
Marienikone.
Geistlicher Impuls von Dr. Silberberg: Wegweiser
Eine intime Beziehung
Im Gebetbuch meiner Mutter ein kleiner Zettel. Fünf Worte, getippt, keine weiteren Hinweise: "Ebne deinen Weg vor mir". Wahrscheinlich von einem Besinnungstag für Frauen der Gemeinde. Jedesmal, wenn ich Psalm 5 lese, werde ich daran erinnert. Wir haben nie darüber gesprochen. Begleitvers ihres Lebens? Ein Morgengebet: "Herr, am Morgen hörst du mein Rufen... Ich halte Ausschau nach dir (5,4)... Alle sollen sich freuen, die auf dich vertrauen (5,12 )".
Ebne deinen Weg vor mir
Fünf Worte als Grundakkord gläubigen Lebens. Alles kann hineinfließen: gottergeben. Alles kommt zurück: gottgegeben.
Ähnlich Ps 86,11: "Weise mir, Herr, deinen Weg, ich will ihn gehen in Treue zu dir".
Deinen Weg, nicht meinen. Deinen Weg zu mir und meinen Weg zu dir. Den Weg, den du für mich vorgesehen hast. Mach ihn für mich erkennbar und begehbar, ebne ihn, damit ich ihn "in Treue" gehen kann.
Seine Spuren, seine Signale, seine Wegmarken. - "Wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehn" – fordert ein alter Song über Wunder im Alltag.
Gib mir Leitworte, Leitbilder und wegweisende Menschen, die "den Weg" kennen, weil sie ihn gehen oder gegangen sind. "In ihren Herzen herrscht der Friede Christi" (Oration). Sie bezeugen: "Gott bringt die Verlassenen heim und führt die Gefangenen hinaus in das Glück" (Ps 68,7).
Könnte ich das auch sagen? So sprechen, so beten, daran glauben? Ich, der Durchschnittschrist, der kleine Bedürftige, vielleicht nur der Gelegenheitsgläubige?
Ich – vor dem großen Heiligen Gott, dem absoluten Du, dem unendlichen Geheimnis, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus und "unserem Vater im Himmel"? - Eine intime Beziehung - .
Den Weg dorthin kennt ihr
"Er lasse sein Angesicht leuchten über uns, damit auf Erden sein Weg erkannt wird und unter allen Völkern sein Heil" ( Ps 67,2). So bitten wir seit alttestamentlichen Zeiten.
Nach Johannes bezeichnet sich Jesus selbst als den Weg, als Brücke zu Gott und zum Menschen. Seinen engsten Vertrauten, seinen damaligen Weggefährten, hält Jesus entgegen: "Den Weg dorthin (zum Vater) kennt ihr!" (14,4). Der Christus des Matthäusevangeliums bekennt: "Niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren wird" (11,27).
Jesus – die alles überbietende Spur zu Gott. Der Offenbarungsweg schlechthin? - Ein absoluter Anspruch, der bis heute viele irritiert, denn : "Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt" (Joseph Ratzinger).
Wir könnten ergänzen, - ja, außerhalb und auch innerhalb der Kirche ("Multikulti"). Papst Benedikt betont jedoch die christlich – gläubige Auffassung: "Am Ende münden alle in der einen Spur" – Jesus als "dem Weg, der Wahrheit und dem Leben" Gottes.
Auch in der Nähe Jesu gab es schon verschiedene Formen von Nachfolge: "Ein Mann wie Petrus oder Johannes geht offenbar einen anderen Weg als Maria, die Mutter Jesu, oder Maria von Magdala oder Salome (Jörg Zink)". In manchen Gestalten finden wir uns wieder, andere bleiben uns fremd. "Sie alle haben verschiedene Weisen, ihn zu begleiten, ihn zu verlieren, ihn wieder zu finden" (ebd.).
Die johanneischen Reden richten sich an Menschen, die eng mit Jesus verbunden sind. Die Gemeinde weiß, "woher er kommt und wohin er geht" (s. Joh 14). Jesusleute wollen und sollen "dort sein, wo er ist". Aber diese Weggemeinschaft bedeutet auch Schicksalsgemeinschaft: mit ihm "Hinaufgehen zum Vater".
- Eine intime Beziehung -.
Sich über diesen Glauben austauschen?
Aber "welche Hoffnung erfüllt uns" (1 Petr 3,15)? Könnten wir unsere "Gewissheiten" formulieren und austauschen mit denen, die eines ähnlichen Sinnes sind? Menschen neben uns, die insgeheim suchen und fragen? Ein möglicher Kreis von "Interessenten?" Vielleicht "nur" getrieben von einer vagen Sehnsucht nach heilerem, unzerstückeltem und ungestörtem Leben?
