
Die Jünger sind mit Jesus auf einen Berg gestiegen und sehen ihn in strahlend hellem Licht neben den Propheten Mose und Elija.
Geistlicher Impuls
"Über den Berg sein"
Ich bin über den Berg! Wer das von sich sagt, hat etwas Schweres hinter sich. Sie oder er ist aber doch so weit, dass es weitergehen kann. Das Schlimmste ist überstanden. Ich bin über den Berg! Nicht mehr die zweifelnden und vielleicht quälenden Fragen stehen im Vordergrund, sondern eine Perspektive, die sich entwickelt hat: Ich bin über den Berg.
Manchmal frage ich mich, ob man das auch irgendwann einmal für sein Leben als Ganzes sagen kann: Ich bin über den Berg! Ich habe für mein Leben eine Perspektive und kann allen Zweifel und alle quälenden Fragen hinter mir lassen. Oder wäre das vermessen? Spricht nicht dagegen, dass so unendlich viel geschehen kann, was mich wieder aus der Bahn wirft? Wäre nicht jemand, der im Blick auf sein Leben von sich sagt: "Ich bin über den Berg", töricht?
Ausgesöhnt
Über den Berg sein – gibt es das? Manchmal treffe ich ältere Menschen, die so etwas ausstrahlen. Noch vor kurzem war es so. Ein Mann, der mit 82 Jahren plötzlich an Krebs erkrankte, sagte: "Wenn es jetzt so weit ist, ist es auch gut. Ich habe ein sehr schönes Leben gehabt." Das hat mich stark bewegt. Ich hatte den Eindruck, dass er so mit seinem Leben ausgesöhnt war, dass er die Nachricht der Ärzte annehmen konnte. Er fragte nicht nach dem warum und stemmte sich nicht gegen das, was ihm bevorstand. Er hatte einen Punkt erreicht, an dem beides möglich war: eine große Liebe zum Leben und zu den Menschen, mit denen er lebte, aber auch die Fähigkeit, loszulassen und bewusst in ein anderes Leben hinüberzugehen.
Bei seiner Beerdigung war das ganze Dorf auf den Beinen, die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Bei aller Trauer über seinen plötzlichen Tod war aber in der Kirche noch etwas Anderes spürbar. Die Fröhlichkeit und Gelassenheit, mit der er gelebt hatte, und die Ruhe, mit der er sein Leben zurückgegeben hatte, schenkten Trost und Kraft. Mir ging durch den Kopf: Er war über den Berg. Er hatte den Zweifel hinter sich gelassen und lebte mit einer Perspektive, die ihm Gelassenheit und Fröhlichkeit schenkte. Mich beeindruckte das und ich fragte mich, wie man dahin kommt. Hatte er einfach ein fröhliches Gemüt? Oder gab es in seinem Leben etwas, das ihm geholfen hat? Wie war er über den Berg des Zweifels in das Tal der Gelassenheit gekommen?
Am heutigen Sonntag wird in den katholischen Kirchen ein Abschnitt aus dem Matthäus-Evangelium vorgelesen, in dem die Jünger mit Jesus auf einen Berg steigen. Warum sie das tun, erzählt Matthäus nicht. Er berichtet nur: "Jesus nahm Petrus, Jakobus und (…) Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg" (Mt 17,1). Oben passierte etwas Außergewöhnliches: Jesus stand plötzlich in strahlend hellem Licht vor ihnen und neben ihm erschienen die Propheten Mose und Elija. Dann kam eine Wolke, aus der eine Stimme zu hören war, die sagte: "Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe, auf ihn sollt ihr hören" (Mt 17,5).
Tief bewegt
Auch wenn uns diese Erzählung unwirklich vorkommen mag: Auf dem Berg ist etwas passiert, das die Jünger tief bewegt hat. Johannes erzählt gleich am Beginn seines Evangeliums davon: "Wir haben seine Herrlichkeit gesehen" (Joh 1,14). Und im zweiten Petrusbrief heißt es: "Wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, verkündeten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe. Er hat von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfangen; (…). Die Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu beachten; denn es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen" (2 Petr 1,16-19).
Für die Jünger hatte sich auf dem Berg etwas ganz Wesentliches verändert, das jetzt ihr Leben bestimmte. Der Petrusbrief versucht, das in Worte zu fassen und spricht von dem Licht. Die Jünger kannten nach dem Erlebnis auf dem Berg keine tiefste und letzte Finsternis mehr. Sie hatten ein Licht, das Ihnen im Dunkel leuchtete und das ihnen Kraft gab, in den Nächten ihres Lebens auf den Tagesanbruch zu warten. Ihnen war der Morgenstern im Herzen aufgegangen.
Was kann das für mich heißen? Liegt in der Erzählung vom Berg auch für mich ein Weg, wie ich dieses Licht in der Finsternis, diese letzte Gelassenheit finden kann? Kann auch ich über den Berg sein?
Den Berg besteigen
Alles begann für die Jünger mit dem Aufstieg. Sie sind der Aufforderung Jesu gefolgt, mit ihm auf den hohen Berg zu steigen. Sie haben die Mühe auf sich genommen, mit ihm zu gehen. Sie wussten nicht warum und wieso, sie wussten nicht, wie lange es dauern würde. Sie sind einfach mitgegangen. Das steht meiner Erfahrung nach tatsächlich am Beginn: den Berg, der sich vor mir auftut, wirklich zu besteigen. Vor den Bergen meines Alltags nicht sitzen zu bleiben oder sie zu umgehen: den Berg Arbeit, den Berg Schuld, den Berg Verantwortung, den Berg an Problemen. Nur wenn ich sie angehe, kann ich einmal über den Berg sein.
