
Vertrauter Umgang mit kostbaren Stoffen und Schönheit ist in manchen Situationen bei Klara spürbar.
"800 Jahre alt – und immer noch lebendig" (1)
Freude an Schönheit
Vor 800 Jahren hat die heilige Klara von Assisi ihren Weg der Nachfolge Jesu begonnen und sie legte damit eine Spur, der heute weltweit über 13.000 Schwestern folgen. Zu diesen Schwestern gehöre auch ich. Und unser 800-jähriges Ordensjubiläum ist mir ein Anlass, Ihnen in dieser Woche die heilige Klara ein wenig näher zu bringen. Auch wenn uns Jahrhunderte von ihr trennen, kann uns die Lebendigkeit ihrer Person heute noch anrühren.
Am besten lernen wir einen Menschen kennen, wenn wir erleben, wie er auf die kleinen Dinge reagiert, die einen täglich herausfordern, wie er sich in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen verhält – eben all das, was den normalen Alltag ausmacht. Klara hatte einen ausgeprägten Sinn für Schönes. Aus ihrer adligen Herkunft bringt sie einiges an Prägung mit. Vertrauter Umgang mit kostbaren Stoffen und Schönheit ist in manchen Situationen bei ihr spürbar. Diejenigen, die sie kannten, beschreiben Klara als schöne Frau. Und wie viele schöne Menschen denkt sie darüber nicht nach, sondern freut sich einfach an Schönheit. Davon spricht ihre Aufforderung an diejenigen Schwestern, die außerhalb der Klostermauern etwas zu tun haben. Sie sagt ihnen nicht, sie sollen sich von nichts ablenken lassen. Sondern sie ermuntert sie: "Macht die Augen auf und schaut euch um. Und wenn ihr schöne Menschen seht, dann dankt Gott und lobt Ihn!"
Offensichtlich ist Klara eine Frau, die sich das Gespür für Kostbarkeit und Schönheit bewahrt hat. Ihre Radikalität in der Nachfolge Jesu beinhaltet nicht, dass sie alles ausreißt, was damit zu tun hat. Doch die Blickrichtung ändert sich. Was wirklich kostbar und schön ist, erfährt sie ganz neu von Gott her. Sie kennt durchaus den Umgang mit Spiegel und Schmuck und sie weiß, wie man sich schmückt. Diese Dinge tut sie nicht einfach als unpassend für ihre neue Lebensweise ab. Sie lernt sie geistlich zu nutzen. Als die böhmische Königstochter Agnes in das von ihr selbst gegründete Kloster in Prag eintritt, schreibt sie ihr einen ermutigenden Brief. Klara kennt die Wirkung von "kostbaren Steinen", "unschätzbaren Perlen", "leuchtenden und funkelnden Edelsteinen". Doch inzwischen hat sich deren Bedeutung für sie gewandelt. So sieht Klara im "Spiegel" ein Symbol für Christus selbst. Und am Ende ihres Lebens schreibt sie an Agnes: "In diesen Spiegel schaue täglich und spiegle stets in ihm dein Angesicht, auf dass Du Dich so völlig innerlich und äußerlich schmückst, bekleidet mit bunter Pracht und mit den Blüten und Gewändern aller Tugenden geziert" (4Agn 15-17).
Nachfolge Jesu – und das gilt für jeden Christen – heißt nach Klara also nicht, alles auszureißen, was an natürlichen Regungen in uns ist, wie das Verlangen nach Schönheit, nach Ansehen, nach Schmuck. Geistlich leben meint, diese natürliche Sehnsucht in uns auf Gott hin reifen zu lassen und von Ihm her neu zu verstehen, was schön ist.
Die jüdische Philosophin Simone Weil hat einmal gesagt, dass Schönheit die reinste Inkarnation des Logos in dieser Welt ist. Für mich hat Schönheit mit Gott zu tun. Klara ermuntert mich, die Augen zu öffnen und Schönes zu suchen, um darin Gott zu finden und ihm dafür zu danken. Es könnte unseren heutigen Tag heller machen, wenn wir aufmerksam werden und das Schöne entdecken, das uns umgibt. Und wenn wir ahnen: darin begegnet uns Gott.
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Text: Schwester M. Ancilla Röttger | Foto: Michael Bönte
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