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25.05.2012
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Große Befreiung.

Impuls von Dr. Silberberg zum Advent: Erlösungswunsch (4)

Große Befreiung

Bei Sturmflut an Bord eines Seenotrettungskreuzers. Das vergisst man nicht. Auch ehemals verschüttete Bergleute wissen, was Rettung ist. Oder einmal im Aufzug steckenbleiben, den Alarmknopf drücken, und es dauert unendlich, bis jemand kommt.

Ein Arzt erscheint verspätet im Wartezimmer und entschuldigt sich: "Ich habe gerade einem Menschen das Leben gerettet."

Am Bahnsteig gegenüber hält mir ein Afrikaner ein großes Schild entgegen: "Jesus rettet!"

Die Gemeinde singt mit Inbrunst: "Rett aus Sünde, rett aus Tod, sei uns gnädig Herre Gott." ( GL 257,10) Und Weihnachten: "Christ, der Retter ist da!"

Heil, Rettung, Befreiung – die alten vertrauten Worte christlicher Hoffnung. Bilder der Erlösung zu einem neuen, unverletzten Leben. Aber auch abgegriffene Worte für kirchlich Heimatlose und Menschen, die auf das noch nicht geschriebene Evangelium ihres Lebens warten, wie sie es nennen. Sie möchten von den Lasten ihres Lebens befreit werden, dem Trostlosen, Sinnlosen und Heillosen.

Rettet Jesus?

Ja, sagen wir, denn "Gott ist ein Gott, der uns Rettung bringt. Gott, der Herr, führt uns heraus aus dem Tod" – in all seinen Erscheinungen. Er "führt heraus aus allen Arten von Gefangenschaft", "die Gefangenen hinaus in das Glück" (s. Ps 68).

Aber wie? Vorstellungen von Loskauf und von Lösegeld oder Sühne und Sühnopfer sind zwar innerbiblisch gut zu erklären, können aber unsere Lebenswelt nicht mehr erreichen. Ohne Gott keine wahre Emanzipation?

Das ist hier der falsche Begriff. "Freiheit kennt die Bibel nur als Freiheit von, aber nicht als Selbstbestimmung oder Emanzipation." (Klaus Berger) Gott befreit uns von Schuld, aus Todesnot und im Tode, wir selbst können es nicht. Paulus betont: Christus befreit von aller Selbstbezogenheit (s. Gal 5) und der Illusion, den Sinn unseres Lebens in der eigenen Hand zu haben. Es sind nur Sinnpartikel oder Sinnoasen, die wir uns selbst schaffen, begrenzt und schnell vergänglich. Auch das Selbst unterliegt heute den Angeboten des Marktes und den Konsumgesetzen. Sie steuern uns wie früher die kirchlichen Gebote.

Wir feiern Jesus als "das Ja Gottes zu all seinen Verheißungen" (2 Kor 1,20) und werden "gerettet durch sein Leben" (Röm 5,10).

Geheilte, Gerettete und Befreite bezeugen es glaubwürdig. Aber alles bleibt vorläufig, ist noch nicht endgültig und allumfassend.

Ob wir in den Zeugnissen der Zeugen für unser Leben und Sterben eine Antwort suchen und finden, hängt davon ab, welche Lebensnot uns treibt, was uns gefangen hält oder was nach Rettung schreit, vor allem aber, ob wir Jesus als die normative Gestalt unseres Lebens bejahen.

Gottverlangen als Erlösungsbedürftigkeit

Ärzte und Therapeuten können Vorläufiges bewirken, aber nicht in "das Land" führen, in dem "keine Träne mehr sein wird" (Offb 21,4), und nicht erschließen, "was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist, das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben" (2 Kor 2,9).

In den Evangelien ist Jesus nicht nur der Arzt, Heiland und Retter. Er ist auch die Antwort auf unsere tiefsten Sehnsüchte und Erlösungswünsche – nach Gottesgemeinschaft und ewigem Leben, nach dem Himmelsglück "von Angesicht zu Angesicht" und der Schau seiner Herrlichkeit, nach dem Offenbarwerden seiner Sohnschaft und unserer Gotteskindschaft.

Die erste Generation der Zeugen weiß: "Was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist." (1 Joh 3,2) Jesus – der vollkommenste Mensch, "gesättigt mit Ewigkeit" (Romano Guardini).

Die Mühseligen und Beladenen, Schuldbewussten und Elenden beten in ihrer Not zu ihm wie die Juden des Alten Bundes zu Jahwe: "Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir, Herr, höre meine Stimme." "Denn beim Herrn ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle." (s. Ps 130) "Gott, du mein Gott, dich suche ich, ... ich halte Ausschau nach dir im Heiligtum, um deine Macht und deine Herrlichkeit zu sehen" (s. Ps 63).

