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25.05.2012
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Impuls von Dr. Silberberg zum Advent: Erlösungswunsch (2)

Hafen der Ruhe

Ein ungewöhnliches Leben. Von außen gesehen voller Höhepunkte, Erfolgswogen und Glücksmomente: "Satt an Gutem" (Ps 104, 28). Eine Frau von 40 mit Lebensenergie, Gestaltungskraft und Zugreiflust, von ansteckender Lebendigkeit und Freiheit. Dazu noch theologisch gebildet. Ihr innerer Weg – unsichtbar bis zuletzt, drei Wochen vor dem Ende. Als ob sich jetzt alles verdichtet hätte, was bei jedem spirituellen Prozess oft ein Leben lang in zähem Auf und Ab geschieht: Das Grundmuster des heilsgeschichtlichen Weges Israels. Es scheint sich im einzelnen Menschen zu wiederholen: Auszug aus Ägypten, Durchzug durch die Wüste und Einzug ins Gelobte Land.

Land seiner Ruhe

Exodus: Alles, was mich bisher reich machte ("Fleischtöpfe") und mich gefangen hielt, hinter sich lassen oder loslassen.

Wüste: Den schmerzhaften Weg von Entbehrung und Reinigung, Entleerung und Entsicherung wagen bzw. gehen müssen.

Gelobtes Land: Sich in das Land Jahwes, das Land seiner Ruhe, den Raum eines neuen Lebens führen lassen. – Auszug, Durchzug, Einzug.

Ein anderes Bild: "Die mit Schiffen das Meer befuhren", von Stürmen und Wogen bedroht, den elementaren Mächten ausgeliefert, haben nur das eine Ziel, den "ersehnten Hafen zu erreichen" (Ps 107, 30). Martin Buber übersetzt: "den Hafen ihres Wunsches". Die Vision vom Hafen der Ruhe und die Verheißung, "in das Land seiner Ruhe zu kommen" (Ps 95,11) werden zu Leitvorstellungen vom "ewigen Heil".

Am Grabe einer lebenssprühenden jungen Frau klingt es fremdartig: "Gib ihr die ewige Ruhe!" Es passt nicht zu ihrem bisherigen Lebensdrang. Kein "Hafen ihres Wunsches". Kein Gedanke an "Ruhestand" oder gar Abbruch in vollem Lauf.

"Zwischendurch" wäre wohl etwas mehr Pause, Abstand, Innehalten, Verweilen und Entspannung nötig wie bei allen Friedlosen und Gehetzten, Rastlosen, Aktivisten und unruhigen Geistern. Sich eine Auszeit nehmen und etwas Ruhe gönnen. Aber: "Erlösung" vom bewegten Leben? Ja, aber bitte später!

Die Kraft der alten Bilder lässt nach

Das "Land seiner Ruhe" ist das Land der Verheißung, in dem "Milch und Honig fließen", eine Oase für Wüstenbewohner, ein Land der Fülle. Wenig attraktiv für Menschen einer Überflussgesellschaft. Kein "Heilsort" für uns. Genauso die Rede von der "himmlischen Heimat" (Hebr. 11,16) als Ziel unseres Pilgerweges. Keine Lösung für Menschen, die ihre Heimat nicht jenseits der Sterne suchen und sich der Erde verpflichtet fühlen. Oder das Bild von der "Gottesstadt" als letztem Zufluchtsort – für Wüstenbewohner vielleicht anziehend, nicht für Großstadtmenschen.

Uralte biblische Heilsbilder haben an Kraft verloren, wo der kulturelle Nährboden ihrer Entstehungszeit fehlt. Die Vorstellungen von Heil und Erlösung müssen sich neue Bildgestalten und Sprachformen suchen. Eine "Stadt auf festem Grund" mag für Zeltbewohner wie eine Wellness-Oase sein, für uns hat sie nichts Verlockendes. Auch die alte platonische Zweiteilung von Geist und Leib, Jenseits und Diesseits, Himmel und Erde, bestimmt nicht mehr unsere Selbst- und Welterfahrung, und sei sie uns liturgisch noch so vertraut.

Bleibend Christliches

"Alles Leben ist Heimweh. Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause" (Novalis).

"Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir, o Gott" (Augustinus).

"Unsere Heimat ist im Himmel. Von dort her erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter" (Phil 3,20).

Ob Hafen oder Land, Oase oder Himmel, Haus oder Stadt: Es ist Gott, der uns zu sich ruft. Das von Gott gesetzte Ziel ist unsere Bestimmung: Bei ihm sein! Denn "beim Herrn ist Erlösung in Fülle". Die Sehnsucht danach entsteht nicht am Schreibtisch, sondern dort, wo es um Leben und Tod geht: in Gefangenschaft und Wüste, Krankheit und Todesnot, in Erfahrungen von Sinnlosigkeit.

