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25.05.2012
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Geistlicher Impuls

Antworten

Wohltuend ist es, wenn eine eigene Frage ernsthaft beantwortet wird. Das kann das Gefühl bestärken: Mein Gegenüber hat wirklich zugehört, hat herausgehört, was mein Anliegen war. Längst nicht jede Antwort stellt zufrieden. In der Öffentlichkeit werden nicht selten Fragen, auch drängend, wiederholt, wenn die Antworten am Kern der Frage vorbeigehen. Mitunter bekommen sie dann den Charakter eines Verhörs. Das fördert in der Regel nicht die Wahrheitsfindung, weil darin nur Ausschnitte einer möglichen Antwort zum Vorschein kommen. Solche missglückte Kommunikation hat nicht selten fortdauernde Auseinandersetzungen zur Folge. In ihnen wird oft ein Gegenüber in den Einschätzungen anderer eingezwängt, eingefangen wie in einem Netz, dem er nicht mehr entkommen kann.

Woran mag das liegen, dass die eine Antwort zufriedenstellt und die andere Antwort nicht? Einen Antwortschlüssel auf diese Frage finde ich in einem Sinnspruch des jüdischen Schriftstellers Elazar Benyoëtz (Elazar Benyoëtz, Allerwegsdahin. Mein Weg als Jude und Israeli ins Deutsche, Zürich-Hamburg 2001, 195). Dieses Wort habe ich nicht mehr vergessen und es dient mir häufig als Folie für die Wahrnehmung geglückter wie auch missglückter Gespräche. Das Wort heißt: "Man antwortet nicht auf eine Frage, man antwortet dem Fragenden."

Mir scheint in diesem Wort ein feinsinniger und gewichtiger Unterschied zu liegen. Er lässt schlagartig hinter die Kulissen vieler Begegnungen schauen. Wenn man auf eine Frage antwortet, bleiben die Worte klar. Auf dieser Ebene nimmt alles seinen Lauf. Am Ende steht Zufriedenheit oder Unzufriedenheit. Anders ist es, wenn ich wahrnehme, dass nicht nur durch den fragenden Menschen etwas zur Sprache kommt, sondern auch mit ihm und von ihm. Jede Frage öffnet ja auch einen einmaligen Horizont des fragenden Menschen, der wahrgenommen werden will und nicht mit einer Standardantwort verwischt werden kann.

"Man antwortet nicht auf eine Frage, man antwortet dem Fragenden." Nimmt man das wahr, ändert sich die Antwort. Sie wird verstehender ausfallen und wohl auch vorsichtig und vielschichtig und klar. Vielleicht ist es auch so, dass manch einer lieber einem Fragenden antwortet als auf eine Frage, weil diese Art der Antwort neue Begegnungen eröffnet.

An dieser Stelle zeigt sich, dass überhaupt miteinander sprechen zu können, zu empfinden, dass Wort und Antwort sich entsprechen, ein großes Glück ist und ganz und gar nicht selbstverständlich. Wenn zwischen Menschen Funkstille ist oder Streitigkeiten entstanden sind, kann man mitunter hören: "Mach doch endlich den Mund auf. Sag doch endlich was!" Dahinter liegt der Wunsch, zu erfahren, wie es dem anderen geht und wie ich mit ihm dran bin. Verletzung und Angst, Mundfaulheit, Selbstzensur und Schüchternheit lassen oft das rechte Wort nicht finden, und eben nicht die Antwort. Wie nötig wäre da, jemanden zu haben, der in der Lage ist, mir den Zuspruch zu geben, den ich in diesem Moment verkraften kann.

So können wir es bei Gott in der Begegnung mit Menschen ablesen. Als der Prophet Elija um sein Leben fürchtet und in der Wüste sterben will (vgl. 1 Kön 19,3-18), bekommt er durch einen Engel im Auftrag Gottes Brot und Wasser hingestellt. Mehrfach. Als er sich gestärkt hat, ohne dafür ein Wort des Erstaunens oder des Dankes zu verlieren, bekommt er den Auftrag, zu einem Treffpunkt mit Gott zu gehen. Das tut Elija, und genau dieses Gehen ist seine Antwort auf die Antwort, die Gott ihm zuvor auf seine Situation gegeben hat. Elija wusste sie nicht mehr ins Wort zu bringen. Es war die einzige Antwort, die Elija in dieser Situation verkraften konnte, handfest mit Brot und Wasser. Gott ist ungewöhnlich erfinderisch in seinen Antworten.

Im Buch Ijob, wo der leidende Mensch Gott entgegentritt, gibt es von Ijob wie von Gott das Wort: "Ich will dich fragen, du belehre mich!" (Ijob 38,3b; 42, 4b). Beide, die zunächst schroff gegeneinander zu stehen scheinen, finden zu einander. Für Ijob ist es so, dass seine Fragen von Gott mit Gegenfragen beantwortet werden. Doch in diesen Fragen liegt die Antwort. Sie haben Ijob "hinübergefragt" vor Gott hin. Gottes Antwort auch in Fragen antwortet dem Fragenden. In dieser Antwort arbeitet er uns zu, dass wir unser Leben dadurch tiefer verstehen und mutiger leben. Denn Gott will und kann sich seiner Sorge gar nicht enthalten, uns die richtigen Antworten zu geben. Dass Sie heute eine erleichternde Antwort bekommen – mit diesem Wunsch verabschiede ich mich von Ihnen.

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