
"Mit jubelnden Lippen soll mein Mund dich preisen"
Gottsuche (6)
"Mit jubelnden Lippen soll mein Mund dich preisen"
Eine meiner Nichten schickte mir ein Foto von ihrer zweijährigen Tochter. Die Kleine wird von ihrem Vater im Arm gehalten. Mit vor Lachen weit aufgerissenem Mund und vor Freude funkelnden Augen strahlt sie in die Kamera. Die lockigen Haare fliegen um den Kopf. Die Händchen sind tatkräftig aneinander gedrückt und vertiefen den Eindruck jubelnder Lebenslust.
Jubeln, - das kennen wir von begeisterten Fans in Sportstadien. Ansonsten ist jubeln ein Wort, das wir im Alltagsgebrauch unserer Sprache kaum verwenden. Eher findet sich dieser Begriff in geschriebenen Texten wieder: "Mit jubelnden Lippen soll mein Mund dich preisen", heißt es in der Mitte des 63. Psalms. Zunächst jedoch kommen in diesem Gebetstext aus dem Alten Testament der Bibel sehnsuchtsvolle Gottsuche und Lebensfinsternis zum Ausdruck.
Bald aber erinnert sich der Beter an das tiefe Gefühl der Geborgenheit, das er von Gott erfahren hat. Dafür will er Gott loben und wegen seiner hilfreichen Gegenwart jubeln. Welch hörbare Urkraft steckt in diesem Ausruf: "Mit jubelnden Lippen soll mein Mund dich preisen!" Das ist kein trockenes Analysieren theoretischer Gottesbilder, sondern Ausdruck realer Gotteserfahrung. "Ja, du wurdest meine Hilfe; / jubeln kann ich im Schatten deiner Flügel."
Vor einiger Zeit las ich in der Zeitung die Todesanzeige eines etwa 50-jährigen Mannes. Zahlreiche Verwandte und Freunde wurden unterhalb seiner Lebensdaten genannt. Ebenso auffallend war ein langer, zehnstrophiger Text des Heiligen Franziskus, der unter den Namen abgedruckt war. Darin heißt es unter anderem:
"Gelobt seist Du, mein Herr, samt allen Deinen Werken, doch in besonderem Maß durch Schwester Sonne. Auf uns herab lässt Du sie täglich scheinen. Wie schön ist sie; sie strahlt mit großem Glanze. Vor Dir, o Höchster, hat sie ihren Sinn."
Dankbar loben
In seinem "Sonnengesang" lobt der Heilige Franziskus den lebendigen Gott durch alle Phänomene seiner Schöpfung. Er lobt ihn dankbar durch die Sonne, den Mond, den Wind, das Wasser, das Feuer und die Erde, ja, selbst durch den "Bruder Tod". Ohne Wenn und Aber. Kraftvoll und überzeugt wie ein begeisterter Fan. Inmitten aller Krisen des 13. Jahrhunderts, in dem Seuchen und Kriege Menschen und Natur zerstörten, rief Franz von Assisi mit diesem Hymnus zum Lobpreis des Schöpfergottes auf.
Er vollendete "Il Cantico di Frate Sole", den "Sonnengesang", am Ende seines Lebens, als er schwer erkrankt in San Damiano bei Assisi auf seinem Sterbelager lag. Aus den Aufzeichnungen seines Biografen geht hervor, dass Franziskus sein Lied mit dem jubelnden Grundton in der eigenen Todesstunde habe singen lassen. Stellvertretend für ihn, der äußerlich schwach geworden war.
Der "Sonnengesang" gehört zur Grundlage franziskanischer Spiritualität. Er wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, vertont, gemalt, getanzt.
Dieser nahezu 800 Jahre alte Text wird nun im Jahr 2011 in einer Todesanzeige aktualisiert. Das ist mutig in der Spannung zwischen tiefer Trauer und jubelnder Freude. Dahinter steht letztlich – ganz im Sinn des Heiligen Franziskus – die gläubige Gewissheit, dass jedes Leben in den Händen des Schöpfergottes unauslöschbar gehalten bleibt.
Grenzen der Vergänglichkeit sprengen
Der "Sonnengesang" des Franz von Assisi ist somit damals wie heute ein Freiheitslied, das hoffnungsvoll die engen Grenzen der Vergänglichkeit sprengt.
"Mit jubelnden Lippen soll mein Mund dich preisen", schreibt der Verfasser des 63. Psalms. Nicht zurückhaltend oder verkopft oder nur probeweise, sondern aus vollem Herzen. Wie ein begeisterter Fan oder ein Kind, das sich hemmungslos freut. Das Leben mit Gott bietet dazu Gelegenheiten. Auch heute.
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Text: Petra Fietzek | Foto: Michael Bönte
20.08.2011
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