
Ernstfall - Am Kreuz kommt niemand vorbei.
Geistlicher Impuls von Dr. Silberberg: Ernstfall
Am Kreuz kommt niemand vorbei
Wenn die glücklichen Momente die anderen überlagern und erfüllte Tage überwiegen: "Eine Lust zu leben!" - "Hiersein ist herrlich!" - "Ich könnte die ganze Welt umarmen!" - "Anfall von Glückseligkeit!" - "Rauschhaftes Dasein!" - "Erfahrung von Allharmonie!"Das Leben ist schön, wenn man nicht - gerade - operiert wird, den Freund verliert, gemobbt wird, ein Sozialfall ist, ins Altenheim muss, in der Schuldenfalle steckt, einen Krebsbescheid erhält oder in Todesnähe kommt.
Ein Kreuz steht im Wege
Würzburg, St Johann-Stift Haug. Wer die Kirche betritt, trifft am Eingang auf ein meterhohes, massives Bronzekreuz im Mittelgang. Es steht im Wege. Besucher müssen es umgehen, wenn sie nach vorn zum hellen Altarraum wollen. Sie bleiben nicht vor dem Kreuz stehen. Sie könnten sich auch darunter stellen. Eine Frau führt ihren blinden Mann um das Kreuz herum und erklärt es. Er kennt es von innen.
Das Kreuz ist auch für Nichtgläubige ein allumfassendes Symbol für das "Wesentliche", - so der Maler Antoni Tàpies. Es hat in seinem Leben und Wirken eine tiefe Spur hinterlassen. Oft erkrankt - ist er schon als Kind "durch das Tor der Leiden hindurchgegangen", wie er schreibt. Als junger Mann lebte er zwei Jahre "im Schatten des Todes", "voll katastrophaler Anfälle und Erstickungsmomente, ritueller Tode bis zum großen Zusammenbruch". Es hat seine Kunst bis heute geprägt. In seinen Tagebüchern notiert er: "Habe ich vielleicht die Schwelle überschritten? Bin ich auf eine höhere Stufe der Existenz geraten? War es ein Sturz auf den absoluten Grund? Bin ich in die authentische Wirklichkeit jenseits aller Gegensätze vorgestoßen?"
Sein Verständnis von Kunst: "Das Bild ist eine Tür, die zu einer anderen Tür führt." Er ist "durch das dunkle Portal des Leidens und des Todes in das Offene des Seins gelangt." Zen - Buddhisten sagen: Er ist "durch". Mystiker sprechen ähnlich von ihrer Erfahrung des absoluten Grundes. Bei Tàpies können Beschauliche das Heilige im Profanen entdecken. Er hat das vorgestellte Bild schlicht "Portal" genannt.
Hinter den massiven schwarzen Torbalken wird ein helles Kreuzmuster sichtbar, vielfach - kreuz und quer - von Linien durchzogen. "Auferstehungslicht" für gläubige Augen. Das Kreuz in der Bildtiefe: Symbol des Leidens und des neuen Lebens, Erhöhung und Verherrlichung nach Johannes, Zeichen christlicher Erlösungshoffnung.
Tàpies lässt den Betrachter durch das Portal schreiten und auf den "Lebensgrund" stoßen. Er selbst ist "aller Dinge ledig" (Meister Eckart), "nichtig" geworden (Johannes Tauler) und den mystischen Tod gestorben.
Alle Großreligionen kennen das "große Loslassen", den Gang in die Wüste, die Reinigung und Leere der Herzen, krisenhafte Erschütterungen des Lebens als Durchgangsstadien auf dem Weg zur Erfüllung, den Abstieg vor dem Aufstieg zum wahren Selbst, das "Kleinwerden wie ein Kind" (Mt 18,3), "von oben geboren werden" (s. Joh 3) und die Aufgabe aller Sicherungen.
Jesus fordert dazu auf, "sein Kreuz auf sich zu nehmen und ihm zu folgen" (Lk 14,27).
Jeder müsse täglich sein Kreuz tragen. Ernstfall unseres Glaubens:
Das Kreuz als "Tor zum Himmel, zum wahren Leben, zum Heil", also eine Art Sterben - wie ER. Mitten in diesem Leben, schon jetzt oder erst in der Stunde unseres Todes - am Ende? - Die Schrift sagt – täglich!
Im Moment des "Hingangs" Jesu zerreißt der Vorhang des Tempels, - so die Symbolsprache eines Evangelisten. Der "Durchgang" zum "Allerheiligsten" (dahinter!) ist frei.
