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25.05.2012
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Bildgespräch: Verkündigung.

Hermann-Josef Silberberg: Bildgespräch - Verkündigung

Nur dieses Bild

Der Gründer und langjähriger Leiter der Kunsthalle NRW, Werner Schmalenbach – ein erklärter Atheist – ging "nur für dieses Bild" (Konrad Witz "Verkündigung an Maria" aus dem Jahr 1444) ins Germanische Nationalmuseum, wenn er nach Nürnberg kam.

Seine erste Begegnung: "Wie ein Stoß in die Magengrube … Bei Konrad Witz wird der Raum zum Ereignis. Ereignis gleich Erlebnis." – Mehr als ein ästhetischer Genuss.

Der glaubensferne Kunstexperte wird in eine andere Dimension der Wirklichkeit hineingezogen: die numinose Kraft des Bildes, seine sakrale Aura, sein spirituelles Fluidum. Er hat sich ein Gespür für "das Heilige" bewahrt, ohne es benennen zu können oder zu wollen. Der täglichen Tyrannei des Sichtbaren ausgesetzt und von Worten überflutet, bemerkt er: "Auf einer Ebene, die jenseits des künstlerischen Erlebens liegt, begegnet mir die Darstellung einer geistigen Macht." – Unsichtbare Nähe.

Leerer Raum

Eine karge Wohnstube ohne Beiwerk und Ausstattung. Zwei reich gewandete, übergroße Gestalten beherrschen den Raum: Der himmlische Bote und die irritiert wirkende Erwählte. Sie scheint in sich zu horchen und umfasst ein "heiliges Buch".

Niemand spricht. Man schaut sich nicht an. Innere Kommunikation. Reiche Gebärdensprache. Parallele Gesten. Auf dem Spruchband des Boten: "Verkündigung".

Ein leerer Raum voll "mystischer Präsenz". Dem schnellen Zugriff entzogen. Keine heillose Leere. Begegnungs- und Empfangsraum. Licht von allen Seiten und ein dunkler Schatten quer durchs Bild: "Vom Geiste überschattet" (Lk 1, 35) wie am Anfang, als "der Geist über den Wassern schwebte" und "die Erde noch wüst und leer war" (s. Gen 1). Mit der Geburt des Sohnes – Beginn einer "neuen Schöpfung". Keine Reportage, kein Foto, keine Momentaufnahme des unvorstellbaren, göttlichen Mysteriums, aber – wie eingebrannt in die innere Bildschicht der Gläubigen, Jahrhunderte lang durchbetet im "Ave Maria" und "Engel des Herrn".

Sie könnten das Gemälde zur Kenntnis nehmen, als wüssten sie darüber Bescheid, ohne sich dem Licht auszusetzen, das hier auf ihren Glauben fällt.

Göttliche Fülle

Der Bote des Himmels und die "Magd des Herrn" tragen auffallend kostbare, prunkvolle Gewänder. Von Magd ist nichts mehr zu sehen. Gläubige Augen wissen:
- "Großes hat der Herr an ihr getan",
- "Niedrige erhob er",
- "Sie ist voll der Gnade",
- "Gesegnete",
- "Der Herr ist mit ihr" (s. Lk 1,28.30).

Himmlischer Nimbus, goldene Haarpracht, das göttliche Weiß der Wand und des Engels: Hier begegnen sich Himmel und Erde. Ein Mensch "wird mit allem Segen Seines Geistes gesegnet" (Eph 1,3). "Heute ist diesem Hause Heil widerfahren" (Lk 19,9).

"Selig" – die Glaubende, die Armen, die Kleinen und die Geringsten!

Maria – "das Gefäß Gottes" – empfängt in verhalten, scheuer Bereitschaft.

Maria – "ein Mensch, der vollkommen zu Gott steht" (v. Balthasar).

Maria – "In ihr ist der Mensch als Empfänger des Lebens im Lichte Gottes dargestellt. Mit ihrem ruhigen Warten ist sie Adventsgestalt. Gegenbild zur nervösen Aktivität der modernen Gesellschaft" (E. Schweizer).

Gläubige Fragen

Engel – real? Real wie Gott? Nur Symbolfigur und Ausdrucksmittel für seine Nähe und sein Wirken? Jungfrau? Entstehung des Textes? Textarbeit vor Glaubensarbeit: Gotteswort im Menschenwort und wie gemalt. Hat Maria ein Gesprächsprotokoll angelegt, das Magnifikat gesprochen?

Das Bild bietet keine Informationen. Hier wird nicht diskutiert. Der Text sagt: Marie liefert sich nicht willenlos aus, sie "denkt nach" (1,29) und fragt nüchtern zurück: "Wie soll das geschehen" (V. 34-38)?

"Alles" nur nachösterliche Darstellung und gläubige Deutung im Lichte des Alten Testaments? Außer Maria weiß niemand, wie es war.

Mit kritisch-skeptischer Distanz gerate ich nicht in das "Heiligtum des Textes", nicht an seinen geistlichen Anspruch und nicht in den mystischen Raum des Bildes.

Ziel: Von einem Wissen (historisch textkritisch), das nicht heilt und nicht rettet, zu einem gläubigen Ja kommen.

Schwebende Aufmerksamkeit

Das Bild lädt ein, still zu werden, zu beten oder zu knien. Es ist ehrfurchtgebietend wie jedes große schöpferische Werk. Es fordert auch von einem Betrachter, der die gläubige Sicht nicht teilt, schwebende Aufmerksamkeit: Die Gesegnete in der Leere des Raumes, die Worte ins Schweigen und der Reichtum derer, die der Herr erwählt.

Der Maler bekennt mit diesem Bild seinen Glauben: "Großes hat an ihr getan der Mächtige" (Lk 1,49). Die Erwählte "lebt aus der Kraft Gottes" (2 Kor 13,4).

Es begann mit Abraham: Gottes Geschichte mit uns. Mit Maria beginnt Neues. Der Atheist kann der gespürten göttlichen Seinsmacht keinen Namen geben. Christen verweisen auf die "Fleischwerdung des Wortes" (Joh 1,14) und bekennen sich zu Jesus, dem "Verkündiger" und "Verkündigten", dem "Sohn des Allerhöchsten" (s. Lk 1,76).

Zur Person:

Geboren wurde Hermann-Josef Silberberg 1939 in Köln. Nach der Priesterweihe 1965 in Münster war er bis zum Herbst 1968 Kaplan sowie Religionslehrer und Mitarbeiter am Landeskrankenhaus in Lengerich. Danach wurde er Subsidiar in Recklinghausen St. Pius sowie Religionslehrer am Gymnasium. Von 1975 bis 2002 war der promovierte Pädagoge Fachleiter für Katholische Religion am Studienseminar in Bochum; zudem war er von 1995 bis 2002 Seelsorger im Benediktinerinnenkloster Maria Hamicolt in Dülmen-Rorup. Von 2003 bis Ende 2011 war er im Auftrag des Bischofs Theologischer Berater von kirchensite.de, dem Online-Magazin des Bistums Münster.

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