
Impuls von Dr. Silberberg zum Advent: Erlösungswunsch (3)
Wahrheit erkennen
Endlich klar sehen: Faktencheck! Wer ist Jesus? Was hat er wirklich gesagt und getan? Wer hat die Geburtsgeschichten verfasst? Die Wundergeschichten, die Offenbarungs- und Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium, den Prozessverlauf und die Kreuzigungsszene gestaltet? Was geschah in Emmaus? Was bedeutet: "Er ist erschienen", "hat sich gezeigt" oder "wir haben ihn nach Ostern gesehen"?
Endlich Antwort auf viele ungelöste Fragen nach der historischen Wahrheit hinter den Evangelientexten. Endlich – das heißt am Ende, aber wozu dann? Bei der "Schau von Angesicht zu Angesicht" ist vordergründiges Wissen überflüssig und unwichtig. "Wenn wir ihn sehen, wie er ist" (1 Joh 3,2) und die Gottesherrschaft sich enthüllt?
Aber bis dahin bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe (s. 1 Kor 13). Denn noch "ist das Land nicht von der Erkenntnis des Herrn erfüllt, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist" (Jes 4,9).
"Der Vatikan" - Autopilot unseres Glaubens?
Die frühe Kirche hat sich selbst ein Maß gesetzt. Sie fasste die ihr wesentlichen in Mission, Liturgie und Katechese umlaufenden Schriften zum "Neuen Testament" zusammen: die "suprema regula" ("höchste Richtschnur"; Zweites Vatikanisches Konzil). An dieser obersten Richtschnur hat sich alle kirchliche Wahrheitsfindung zu orientieren. Ein bleibendes Problem: die Auslegung! "Die Arbeit des Verstehens" (Peter von Matt).
Glauben kann man nicht vorschreiben. Er ist auch nicht identisch mit rechtgläubigem Wissen oder dem Für-wahr-halten von Lehren.
In einer Kultursendung über den Petersdom: "Der Papst sagt den Katholiken, was sie zu glauben haben!" – Unkenntnis, Missverständnis oder hämische Bemerkung eines TV-Redakteurs? Katholiken am Gängelband des Papstes als dem Herrn über Wahrheit und rechten Glauben?
Mündige, selbstbestimmte und aufgeklärte Katholiken starren nicht auf den Papst (oder "das Lehramt") als eine Art "Großwahrheitsbesitzer", der allein entscheiden könnte, was wahr oder falsch, erlaubt oder nicht erlaubt ist. Sie fühlen sich ihm in kritischer Distanz gläubig loyal, aber ohne Untertanen-Geist oder Obrigkeitsdenken und frei von infantiler Anhänglichkeit an kirchliche Vatergestalten, besonders verbunden und achten auf seine Stimme als hervorragenden "Diener des Wortes".
Wir sehen uns mit ihm am "Runden Tisch" derer, die gemeinsam um den rechten Weg vor Gott in dieser Zeit ringen. Wir sind nicht auf Wahrheitssätze (Dogmen) fixiert, sondern auf die Person Jesu ausgerichtet und an Weisungen interessiert, die uns bei der "Erkenntnis Jesu Christi" und der Gestaltung unserer persönlichen Beziehung zu ihm im Raum der Kirche helfen.
Päpste formulieren von Zeit zu Zeit feierlich den " unfehlbaren" Glauben der Gesamtkirche (zuletzt im Jahre 1950!), müssen historisch bedingte Sprachregelungen vornehmen und klären unser Glaubensprofil in "Bekenntnissen".
Nicht die so genannte, oft missverstandene Unfehlbarkeit der Päpste ist heute das Problem wacher, aufgeklärter Katholiken, sondern deren Fehlbarkeit in amtlichen Entscheidungen und Verlautbarungen und ihr selbstverschuldeter Autoritätsverlust.
"Am Ende" wird auch die "Wahrheit kirchlicher Tradition" offenbar und enthüllt werden, was "im Geist der Wahrheit" (s. Joh.) und in aufrichtiger Sorge um "das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit" entschieden wurde und was nicht.