An anderer Stelle verweist die Botschaft auf die "enge Pforte, den schmalen Weg, das Nadelör" als Zugang zum "wahren Leben" (s. Mt 7,13 f.) oder spricht vom "Durchgang durchs Feuer", vom "Mitgekreuzigtwerden" (Paulus). Bildworte für den schmerzhaften Weg zur "Verwandlung". Ernsthafte Pilgerwege sind spirituelle Reifungswege, keine Spaziergänge. Wir suchen dem Einschneidenden in der Regel auszuweichen und eine Umkehr zu vermeiden, bis wir an den Punkt kommen, wo nichts mehr geht und auch nichts mehr zu erklären ist. Jenseits des schmalen Tores wird das neue Leben geschenkt.
Kreuz tragen - je nach Charakter?
Anscheinend öffnet sich das Tor zum Himmel sehr unterschiedlich. Für jeden anders? Je nach Charakter? Uns bestimmen soziale und psychische Prägungen. Werden die einen leichter als andere "mit dem Kreuz fertig"?
Zen-Leute fragen ähnlich: Ist der eine Typus besser geeignet oder disponiert für den Zen-Weg, den Durchbruch zum Wesen, zum Grund des Seins - als der andere?
Der Meister Graf Dürckheim stellt drei psychische Grundprofile heraus: Menschen im Gehäuse, Entgrenzte und Harmoniker. Etwas von "allem" steckt in jedem. Es gibt Mischtypen, aber doch klar erkennbare Leitprofile, wie Glück oder Elend empfunden werden, wie jemand glaubt oder die "Botschaft vom Kreuz" aufnimmt, wie er "die Welt annimmt" oder sich dagegen sperrt, -"typisch" oder je nach "Bestimmung"?
Auch Jesus folgte einem "inneren Gesetz". Sein Weg war schon sehr früh zum Scheitern verurteilt. Er musste schon lange vor seiner Hinrichtung "sein Kreuz tragen". Sein ganzes Leben war Hingabe und Dienst. Es war sein "Muss", seine göttliche Bestimmung, wohl keine Charakterfrage.
Der Mensch im Gehäuse
Er wirkt vermauert und in sich selbst verkapselt. Sein Leben ist abgesichert durch Regeln, Strukturen, Ordnung und klare Abläufe. Alles hat seinen Platz, "muss so sein" und hat System. Nur keine Veränderungen! So schnell lässt er Neues nicht an sich heran. Er liebt "die feste Burg", das "Haus voll Glorie" und einen Glauben, der "klipp und klar ist". Gott - als Garant des Ganzen, der den Bestand sichert und "alles so herrlich regieret". Erlösung "geschieht" für ihn, ohne dass man sich wesentlich ändern müsste. Alles, was sein Leben durchkreuzt, wehrt er ab, so gut er kann. Freiwillig betritt er kein Neuland, wird nicht "aufbrechen und durch keine Tore gehen", die er nicht kennt. Amtsrollen bieten ihm Schutz und verstärken seine „Zurückhaltung“. Veränderungen und Änderungen erzeugen bei ihm Ängste. Er sucht nicht mehr Freiheit, sondern größere Sicherheit in seinem Ich-Gehäuse. Er wird darin solange festsitzen, bis die Leiden an der Enge und Unfreiheit unerträglich werden.
Etwas oder jemand muss sein Leben durchkreuzen, die Tore seines Gehäuses öffnen und ihn herausholen - "in die Weite" (vgl. Ps 18). Dann wird er zu "neuem Leben" aufbrechen, ausbrechen und durchbrechen - schmerzhaft, aber wunderbar befreiend.
Der Entgrenzte
Der Gegentypus leidet darunter, "kein Haus" zu haben, zu wenig Halt, keinen festen Ort, keine tragenden Strukturen, kein Ordnungssystem. Er hat nicht zu viel, sondern zu wenig Ich ausgebildet. Er lebt zwischen allen Stühlen, lässt sich schnell für etwas begeistern und in das Leben anderer hineinziehen, fällt aber ebenso schnell wieder in sich zusammen. Er kann sich schlecht festlegen und "muss" immer wieder Neues ausprobieren, - offen und ansprechbar "für alles". Weil er "sein Ende nicht festhalten" kann, ist er äußeren wie inneren Mächten ausgeliefert, also auch anfällig für das Chaotische und Zerstörerische. Ihm fehlt eine bergende Mitte, ein Selbstwert- und Selbstkraftbewusstsein, das ihn daran hindert, sich allzu schnell zu verlieren oder im Glück wie im Unglück zu "zerfließen". Sein innerer Schwingkreis: himmelhochjauchzend zu Tode betrübt, Melancholie und leise rinnende Traurigkeit, leicht schmerzversunken und seines Lebens nicht recht froh, auch wenn er leicht "Frohsinn demonstrieren" und offen zugewandt sein kann.