Anfänger (Novizen) suchen anders nach Gott als Bekehrte und Berufene, Mystiker und Gottesfreunde, die das Glück der Gottesnähe schon kennen.

Es muss mehr als alles geben

Das Verlangen nach Gott ist urmenschlich. Auch Glaubensferne stimmen dem zu. Aber kaum jemand träumt heute noch von Heiligkeit und Vollkommenheit als Ziel seines Lebensglücks. Denn dafür würde man alles  investieren.

Oder hat dies Glück nur andere Namen? Absolute Freiheit, vollkommene Liebe, totale Gerechtigkeit? Überall verborgene oder verdeckte "Gottsuche"? Aber nach welchem Gott? Anonyme Gläubige? Wir selbst sind gefragt!

Schon Benedikt ließ Novizen daraufhin "testen", ob sie wirklich Gott suchten (RB 58,7). Er verlangte Ernsthaftigkeit und Gehorsam bei jedem, der sich den Bedingungen und Konsequenzen des Weges zu Gott stellt. Der Test gilt für jeden von uns: Alles tun, was dem Ziel dient, alles meiden, was uns "hindert zu Gott". Leicht gesagt.

Aber was kommt von uns, was von Gott: gehen und geführt werden, sich auf den Weg machen und gezogen werden, sich loslassen und befreit werden, ergreifen und ergriffen werden?

Die klassische Formel lautet: "Mit der Gnade mitwirken." Initiative und Vollendung liegen bei Gott, "der in euch das Wollen und Vollbringen bewirkt" (Phil 2,13). Zugleich der Appell: "Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil" (2,12).

Schrittmacherdienste

Kopf und Herz sollen frei werden von falschen Füllungen und Belastungen, um gottoffen und gottbereit zu sein, klassisch: Reinheit und Ruhe des Herzens! Leicht gesagt.

Der Pilgerweg zu Gott ist voller Hindernisse. Wir kennen unsere Trägheit, die Macht unseres Ego, schlechte Gewohnheiten, Überdruss und Halbherzigkeit, Selbstgerechtigkeit und Selbsttäuschung.

Christus ist für uns die alles bewegende, reinigende und stärkende Kraft auf dem Wege, aber wir müssen auch die Schritte wagen, die er uns vorgibt. In seinem Sinne "gehen und tun", kann für uns selbst und für andere "erlösend und befreiend" wirken.

Menschen brauchen keine großen Worte und Erklärungen, nur Aufmerksamkeit und Zuwendung, Respekt und "Gutsein". Die um Jesus haben es gefunden. Sie verstanden, wie er über Gott sprach, und erfuhren sein Gutsein. Für viele wurde er dann lebensbestimmend. Paulus nennt es: "In seiner Gnade stehen" (Röm 5,2), in sein heilendes und befreiendes Kraftfeld geraten.

Sich auf den Tod vorbereiten?

"Furchtbar, wenn man sich nicht auf den Tod vorbereiten kann", sagt jemand, als er vom plötzlichen Tod eines Bekannten erfuhr.

Sich für die letzte große erhoffte Gottesbegegnung im Tode - "bereiten"? Versöhntsein mit allen?  "Entstörte" Beziehungen? Bereit für die "Endzeit" wie der Prophet Elija: "Du stehst bereit für die Endzeit!" (Sir 48,10) Für die letzte Befreiung und Reinigung, Verwandlung und Heiligung im Feuer der Gottesnähe.

Gottfähig werden durch Befreiung von unserer Selbstbezogenheit. Den Weg durchs "Nadelöhr" gehen und die Wahrheit des Weges erfahren, "der euch freimacht" (s.Joh 8,32).

"Wenn euch der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei." (Joh 8,36) So glauben wir mit guten biblischen Gründen: befreit von allem, was jetzt noch Geist, Leib und Seele beunruhigt, bedrückt und belastet, vom Ungelösten unseres Lebens: ruhigen und reinen Herzens sein, ganz bei sich selbst, "Geburt von oben", geheilt und heil durch Nähe.

Zum Glück gibt es Gott. Aber nicht so, wie es uns gibt. Er ist der "Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist" (Eph 4,6): das große absolute Du vor uns, das uns anspricht und zu dem wir sprechen. Der geheimnisvolle Gott in uns, "in dem wir leben, uns bewegen und sind" (Paulus).

Bekenntnis und gläubige Erfahrungsgewissheit, schwer in Worte zu fassen.

Zum Glück gibt es Gott, "der mein Hirte war mein Leben lang" (Gen 48,15), "der Speise  gibt zur rechten Zeit" (Ps 145,5), "bei ihm ist Erlösung in Fülle" (Ps 130,7).

So spricht der Herr:
Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir;
hab keine Angst, denn ich bin dein Gott.
Ich helfe dir und mache dich stark,
ich halte dich mit meiner rettenden Hand. (Jes 41,10)

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