Das Leiden an kirchlichen Strukturen und einigen ihrer Repräsentanten hat ein Ende. Und jeder wird "die Wahrheit" seines eigenen Glaubenslebens erfahren, dass Gott ihm immer schon nahe war und ihn geführt hat, aber auch andere, bei denen man es nicht vermutet hätte: unauffällig gottbereite Menschen "mit demütigem und heiligem Selbstbewusstsein" (Teresa von Avila).
Ihn sehen, wie er ist.
Paulus ist von Christus, dem Auferstandenen, in einem mystischen Augenblick überwältigt, also von der Wirklichkeit dessen, der jetzt in der Weise Gottes lebt.
Seitdem hat Paulus nur den einen Herzenswunsch, ihn "durch und durch zu erkennen", nicht nur in "rätselhaften Umrissen" und "wie in einem Spiegel" (s. 1 Kor 13): "Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung" (Phil 3,10)!
Nie hat es gereicht, über Jesus irgendwelche Informationen abzurufen, um über ihn Bescheid zu wissen oder ihn gar als Christus zu erkennen:
- dass "in ihm das Leben war",
- dass er "Weg, Wahrheit und Leben ist",
- dass "das ewige Leben" darin besteht, "den einzigen, wahren Gott zu erkennen und Jesus Christus, den er gesandt hat" (vgl. Joh 17,3).
Erkennen kann nur, wer auf seinen Weg hinter ihm her gerufen oder gezogen und ihm "gleichgestaltet" wird. "Ihr wollt erkennen ohne Schmerzen", sagt Jesus in einer außerbiblischen Quelle.
Die Evangelien erweisen sich als Chroniken eines angekündigten neuen Lebens, das mit Jesus "erschienen" ist (s. Joh 1)."In ihm war das Leben", das bedeutet in der Sprache des Johannes die Lebensfülle Gottes, das ewige Leben. Die Evangelien bezeugen es glaubwürdig.
Wer sich Jesus anvertraut, ihm, "der die Seinen liebte bis zur Vollendung" (Joh 13,1), kann der Wirklichkeit Gottes gewahr werden und seine verwandelnde Macht erfahren.
Christuserkenntnis ist Gotteserkenntnis: So wie er, ist Gott! Christus – die Ikone des unsichtbaren, unbekannten Gottes.
Das ganze Johannesevangelium erscheint wie eine einzige Antwort auf die nicht ernst gemeinte, lässig hingeworfene Pilatusfrage: "Was ist Wahrheit?" (s. Joh 18). Er wollte die Selbstaussage des "Zeugen der Wahrheit" nur ungläubig infrage stellen, Jesus, den Offenbarer der Wahrheit Gottes und des Menschen.
An jenem Tage
"An jenem Tage" wird ganz ans Licht kommen, was im jüdischen Glauben immer schon vom Gott des Lebens gesagt wurde: Er ist verlässlich und treu, auf ihn kannst du bauen.
Griechen sahen in Christus mehr den Offenbarer, der das verborgene Wesen Gottes enthüllt, das Geheimnis seines Heilswillens und seiner Heilsmacht. In ihm ist die Wahrheit Gottes präsent. Und damit der Leitstern unseres Lebens, der uns unsere Welt besser verstehen und bestehen lässt.
"An jenem Tage" – wenn er "wiederkommt in Herrlichkeit" und jedem von "Angesicht zu Angesicht" begegnet – worauf wir hoffen dürfen – wird alles "sehr persönlich".
Die Wahrheit unseres Lebens kommt endgültig zum Vorschein. Das alte Psalmengebet wird sich bewahrheiten:
Gott, du kennst mich (Ps 139):
- Du weißt, wann ich dir, anderen und mir selbst etwas vormachte.
- Du kennst alles, was mir nicht ins Bild passte, was ich nicht wahrhaben wollte.
