
Wer diesen Sprung wagt – hinein ins Vertrauen -, braucht vor vielem keine Angst mehr zu haben.
"800 Jahre alt – und immer noch lebendig" (2)
Vertrauen können
Auch wenn uns achthundert Jahre von der heiligen Klara von Assisi trennen, so können wir uns doch heute noch mit ihr vertraut machen. Das haben wir vor allem ihren Mitschwestern zu verdanken, die im Heiligsprechungsprozess so manche Szene aus dem gemeinsamen Leben mit Klara im kleinen Kloster San Damiano bei Assisi überliefert haben.
Eine sehr eindrückliche Begebenheit ist ihre Flucht aus dem Elternhaus. Ich male die Szene etwas aus: Es ist Nacht. Und in der Dunkelheit kämpft sich eine junge Frau mit eigenen Händen durch eine mit Brettern und Steinen verbarrikadierte Seitentür des Hauses. Man spürt förmlich die Energie, mit der sie ans Werk geht. Sie schürft sich die Hände auf an den rauen Steinen und beschmutzt ihr Kleid. Aber für sie zählt nur das Öffnen der Tür.
Klara ist 18 Jahre alt. In der Nacht vom 27. auf den 28. März 1211 verlässt sie heimlich ihre bisherige Welt. Was Flucht bedeutet, erfuhr sie schon als Kind. Damals führten die Bürger Assisis mit dem Adel Krieg, und Klara musste in die Nachbarstadt Perugia fliehen. Flucht verletzt immer die eigenen Grenzen. Doch offensichtlich hat die frühere Flucht im Krieg keine Ängste bei ihr hinterlassen. Jetzt übersteigt sie selbst ihre Grenzen, in denen sie bisher geborgen und sicher war, und wagt sich hinaus in das dunkle Ungewisse. Um ihr eigenes Leben hat sie keine Angst.
Doch es gibt etwas, worum Klara wirklich Angst hat. Um das Herzstück ihrer Lebensform: – das Leben in Armut. Um das zu bewahren, hatte sie sich vom Papst ein Privileg erbeten: das Privileg, dass niemand sie zwingen darf, Besitz anzunehmen. Dabei war im Mittelalter Grundbesitz eine Vorbedingung für eine Klostergründung. Dieses Privileg zu verlieren, ist Klaras große Sorge. Es ist ihr Manifest des Vertrauens in einen bedingungslos liebenden Gott. Würde man es ihr nehmen, dann entzöge man ihr den Boden, in dem sie wurzelt.
Bei dieser Armut geht es nicht um eine asketische Höchstleistung, sondern um Vertrauen. Indem Klara arm wird, lässt sie all das los, was vermeintlich Sicherheit schenkt und doch keine ist. Alles Absichern nährt nämlich nur die Angst, ob die Versicherung auch Sicherheit schenkt. Ein stetig wachsender Kreislauf von Absicherung und Angst. Vertrauen ist die einzige Chance, diesem Kreislauf zu entkommen. Letztlich das Vertrauen in Gott, der allein das Leben begründet und trägt.
Wer diesen Sprung wagt – hinein ins Vertrauen -, braucht vor vielem keine Angst mehr zu haben. Denn all unsere selbst erarbeiteten Absicherungen sind zerbrechlich. Gott allein trägt. Knapp 400 Jahre nach Klara von Assisi wird eine andere große Ordensfrau dies unnachahmlich in Worte fassen. Teresa von Avila sagt: "Nichts soll dich fürchten, nichts soll dich ängstigen – Gott allein genügt".
Allerdings ist es leicht gesagt: vertraue nur – allen Enttäuschungen zum Trotz! Vertrauen ist ein gelebter Ausdruck der Armut, eingeübt ins Loslassen. Nach den Aussagen der Mitschwestern Klaras war die Liebe zur Armut der tiefste Grund ihrer Heiligkeit. Denn sie ist die Garantie der Nähe Gottes. Liebe Hörer und Hörerinnen, Sie brauchen nicht das Leben der Armut zu wählen, das die heilige Klara für sich gewählt hat. Aber Vertrauen zu lernen ist für jeden lebensnotwendig – Schritt für Schritt. Leben in der Gegenwart Gottes. Und ich bin überzeugt: Das Vertrauen in ihn wird nie enttäuscht. Nur darum können wir loslassen.
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Text: Schwester M. Ancilla Röttger | Foto: Michael Bönte
22.11.2011
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