
"Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser."
Gottsuche (2)
"Nach dir schmachtet mein Leib"
"Esst die Psalmen", schrieb die evangelische Theologin Dorothee Sölle, "esst jeden Tag einen. Vor dem Frühstück oder vor dem Schlafengehen, egal."
Für Dorothee Sölle waren die Psalmen Lebensmittel, die sie – ähnlich wie es in der Mönchstradition üblich ist – so lange "kaute", bis die darin enthaltenen Kräfte auf sie übergingen. Dabei enthalten die 150 Psalmentexte aus dem Alten Testament der Bibel keine leichte Kost: Die ganze Palette menschlicher Gefühle findet dort Ausdruck vom Klagen und Leiden bis zur überquellenden Freude und Dankbarkeit - immer bezogen auf den lebendigen Gott.
So heißt es im Psalm 63: "Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser." Welch ein Existenzbild: "Dürres, lechzendes Land ohne Wasser." Dieser Zustand ist schier unerträglich. Der eigene Lebensboden ist schmerzhaft rissig und hart verkrustet. Wie sollen da Lebensfreude sprudeln und Perspektiven sichtbar werden?
Dabei macht der Verfasser des Psalms sein Wohlbefinden nicht von Gesundheit, materieller Sicherheit oder mitmenschlicher Geborgenheit abhängig. Sein unerträgliches Ausgetrocknetsein richtet sich einzig und allein auf Gott. Ihn vermisst er.
Manchmal wissen wir gar nicht genau, warum wir mit unserem Leben, mit uns selbst unzufrieden sind. Irgendetwas Diffuses nagt in unserer Seele. Wir irren innerlich ziellos umher oder verharren in Schwere und Lethargie.
Durst nach Gott
Kann sich darin nicht auch Sehnsucht nach Gott, nach lebendigem Sinn unseres Lebens verbergen? Kann nicht auch uns Durst nach Gott unruhig machen? Vielleicht nach einem ganz anderen Gott, als wir ihn bisher gedacht oder eingeredet bekamen?
In seinem Roman "Mein Name sei Gantenbein" erzählt der Schweizer Autor Max Frisch von einem Mann, der meint, ein Pechvogel zu sein. Und tatsächlich ist immer er es, dem ein Ziegelstein auf den Kopf fällt, der Pech in der Liebe hat und dem das Leben pausenlos Stolpersteine in den Weg legt, über die er gewohnheitsgemäß fällt.
Eines Tages gewinnt dieser Mann im Lotto eine hohe Geldsumme. Diese Tatsache ist für ihn unbegreiflich. Er zweifelt an der Zuverlässigkeit der Lotteriestelle und verliert völlig hektisch schließlich sein Portemonnaie, in das er den Geldgewinn geschoben hatte. Danach ist er entspannt und ruhig, denn nun stimmt sein Selbstbild wieder: Er ist eben ein Pechvogel.
In solch einer erstarrten Karikatur stecken wir alle auf unsere eigene Weise. Wir halten uns für un-begabt, un-geschickt, un-geeignet, un-würdig und zementieren unser Selbstbild, wo es geht. Das gibt uns Geländer und Rahmen. Und wenn wir uns für un-gläubig halten?
Der Beter des 63. Psalms ist sich sicher: Auch wenn er momentan keine Verbindung zu Gott spürt, so weiß er doch, dass Gott da ist. Nicht als anonyme Größe, sondern für ihn persönlich. Das sagen ihm Erfahrungen von Gottes Nähe, wann immer er sich an ihn wandte.
Ausschau halten
Welchen Weg wählt er jetzt, um die Beziehung zu Gott zu aktivieren? Im Psalm 63 heißt es: "Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum." Das bleibt, das Ausschauhalten nach Gott in Kirchenräumen, in den Räumen seiner Schöpfung, in Wäldern, auf Wiesen, vor allem aber in uns selbst. Gott hat sich in jeden Menschen eingegeben und kann in unserem Inneren entdeckt werden. Individuell und eigensinnig.
Geben wir dem lebendigen Schöpfergott Gelegenheit, uns zu erreichen, damit wir nicht als Karikaturen in Vorurteilen und Kleingläubigkeit erstarren. Vielleicht entdecken wir auf "dürrem, lechzenden Land ohne Wasser" in uns überraschend lebendige Quellen.
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Text: Petra Fietzek | Foto: Michael Bönte
16.08.2011
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