
Klara sucht ein Leben, das vom "roten Faden" des Evangeliums durchzogen ist.
"800 Jahre alt – und immer noch lebendig" (3)
Hören lernen
Vor achthundert Jahren begann Klara von Assisi ihren Weg der Nachfolge Jesu. Und als Ihre Mitschwestern im Prozess um ihrer Heiligsprechung befragt wurden, da übermittelten sie nicht einfach nur nüchterne Daten. Sondern sie zeichnen – fast mehr noch zwischen den Zeilen – lebendige Bilder aus Klaras Leben. Viele dieser Bilder zeigen Klara als einen Menschen, der zuhören kann.
Eine solche Begebenheit möchte ich etwas ausmalen. Es ist ein Gespräch in San Damiano, dem kleinen Kloster der Schwestern, nahe Assisi in Mittelitalien: Schwester Christiana spricht und Klara hört zu, zwar mit kritischem Gesichtsausdruck, aber ihre Augen verraten Offenheit und Aufmerksamkeit. Auch wenn sie die Hörende ist, spürt man der Situation an, dass Klara die Autorität der Leitung hat, denn die erweist sich gerade im Hören-können. Schwester Christiana scheint ihr etwas zu erzählen, was sich so nicht ins Bisherige einfügen lässt. Und Klara verlässt die hörende Haltung nicht, um ihre bisher vertraut gewordenen Schritte zu bestärken. In den Worten der Schwester versucht sie auf Gott zu hören. Und – so sagt Schwester Christiana ausdrücklich – sobald sie spürt, dass es nicht im Sinne Gottes ist, was sie tut, ändert sie es, ohne zu zögern (ProKl 13,15).
Viele notwendige Veränderungen scheitern daran, dass Menschen Bisheriges nicht loslassen können. Der Grund für so manchen Streit in Beziehungen und auch in Familien liegt in mangelnder Bereitschaft zu Veränderung. Besserwisserisches Festhalten an Vertrautem, unter Umständen noch in Sorge um schwindende Autorität blockiert manchmal den Weg. Genauso führt gewaltsames Verändern ohne wirkliches Hinhören in eine Sackgasse. Leben hat in sich die Tendenz zur Veränderung. Und was neu wird, kommt aus dem Alten, aber anders als zuvor.
Klara geht es nie um eine starre, feste Form und um Regeln, die man abhaken könnte. Sie sucht ein Leben, das vom "roten Faden" des Evangeliums durchzogen ist. Und das Evangelium ist die Botschaft des lebendigen Gottes. In Psalm 40 heißt es: "An Schlacht- und Speiseopfern hast du kein Gefallen, Brand- und Sündopfer forderst du nicht. Doch das Gehör hast du mir eingepflanzt" (Ps 40,7). Eingepflanzt – das zeigt an, dass es mit dem Hören nicht so einfach ist; mit dem Hinhören und dem Zuhören, mit dem Verstehen. Wenn die Fähigkeit zu hören eingepflanzt ist, will das Hören offensichtlich dem Wort entgegenwachsen. Und das Wort trifft auf Gewachsenes, auf meine Geschichte, auf meine lebendige Sehnsucht und meine schmerzenden Narben. Was ich höre, kann ganz anders sein als das Wort, das gesprochen wurde. Manchmal höre ich nur das, was ich selber denke. Manchmal nur das, worin ich dem andern widerspreche. Wie auch immer: Selten höre ich wirklich, was der Andere sagt. Solch ein Hören muss mühsam eingeübt werden im Alltag. Halten wir es mit der Heiligen Klara: Aus dem Hören heraus sollte sich unser Tun bestimmen. Aus dem Hören auf Gott und auf die Menschen – und auf das eigene Herz.
Unser eigener Lebensweg ist zu einer persönlichen Lebensweise geworden, auch in dem doppelten Bedeutungssinn von "Weise", nämlich zu einer Lebens-Melodie. Lebendigkeit hat in diesem Sinn damit zu tun, musikalisch zu sein und voller Freude das eigene Leben zu singen. Um eine Melodie richtig aufnehmen zu können, müssen wir gut hinhören, manchmal auch andere singen lassen und von ihnen den Ton übernehmen können, wie Klara vor 800 Jahren in Assisi.
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Text: Schwester M. Ancilla Röttger | Foto: Albrecht E. Arnold (
pixelio.de)
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