
Sobald wir einen Fuß auf die Straße setzen, erleben wir, dass wir in unserem Land mit vielen Kulturen und Menschen zusammen leben.
Impuls im Advent (6)
"Jesus, der Migrant" – Internationaler Tag der Migration
"Dein Christus ein Jude, Dein Auto ein Japaner, Deine Pizza italienisch, Deine Demokratie griechisch, Dein Kaffee brasilianisch, Dein Urlaub türkisch, Deine Zahlen arabisch, Deine Schrift lateinisch, (und) Dein Nachbar: nur ein Ausländer?
"Jeder ist ein Fremder – fast überall", so titelte vor einigen Jahren eine Wander-Ausstellung im Bonner "Haus der Geschichte" und warb mit den gerade gehörten Worten für die Dokumentation. "Jeder ist ein Fremder," nun ja, in unseren eigenen vier Wänden zu Hause mag das vielleicht nicht unbedingt stimmen, aber sobald wir einen Fuß auf die Straße setzen, erleben wir, dass wir in unserem Land mit vielen Kulturen und Menschen zusammenleben – zum Glück! Wie eintönig wäre es doch bei uns ohne die italienische Eisdiele, ohne den griechischen Feinkoststand am Markt oder die vielfältigen Restaurants mit landestypischen Gerichten von Asien bis Afrika. Nein, im vereinigten Europa können wir es uns gar nicht mehr leisten, allein nur unter Deutschen zu bleiben. Heute vor 21 Jahren wurde von der UN-Vollversammlung die Internationale Konvention zum Schutz der Rechte aller Migranten angenommen. Seitdem ist der 18. Dezember ein offizieller Gedenktag für alle Migranten auf der Welt. Und davon gibt es viele! Leben doch nach Angaben der UN im ausgehenden Jahr 2010 weltweit fast 214 Millionen Menschen in Staaten, in denen sie nicht geboren sind. Und Statistiken für die Bundesrepublik zeigen, dass fast jeder Fünfte in Deutschland ausländische Wurzeln hat.
Viele Migranten mussten aus kriegerischen und feindseligen Gründen ihre Heimat verlassen. Aber nicht zu verkennen ist auch die große Zahl von hochqualifizierten Frauen und Männern anderer Staaten, ohne die unsere Wirtschaft und unser Land gar nicht mehr auskommen könnten:
Das Bundesland Niedersachsen beispielsweise hat seine erste deutsch-türkische Ministerin und ohne Fußballer Mesut Özil hätte es für die Deutschen bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer wohl schlecht ausgesehen. Dass gerade aber auch Kinder aus Familien mit einem Migrationshintergrund in unserer Gesellschaft oft benachteiligt sind, das ist eine weitere Wahrheit, die ich persönlich aus meiner karitativen Arbeit in unserer Kirchengemeinde bestätigen kann. Hier sind wir alle, in Politik, Gesellschaft und Kirche in die Verantwortung genommen, zukünftig gerechtere und bessere Bildungschancen für alle Menschen – egal welcher Herkunft – zu schaffen.
Das aus demLateinischen stammende Wort Migration mag relativ neu in Deutschland sein, das, was sich dahinter verbirgt, ist schon Jahrtausende alt. Bereits die Bibel berichtet von Migranten.
Im Alten oder auch Ersten Testament, wird vom Volk Israel berichtet. Über viele Jahrzehnte war es heimatlos unterwegs auf der Suche nach gottgeschenktem Land. Dann, am Anfang des Zweiten Testaments, genauer gesagt zu Beginn des Matthäusevangeliums wird wieder von einer Migration berichtet. Der Säugling Jesus muss mit seinen Eltern über die Grenze ins benachbarte Ägypten fliehen, da der Herrscher Herodes alle Kleinkinder Betlehems töten lässt (vgl. Mt 2,13 ff.).
Jesus war also selbst mit seiner Familie ein Migrant, ein Ausländer. Er und sicherlich noch viel mehr seine Eltern werden erfahren haben, was es bedeutet in einem Land fremd zu sein.
Mich beeindruckt dieser Gedanke: Selbst unser Gott kennt in Jesus Christus dieses menschliche Gefühl, ein Fremder zu sein. Denn schließlich ist Jeder (mal) ein Fremder - fast überall!
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Text: Thorsten Wellenkötter | Foto: Norbert Ortmanns
18.12.2011
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