- Du kennst mein ganzes gelebtes und ungelebtes Leben, meine Verwicklungen und Verwirrungen, das Wahrhaftige und das Unwahrhaftige, das, was stimmte und was nicht. Das Unfreie und das Befreiende, die glückhaften Zeiten und die verborgenen Ängste. Wie ich war, was ich nicht sein wollte, was ich tat, ohne es zu wollen. Welche Saat wird am Ende aufgehen? Vor welchem Ertrag werde ich stehen? Was wird sich ändern, wenn ich der "verwandelnden Macht Gottes" begegne?
- Du kennst die Bedingungen, unter denen ich gelebt habe, meine Fluchtträume und meine Zufluchtsräume, meine geglückten und meine gestörten Beziehungen.
- Du kennst meine Herzensanliegen und meine inneren Spannungen, die Not und den Segen christlicher Aufklärung, die Zumutungen des Glaubens und meinen Mangel an Kraft und Konsequenzen.
Vor ihm bestehen?
Die Samariterin wurde von ihrer Vergangenheit eingeholt, als sie Jesus begegnete. Er konfrontierte sie mit der Wahrheit ihres Lebens (Joh 4, 18). Aber dieser Prophet droht nicht. Die Frau erscheint angstfrei. Der Brunnen zwischen ihnen ist Symbol: reinigendes Wasser und Quell neuen Lebens.
Wird es so sein, wenn ich sterbe? Eine alte Vision sagt: "Er wird nicht nach dem Augenschein richten, nach dem, was er nur vom Hörensagen weiß, entscheidet er nicht, sondern er richtet die Hilflosen gerecht" (Jes 11,3 f.).
Im Tode und vor Gott ist jeder hilflos. Niemand könnte vor ihm "bestehen". "Ecce homo" - jeder in seiner Geschöpflichkeit und Erbärmlichkeit! Die Wahrheit des Menschen vor Gott. "Unser ganzes Sein bricht auf" (R. Guardini). Das Drehbuch unseres Lebens wird sichtbar.
Am Ende aber überstrahlt die eine Wahrheit, für die Jesus "Zeugnis abgelegt hat" (s. o.) alle Fragen, alles geglückte und misslungene Leben.
Die "Erkenntnis Jesu Christi, unseres Herrn" (s. Phil 3,8) wird alles übertreffen, wie schon Paulus es bekannte. Sie wird mein inneres Auge ganz öffnen und "die Wahrheit wird mich frei machen" (s. Joh 8), wenn ich von der Lebensfülle Gottes erfasst, "in der Wahrheit geheiligt" (s. Joh 17) und so in Gott vollendet werde.
Vor mir eine Ikone mit tiefrotem Rahmen. Er gehört ins Bild wie die Liebe Gottes in unser Leben, "die Liebe, die alles umfängt" (so unser Lied). Unsere Erlösungsträume sind keine Fluchtträume.
"Der Heilige Gottes" aus N. sprach und wirkte mit der Seinsmacht Jahwes: "Ich bin!" Er ist gegenwärtig wie Gott, aber "in anderer Weise Person als wir. Nicht nur im Sinne einer höheren Stufe, sondern absolut" (R. Guardini).
Erst von Angesicht zu Angesicht werden wir "die Liebe Christi verstehen, die alles Begreifen übersteigt" (Eph 3,19). Er hat unser Leben auf einen positiven Grundton abgestimmt. Wir verlieren uns nicht ins Nichts. Im neuen Lebenskreis Jesu werden alle die verwandelnde Kraft Gottes erfahren: Vom Glück oder Unglück Gezeichnete, Vernachlässigte und Verwahrloste aller Art, Lichtgestalten und Ruinen von Mensch.
Der Glaube an den Offenbarer hilft uns, die Hülle der Erscheinungen und unserer Illusionen zu durchbrechen, endgültig am Ende, wenn wir "Ihn sehen, wie er ist" und in seinem Lichte unserer Wahrheit gewahr werden.
Am Ende seines Leidensweges bekennt Ijob:
"Ja, ich habe geredet, ohne zu verstehen,
zu Wunderbares für mich, ohne zu erkennen.
Vom Hörensagen nur hatte ich von dir gehört,
jetzt aber hat mein Auge dich geschaut." (Ijob 42, 3.5)
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Hermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
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