mit mir stärker geworden. Auch ich habe gelernt, mit Misserfolg und Scheitern umzugehen. Auch mir wird es immer wichtiger, Person und Sache zu unterscheiden und in eine gute Beziehung zu setzen. Ich bringe dieses Reifen und Wachsen in meinem Leben mit Gott in Verbindung und sage: Gott sei Dank!

Allerdings wird mir in der Begegnung mit meinem Sitznachbarn im Zug deutlich: Es gibt heute Menschen, die Schicksalsschläge meistern können - auch ohne Gott in der Hand. Menschen kommen ohne Gott aus und bewältigen die Höhen und Tiefen des Lebens in bewundernswerter Weise. Menschen können sogar ohne eine Perspektive dem Tod ins Auge sehen.

Diese Tatsache hinterfragt mich und mein Christ sein. Selbstverständlich konnte ich nicht in das Innere meines Sitznachbarn schauen. Ich bin darauf angewiesen, ihm seine Stärke zu glauben. Warum sollte ich ihm nicht glauben? Auch Christinnen und Christen muss ich glauben, wenn sie mir bekennen, wie wichtig Gott für ihr Leben ist und wie sehr sie ihm danken und in der Not auf seine Hilfe vertrauen. Ich glaube meinem Sitznachbarn, dass er, wie er sagte, ein völlig weltlicher und kein religiöser Mensch ist.

Am Abend danke ich Gott, dass er auch die ganz weltlichen Menschen stärkt und mit Leben erfüllt. Auch danke ich ihm für ein neues Lehrstück im Zug: Als Christinnen und Christen sollten wir nicht glauben, Jesus Christus sei für uns exklusiv wirksam. Und noch mehr: Er macht sein Wirken in uns Menschen nicht davon abhängig, dass wir uns später vollmundig zu ihm bekennen.

"Die Welt ist Gottes voll." So bekannte der Jesuitenpater und Märtyrer Alfred Delp im November 1944. Für diese Wirklichkeit sollten Christinnen und Christen Sinne und Herzen öffnen. Die Zufallsbegegnung im Zug hat mich daran erinnert. Dies sollte Teil unseres Zeugnisses sein, wenn wir uns zu Gebet und Gottesdienst treffen. Wenn auch unsere Kirchen mancher Orts leerer werden, "die Welt ist Gottes voll."

Mit dem Glauben, dass Gott in Ihnen und in den Menschen wirkt, denen Sie heute begegnen, verabschiedet sich Pater Manfred Kollig aus Münster.

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