
Auch wenn die Medizin immer mehr Fortschritte macht, bleibt Krankheit und Vergänglichkeit an uns haften.
"800 Jahre alt – und immer noch lebendig" (4)
Leben erspüren
Auch Worte können Bilder malen. In diesem Sinn möchte ich mit Ihnen ein Bild anschauen, dass vor achthundert Jahren die Schwestern in dem kleinen Kloster San Damiano bei Assisi von der heiligen Klara gezeichnet haben. Ihre Aussagen im Heiligsprechungsprozess vermitteln uns heute ein recht lebendiges Bild.
Liest man diese Aussagen der Schwestern, dann ist es fast so, als schaue man Lebensbilder aus ihrem gemeinsamen Alltag in Assisi an. Eine dieser Szenen zeigt Klara im Gespräch mit einem verheirateten Mann, Herrn Ugolino. In den Augen Klaras kann man einen aufmerksamen, liebevollen, hellwachen Ausdruck vermuten, während Herr Ugolino recht düster guckt, wahrscheinlich irgendetwas vor sich hin brummelt und im Gesicht stehen hat, dass er nichts hören will. Also hört Klara zu. Vor vielen Jahren schon hat Herr Ugolino seine Frau zu ihrer Familie zurückgeschickt, ist seitdem verbittert und abgehärtet gegen alle guten Ratschläge. Seine Freunde und Verwandten haben ihm schon oft zugeredet, seine Frau zurückzuholen. Doch er hat sich in seine Lage regelrecht verbissen. Ein Nein gegen alle, die ihm zureden.
Klara redet ihm nicht zu, lässt sich aber auch nicht von seinem grimmigen Poltern irritieren. Was Herr Ugolino im Umgang mit Klara erfährt, ist eine Heilungsgeschichte. Heilen geschieht in einer Wechselbeziehung, in einem Vertrauen, dass zwischen den beiden von innen her wächst. Hier wie in allen Heilungsgeschichten offenbart Klara eine große Durchlässigkeit, ein Gespür dafür, was dem anderen gut tut und ihm hilft. Sie durchbricht das Bollwerk, das Herr Ugolino aufgebaut hat, nicht mit Gewalt, sondern fühlt sich durch die Mauer des Selbstschutzes hindurch in ihn ein. Da entdeckt sie eine tiefe Sehnsucht nach Leben, die Herr Ugolino geradezu weggesperrt hat. Klara tut nichts weiter, als in seine Lebensabwehr hinein Gottes Lebenszusage hineinzusprechen und sie mit ihrem eigenen Leben zu bezeugen. Da bröckelt seine Mauer, und er findet zu seiner eigenen Lebenssehnsucht zurück. Tatsächlich holt Herr Ugolino nach all den Jahren seine Frau zu sich zurück, und den beiden wird ein Kind geschenkt.
Klaras Mitschwestern berichten von einer weiteren ungewöhnlichen Heilungsszene: Als Schwester Andrea ihre Krankheit nicht länger ertragen mag und eines Nachts etwas gewaltsam Abhilfe schaffen will, führt das fast zu ihrem Tod. Klara wird wach und schickt schnell eine Schwester dieser Kranken zu Hilfe. Sie sagt: "Geh schnell nach unten in den Schlafraum, denn Schwester Andrea ist schwer krank. Erwärme ein Ei für sie und gib es ihr zu trinken. Und wenn sie ihre Stimme wieder hat, dann bringe sie zu mir" (ProKl 3,48-50). Als Schwester Andrea dann zu Klara kommt, fragt diese, was sie getan habe. Doch die Schwester will nicht mit Klara reden, obwohl sie ihre Stimme wieder gebrauchen kann. Da sagt Klara ihr ganz klar, was sie getan hat. Diese schonungslose Diagnose wirkt. Die Heilung der Schwester Andrea besteht nicht nur in der Beseitigung des körperlichen Übels. Klara hilft ihr zugleich, sich dem inneren Übel zu stellen und anzunehmen, was ist. Die Annahme dessen, woran ich innerlich kranke, ist der Beginn der Heilung, die dann den ganzen Menschen ergreift.
Auch wenn die Medizin immer mehr Fortschritte macht, bleibt Krankheit und Vergänglichkeit an uns haften. Und alle Heilung ist immer nur ein Aufschieben des unweigerlichen Endes unseres Lebens. Vor 800 Jahren zeigt die Heilige Klara, dass wir nicht nur dem therapeutischen Bemühen durch Fachkräfte vertrauen sollten. Wir können selber unsere inneren Heilungskräfte aktivieren, indem wir aufrichtig annehmen, was unser Dasein ausmacht – mit all seiner Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit.
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Text: Schwester M. Ancilla Röttger | Foto: Norbert Ortmanns
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