Wie kann ich die Motivation dazu bekommen? Matthäus erzählt hier von den Jüngern etwas ganz Entscheidendes. Sie sind nicht aus sportlichem Ehrgeiz auf den Berg gegangen und auch nicht, weil das ihr Hobby war. Ich glaube, sie wären im Leben nicht auf den Berg gegangen, wenn sie nicht der Aufforderung Jesu gefolgt wären. Das ist für das Erlebnis der Jünger ganz entscheidend. Auf sein Wort hin, auf seine Aufforderung hin haben sie die Mühe auf sich genommen. Und nur das hat sie über den Berg gebracht. Mir sagt das: Ich kann mir selbst die Motivation nicht abringen. Ich kann nur der inneren Stimme, die mir sagt: "Geh los!" folgen. Auf sein Wort schaffe ich es loszugehen.
Den Berg zu besteigen, war für die Jünger mühsam. Wahrscheinlich haben sie sich die ganze Zeit gefragt: Was soll das? Warum diese Mühe? Wenn ich losgegangen bin, wird es mir erst wie den Jüngern gehen. Ich frage mich: Warum dieser Berg? Aber so ist das. Ohne diese Durststrecke auszuhalten, gibt es keine tiefe Erfahrung. Menschen, die Berge besteigen oder Pilgerwege gehen, ahnen etwas davon.
Gott geht mit
Wenn ich die Berge meines Alltags auf sein Wort hin angehe, werde auch ich früher oder später die Erfahrung machen, die die Jünger auf dem Gipfel gemacht haben. Mir wird etwas klar, es geht mir ein Licht auf. Ich sehe klar, dass der schwere Aufstieg Teil eines großen Weges ist, den Gott mit mir geht. Die Jünger sahen oben auf dem Berg Mose und Elija, zwei große Propheten aus der Geschichte Israels, und sie begriffen, dass Jesus in dieser Reihe steht. Auch mir kann es dann so gehen, dass ich meine Vergangenheit immer mehr als etwas sehe, das seinen Sinn hat. Was geschehen ist, wollte mich auf etwas hinweisen. Mein Weg läuft nicht ins Leere. Dieses Wissen ist ein Licht, das auch in der größten Finsternis des Lebens leuchtet.
Die Jünger waren über den Berg. Und doch erzählen die Evangelien davon, dass sie immer wieder Angst hatten, beim Sturm auf dem See, bei Jesu Tod und in vielen anderen Situationen. War das Licht, das sie oben auf dem Berg sahen, wieder ausgegangen?
Licht, das nicht ausgeht
Was die Jünger uns von den Erfahrungen auf dem Berg erzählt haben, erzählen sie nach ihrer zweiten wichtigen Erfahrung: der Auferstehung Jesu. Erst als sie dem auferstandenen Jesus begegneten, erst, als sie begriffen, dass er lebt, konnten sie das, was hinter ihnen lag wirklich verstehen und deuten. Lange haben sie in einem Dazwischen gelebt. Als sie mit Jesus wieder von dem Berg herabgestiegen waren, erlebten sie mit ihm Erfolg und Misserfolg, Jubel und Verachtung, Krankheit, Tod und Leid, Arbeitsdruck und Todesangst. Dabei ist langsam in ihnen etwas gewachsen. Sie sahen, wie Jesus mit den Lebenssituationen umging. Sie sahen, wie Jesus Krankheit und Tod, Schuld und Verzweiflung begegnete. Sie hörten, was er denen sagte, die auf der Suche nach gelingendem Leben waren. Über den Berg sein hieß für die Jünger, mit ihm unterwegs zu sein und alle Lebenssituationen an seiner Seite zu bestehen. Das Licht, das seit dem Berg in ihnen leuchtete, war dieses: wenn ich auf sein Wort hin mit ihm losgehe, wenn ich an seiner Seite bleibe, dann bin ich über den Berg. Dann leuchtet in den Finsternissen meines Lebens ein Licht, das nicht ausgeht.
Zu Beginn hatte ich Ihnen von dem älteren Mann erzählt, der in eine große Gelassenheit hineingewachsen war und sein Sterben annehmen konnte. Sein schlichtes und einfaches Leben zeigt mir, dass es das wirklich gibt, dieses Über den Berg sein. Bei seiner Beerdigung haben wir mehrere Osterlieder gesungen. Es war zu spüren: Er war der Aufforderung Jesu gefolgt, jetzt mit ihm über den Berg des Todes zu gehen. Mit ihm ist er sicher auch in dem Leben angekommen, in dem wir keine Berge mehr besteigen müssen und in dem es keine Dunkelheit mehr gibt.
Ich weiß nicht, wo Sie gerade in ihrem Leben stehen. Vielleicht stehen Sie noch unten am Berg und überlegen, ob es Sinn macht, da rauf zu gehen. Vielleicht spüren sie gerade beim Aufstieg auf einen Berg ganz besonders die Last ihres Lebens. Vielleicht sind Sie auch schon über den Berg und tragen das Licht im Herzen, das in aller Finsternis leuchtet. Wo auch immer Sie stehen: Ich wünsche Ihnen, dass Sie eines Tages sagen können: Ja, ich bin über den Berg.
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Text: Norbert Köster | Foto: Michael Bönte
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