Gott, der Herr des Lebens, gibt Anteil an seinem. Er gewährt Gemeinschaft mit sich: "Himmel!" Jetzt schon und in Ewigkeit finden wir unser Lebensglück "im Frieden des Herrn". Das ist christliche Botschaft und Weisung von Anbeginn.

Anders als stoische Ruhe, anders als die behäbige Gemütsruhe derer, die ihre Ruhe haben wollen: Antriebsarme, Energielose oder Herzensträge.

Auch mehr als die Abgeklärtheit eines gereiften Menschen am Ende eines spannungsreichen Lebens. Mehr als gepflegte Innerlichkeit, die wir uns in einem beziehungsreichen, aber bindungsarmen Leben von Zeit zu Zeit gönnen.

Nichts gegen eine Dosis Meditation, ein bisschen Zen-Technik oder eine Anti-Stress-Strategie, dieses bisschen Mehr an Lebensqualität, ein "Jenseits" zum Gewöhnlichen und Alltäglichen – wohliges Beisichsein – ganz ohne Gott, vielleicht eine Brücke zu ihm.

Beziehung ist alles

Das Schlüsselwort christlicher Lebens- und Überlebensstrategien heißt "Beziehung". Wir suchen die Gottesgemeinschaft oder Christusnähe. Ein "Heilszustand", der unserem gläubigen Lebensgefühl und unserer Ewigkeitssehnsucht entspricht:
An "Gottes Ruhe" teilhaben …

  • wie der Jünger, den Jesus liebte, an seiner Seite (Joh 13,23); des Jesus, der selbst "am Herzen des Vaters ruht" (Joh 1,18),
  • wie Maria, die Schwester der umtriebigen Marta, "zu Füßen des Herrn, ihm zuhörend" (Lk 10,39),
  • "wie ein kleines Kind bei der Mutter" ( Ps 131,2)
  • oder wie "in Abrahams Schoß" (Lk 16,22).

Ruhe bei Gott als Vorgeschmack eines ewigen Sabbat! Jetzt schon! Ruhe in aller Unruhe: "Im Frieden dein, o Herre mein, lass ziehn mich meine Straßen" (GL 473).

Gott ruhte am siebten Tag

Er ruhte, segnete und heiligte ihn, sagt die Schrift (Gen 2,2f.). Der Sabbat wird neben der Tora zu einem Lebenspol der Israeliten. Sie hatten schlechte Erfahrungen mit sich selbst gemacht und waren nie richtig im Land der Verheißung angekommen. Es wurde nicht zum "Land seiner Ruhe", weil sie seine Bundesweisungen nicht befolgten. Schnell zerbrach die erste Liebe aus der Wüstenzeit (s. Hos 2,21; Jer 2,2). Sie lebten auf eigene Faust, persönlich wie politisch. Die Folge: Ungerechtigkeit, Kriege, erneute Gefangenschaft.

Die Teilhabe an Gottes Ruhe blieb ein Sehnsuchtsziel: Gottesnähe als vollkommenes Glück und Ende aller Aktivitäten. Schon beim Wüstenzug hieß das Haupthindernis "Ungehorsam". Nach erneuter Gefangenschaft sollte ein schriftgeleitetes Leben und die Einhaltung des Sabbat "gottfähig" machen. Vor allem am Sabbat wollte und sollte man der Ruhe in Gottes Ewigkeit näherkommen, einmünden in jene Ruhe, aus der die Welt hervorgegangen ist.

Christen blicken mit ihrer Feier des achten Tages, des "Herrentages", noch über den Sabbat hinaus. Sie schauen auf das "neue Leben in Christus". Bei ihm finden sie "Ruhe für die Seele" (Mt 11,39) oder "beruhigen ihr Herz in seiner Gegenwart" (1 Joh 3,20). Sie suchen, "den Frieden, der alles Begreifen übersteigt" (Phil 4,7).

Ob Sabbat oder Eucharistie, immer ist es ein "zu Gott kommen" und Stillwerden in seiner Nähe: "Die Große Stille", Anteilhaben am ewigen Sabbat, Ruhe, die nur von Gott kommt, in Zeiten und an Orten, wo er zu uns kommt. Wir müssen uns für diesen "Sabbat" bereiten, für die Wirklichkeit des Unsagbaren, die Sabbatstunden im Schatten des Ewigen, das Fenster ins "Gelobte Land".

Die Bilder und Bildworte lösen sich auf zugunsten einer "Person", dem absoluten Du, dem "Ersten und Letzten", dem Schöpfer und Vollender jenseits aller Grabesruhe: "bei ihm sein, wo er ist" (s. Joh 17,24)!

Ein wunschloses Sein gibt Gott uns allein (Teresa von Avila).

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  3. undefinedAusgewählte Impulse von Hermann-Josef Silberberg in Buchform

Text: undefinedHermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
02.12.2011

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