Kleine Kreuzwegstationen flankieren seinen Weg. Phasen des Glücks oder Überschwangs hinterlassen in ihm kein Kräftereservoir, um Leiden aufzufangen. Sein Selbststand ist ständig gefährdet durch einen Hang zum "Übermaß", das nicht in seiner Mitte verankert ist, um festigend zu wirken: immer etwas übertrieben, nach oben wie nach unten und zu Extremen neigend! Seine "Hingabe" und "Ichlosigkeit" sind nicht Tugend, sondern Mangel. Sich gehenzulassen oder sich loszulassen, basiert bei ihm auf der gleichen seelischen Anlage.
Menschen, die seine Leiden spüren und selbst genug "Kernkraft" in sich haben, könnten ihm Halt bieten, Ordnung schaffen und Regeln vermitteln, die ihn aufblühen lassen, weil er sich in seiner Eigenkraft gestärkt fühlt.
Er lernt, sich hinzugeben, ohne sich aufzugeben. Die Tore, durch die er gehen muss, führen in ein Kraftfeld, das ihn von seiner bisherigen "Flüchtigkeit" des Seins erlöst.
Der Harmoniker
Er liebt das Kreuz als Symbol der kosmischen Ordnung, in der Kirche die Schönheit des Glaubens und den Sinn für den Glanz der Schöpfung. Aber das Lebenskreuz des Harmonikers ist schwer zu orten. Weder Ichstärke noch Ichauflösung, sondern ein lebensstiltypischer Hang zum Ausgleich hindert ihn daran, durch "das Tor" zu gehen. Er wird Widerstände umgehen und notfalls die Spur wechseln, immer besorgt sein, "sein Leben festzuhalten". Er scheint mit "allem" fertig zu werden. Es ist nicht seine Art, "täglich sein Kreuz auf sich zu nehmen" oder in Schmerzen hinein zu gehen. Ohne Sicherheiten im Rücken wird er auch nicht aus sich herausgehen oder sich radikalen Herausforderungen stellen, bei denen er sich aus der Hand geraten könnte. Er hat eine Lebenspraxis entwickelt, mit allem elastisch umzugehen: nicht zu weit gehen, nicht zu hoch und nicht zu tief geraten. Nur nichts übertreiben, nichts Radikales. Die gute Mitte! "Nachfolge" nur mit Vorbehalt. Schmerzen vermeiden oder, so gut es geht, ausgleichen.
Er ist schwer zu fassen oder festzunageln. Er kämpft nicht, hält sich - soweit möglich - aus Konflikten heraus und kommt auch auf Umwegen zum Ziel. Er verhärtet nicht in seinem Ich-Gehäuse und leidet nicht die Qualen Entgrenzter. Aber er hat doch Angst, sich eines Tages "stellen" zu müssen oder gestellt zu werden: Seine Anpassungsfähigkeit und Flexibilität, sein durchaus liebenswürdiger Umgang mit allem und allen könnten auf den Prüfstand geraten oder durchschaut werden. Für alles eine Lösung und eine Erklärung haben, mit allem irgendwie fertig werden, voller Kompromisse, aber nie ganz konsequent. Sich selbst und niemandem weh tun. Andere beschenken, ohne sich selbst "zu geben". Hingabe ohne Herz? Dosierte Zuwendung.
Einmal wird der Vorhang zerreißen, mit dem er sein Innerstes abschottet: Durchbruch zur Wahrheit seiner selbst, zum Wesen, zum Herzensgrund. Einmal wird er "aufs Ganze gehen" müssen, wenn ihm alle Rückräume entzogen sind. Auch "seine Stunde" wird kommen, das zähe Hin und Her, Ja und Aber, Sowohl - als Auch seines Lebens wird zu Ende sein. Er muss alles hinter sich lassen, um durch das enge Tor zu kommen, und "sein Kreuz tragen", wenn nicht schon in diesem Leben, dann spätestens am Ende.
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Hermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
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