Geistlicher Impuls
Singen
Schwangere Frauen sollten regelmäßig singen. Es fördere das Wohlbefinden und die seelische Gesundheit des erwarteten Kindes. Das empfahl vor Jahren der berühmte Geiger Yehudi Menuhin, der viele Musikschulen für Kinder gegründet hat. Nach einem Schlaganfall würde über das Singen die sinnliche Ansprechbarkeit der Patienten gefördert, so lautete neulich das Ergebnis eines länger andauernden Versuchs.
Was kommt da in Bewegung, wenn ich singe? Wer gerne singt, ahnt, was sowohl in dem Ratschlag des Musikers als auch in der therapeutischen Erfahrung angesprochen ist: Singen ist Nahrung für die Zustimmung zum Leben, zum eigenen Leben und zum Leben anderer, zum werdenden Leben. Wer im Singen seiner Stimme freien Lauf lässt, stimmt der Ahnung zu, dass es "im Grunde" mit ihm und mit den anderen stimmt, so wie es jetzt ist. Die Stimme gibt Ausdruck von der Stimmigkeit.
Was wäre ein stärkeres Fundament für das Leben? Singen für den geliebten Menschen, freudiges Staunen über den erwarteten Menschen anstimmen oder darin einstimmen, das Einverständnis mit dem Leben, wie es jetzt ist, bekunden – was könnte mehr das alltägliche Leben unterfangen?
Dieses Fundament ist nicht zu erklären, nicht zu machen und nicht zu begreifen. Es ist "unbegreiflich". Es gibt Wirklichkeiten, die wir nicht begreifen können. Wir können uns von ihnen nur ergreifen lassen. Und wenn das geschieht, liegt das Singen nahe, weil ich dann mit dieser Freude nicht allein bleiben kann. Da sagt ein Mensch zum andern: "Du, ich liebe dich!" Wie sollen wir das erklären? Das ist nicht zu erklären. Das ist unbegreiflich. Davon kann man sich nur ergreifen lassen. Wenn das geschieht, dann wird ein Fest gefeiert und wir singen.
Das Singen steht am Anfang des Glaubens. Es ist Antwort auf die unbegreifliche Zusage Gottes: "Du, Mensch, ich liebe dich." Wollen wir das erklären? Alle Erklärungen blieben hinter dem zurück, was zu erklären wäre. Diese Zusage ist unbegreiflich. Sie ist ein Geschenk des Himmels – und deshalb das Fundament des Lebens. Wer sich ihm öffnen kann, feiert ein Fest und singt. Deshalb hat der christliche Glaube Musik, er hat Klang und er hat Farbe. Er wird im Herzen geboren, nicht im Kopf. Im Herzen: da, wo ich unverwechselbar gemeint bin. Wenn das Herz davon ergriffen ist, öffnet sich der Mund – zum Singen.
Diese fundamentale Zusage lässt das Leben in anderem Licht erscheinen, auch die Menschen. Was ist, wenn ihnen dieselbe Zusage gilt von Gott her: "Du, Mensch, ich liebe dich."? Müsste man dann nicht gemeinsam singen?
Diese Frage verweist auf etwas, das zum Singen gehört: So sehr die Stimme im Singen freien Lauf braucht, sie bedarf auch des regelmäßigen Übens. Im Üben tastet sie sich immer tiefer an den Grund von allem heran und bildet die Antwort auf diesen Grund. Im Wiederholen lässt sich die singende Stimme wieder-holen in die Zustimmung zum Leben, in den immer genaueren, volltönenden Einklang mit dem Original.
Darum wird in den Kirchen so viel gesungen, werden die Festgeheimnisse Jahr für Jahr neu besungen, oft mit denselben Liedern, um immer neu an den Ursprung heranzukommen, um jedes Jahr eine neue Facette zu entdecken und aufzunehmen. Im Singen wird die "Schatzkammer Seele" schöpferisch geöffnet, und dann kann sie ihre schöpferische Antwort auf den unverfügbaren Lebensgrund geben.
Nicht nur vor der Geburt singt die Mutter für das Kind und wegen des Kindes. Auch nach der Geburt. Wie vertraut sind die Schlaflieder! Sie helfen, sich dem dunklen Bereich des Schlafes anzuvertrauen. Mehr als die Worte ist dann die Stimme der Mutter wichtig, wie bei dem bekannten Lied "La Le Lu".
Bei größeren Kindern spielen wohl auch Bilder eine Rolle, die die Seele aufnimmt. Wer am Ende des Tages innehält, wird solcher Bilder bedürfen, die Halt geben und Weiträumigkeit versprechen. Bilder, die vermitteln: Nur mit letztem Halt geben wir uns zufrieden. Das ist der Gott, der auch den Anfang des Lebens und den Grund des Lebens unbegreiflich gewährleistet. Diesem Gott singt die Kirche noch im Nachtgebet. Dass Ihnen eine wohltuende Melodie in die Sinne kommt, wünsche ich Ihnen für diesen Tag.
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Text: Paul Deselaers
30.03.2011
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