Vor Augen stehen:
- die kleine kirchliche Restgemeinde, die noch in Gemeinschaft mit Christus betet, singt und feiert,
- die große Zahl der Randständigen, die den Glauben nur noch "von früher" kennen,
- die von Selbstsicherheit und vorübergehendem Wohlleben Geprägten, die an einer ernsthaften Wahrnehmung des Glaubens nicht interessiert sind,
- die ihr Leben verkorkst oder verkokst haben, von Lasten und Leere gezeichnet, die sich schwer tun mit Kirche und Religion, wenn diese allzu theoretisch daherkommt,
- die Generationen, bei denen von Gott nie die Rede war: Warum und womit sollten sie sich austauschen?
- die riesige Gemeinde der Internetnutzer. "Im Netz leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (vgl. Apg 17,28) lautet ihr "Credo" für eine Lebenswelt ohne Weltanschauung und Glaubensbindung.
Die Wegweiserin
Wir, die alten "Anhänger des neuen Weges" (Apg 9,2), wie man damals die Christen nannte, können in der Nachfolge Jesu auf große Gestalten verweisen, die für uns bis heute wegweisend sind.
Schon im AT: "Gott – im Heiligen ist dein Weg!" (Ps 77,14 - n. M. Buber) Für uns sind es die Jesusleute, die seinen Weg am weitesten mitgegangen sind. Sie lebten das Evangelium.
Maria, die Mutter Jesu, gilt als die Heilige schlechthin. Ein Ikonentypus bezeichnet sie als die Wegführerin: Hodegetria. Der Name der Ikone wird seit dem 12. Jh. mit Mönchen eines Klosters in Konstantinopel in Verbindung gebracht. Sie nannten sich Hodegai – Wegführer. Ihre Hauptaufgabe: Blinde begleiten.
Maria ist heute eine erhabene Gestalt aus einer anderen Welt: In den Himmel gehoben! In den Vorstellungen von "Seherinnen" eine bleibend schöne junge Frau, als ob sie nie alt geworden wäre. Für viele andere die Schmerzensmutter, mit der sie sich in ihrem Leid identifizieren – wie mit Jesus, dem Schmerzensmann. Beide Wege – Mariens und Jesu – führen "in den Himmel". Deshalb ist auch Maria stark vergoldet und sternenübersät im Bewusstsein Gläubiger verankert, ebenso faszinierend wie fremd. Ihre Darstellungen erzeugen ein Glücksgefühl: Ein Stück vom Himmel, sehr weltenthoben, eine Heilige, nicht mehr eine von uns.
Bevor sie unsere Wegweiserin werden konnte, hatte der Herr "Großes an ihr getan"( s. Magnifikat). Sie ist "voll der Gnade". Je näher wir der biblischen Maria kommen, umso fremder ihre Erscheinung – wie bei allen großen Berufenen, Auserwählten und Begnadeten. Ihr Fiat – "Mir geschehe" – entspricht dem Wort Jesu: "Dein Wille geschehe". Als Mutter des Herrn wurde sie die exemplarisch Glaubende, - die Mutter des Glaubens, die "Star-Gläubige". Deshalb "preisen sie selig alle Geschlechter" (Lk 1,48).
Die Evangelien enthalten keine historischen Protokolle zu ihrem Leben, aber in Darstellung und Deutung das Bekenntnis der ersten Zeugen. Sie wirkt hier nicht "abgehoben", eher distanziert und zurückgenommen.
Bei Johannes – der berühmte "spirituelle Impuls": "Was er euch sagt, das tut!" (s. Kanawunder). Wie bei der Ikone – der Hodegetria – verweist sie ganz auf den Sohn. Dieser ist schon auf ihren Armen eine hoheitliche Gestalt, dem alle Weisung zusteht (Allherscher: Pantokrator).
Maria ist als Wegweiserin ausgezeichnet, weil sie "seine Worte in ihrem Herzen bewahrt", als "Magd des Herrn" und Mutter des göttlichen Sohnes seinen Weg mitgeht bis zum Tode. Die christliche Tradition und nicht wenige Wegerfahrene über die Jahrhunderte bezeugen: Maria führt alle, die sich ihr anvertrauen, behutsam zu ihrem Sohne, - im Glauben Unbeholfene, von inneren Quellen Abgeschnittene, Seinstaube und Glaubensblinde -.
Maria – die idealtypische Jüngerin auf den Jesusweg, die große Kontemplative, die "sein Wort hört und es befolgt". Denn wie kein anderer Mensch kennt sie den Weg ihres Sohnes. Sie ist von Anfang an auch "an Bord" der jungen Kirche, eine Christin der ersten Stunde, die mit den Aposteln zusammen "das Kommen des Geistes erhofft" (Apg 1,14).
So wird sie zum Prototyp der Kirche, die als Ganze auf Christus verweist, der Brücke zum Himmel und zur Erde, dem Weg zum Vater und zum Menschen.
Eine intime Beziehung -.
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