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25.05.2012
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St. Anna, nahe Betesda (Jerusalem)

St. Anna, nahe Betesda (Jerusalem)

Außer sich

Das Große in die Stille retten

Alles hat seine Zeit und seinen Ort: Karneval und Fastenzeit. Karneval: Einmal richtig verrückt spielen, schreien und brüllen wie Kinder und Jugendliche, alles rauslassen, außer sich geraten, ungebremste Lebensfreude, einmal König oder Prinzessin sein, Erwachsene wie ausgewechselt. Vielleicht etwas Pubertät nachholen: tun, was man damals nicht durfte. Oder nur seinen augenblicklichen Frust loswerden. Und das nicht allein, sondern im Kollektivrausch mit anderen, die es auch brauchen: Ventile für angestaute Lebensenergie oder seinen Seelenschmerz eine Zeitlang vergessen.

Fastenzeit: Für kirchlich Orientierte eine Art Gegenbewegung, ein Kontrastprogramm, Gang nach innen, Einkehr – wenn es denn stattfindet!

Außer sich sein, aber anders

Fasten hat nichts Düsteres. Wir treten nicht "mit Hilfe von Entsagung und Stille in das Vorzimmer des Todes" (Benoîte Groult), sondern reinigen unser Inneres für Größeres, nicht Verfügbares, "Heiliges": Gott!

Der Evangelist erzählt: Jesus fastete in der Wüste und betete auf dem Berge (Tabor – zusammen mit drei Jüngern). Dabei öffnete sich für ihn der Himmel, und er hörte eine Stimme, die Stimme Gottes: "Du bist mein geliebter Sohn" (Lk 3,21). Oder an alle gerichtet: "Dieser ist mein geliebter Sohn"(9,35).

Wenn wir beten oder die Heilige Schrift lesen, kann Vergleichbares geschehen. Vielleicht, oder doch Unvergleichliches? In der Stille den je größeren Gott ahnen.

Wortloses Stammeln ins Leere. Jenseits allen Getues und Getöses: In sich gehen und dadurch wunderbar außer sich geraten. Sich ausstrecken nach dem Allumfassenden, Heilenden, dem unendlichen Licht. Erdschwere vergessen, der Alltagsverwobenheit für Momente entkommen. Sich, die Menschen und die Welt in ihrem ursprünglichen Glanz sehen, wie Gott uns gemeint hat. Ein Hauch von Tabor. Sternstunden.

"Du bist geliebt und von Gott bejaht." Größeres kann uns nicht passieren. Eine Ahnung bekommen von dem "Großen, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben" (1Kor 2,9).

In der Fastenzeit haben Gebet, Stille vor Gott, Schriftlesung und Gottesdienst ein besonderes Gewicht. Wir werden sensibel für die innere Stimme, für eine Berührung vom "Ganz-Anderen". Für Jesus öffnete sich der Himmel, während er betete.

Unsere gläubige Hoffnung: Verwandelt und verklärt werden wie er. Der kleine Mensch und seine wahre Größe "durch Christus, unsern Herrn".

Wir kennen unsere irdische Schwerkraft, unsere Zerbrechlichkeit und unsere Gebrochenheit, das, womit wir uns täglich abmühen. Auch das wird in Zeiten der Besinnung deutlicher. Am meisten aber festigt sich unser Glaubensbewusstsein:
- "Löscht den Geist nicht aus!" (1 Thess 5,19)
- "Geht euern Weg, solange ihr das Licht habt!" (Joh 11,35)
- "Das Große in die Stille retten." (Jan Wagner)
- "Euer Herz aber bleibe ungeteilt beim Herrn, unserem Gott." (1 Kor 8,61)

Gut gemeint, aber wenig erleuchtet

Das wahrhaftige Bei-sich-sein in der Fastenzeit führt uns auch an die Grenzen eines nur intellektuellen Zugriffs bei geistlichen Texten. Wir werden uns unserer inneren Armut bewusst, vielleicht auch einer illusionären Selbstsicht. Uns fehlt in der Regel die Erfahrung der großen Zeugen hinter ihren Zeugnissen, ihr radikales Leben in der Christusspur, ihr "Nachsterben" (Loslassen, Hingabe) und ihr "Mitauferstehen" oder die "große Abgeschiedenheit", "aller Dinge ledig werden" (Meister Eckhart).

Ein Leben in Zitaten reicht nicht. Sie können jedoch auf den Weg "hinter IHM her" rufen. Dort können wir das "neue Leben in Christus" ahnen, wenn wir ein "gottglühender Mensch" (Walter Nigg) oder "gottfarben" (Johannes Tauler) werden.

Versuche, Mystiker wie Paulus, Meister Eckhart oder Teresa von Avila u.a. für unseren Alltag umzusetzen oder aus ihnen "etwas für die Gegenwart" zu machen, scheitern an unseren Verhältnissen und Voraussetzungen. Denn in der Regel sind wir weder Bekehrte noch Mystiker(innen) noch fähig, ihnen aus eigener Kraft zu folgen. Wir können sie auch nicht wirklich verstehen, wenn wir ihre spirituellen Erfahrungen nicht teilen, d.h. keinen geistlichen Zugang haben. Wir würden anders leben, anders sein.

Es bleibt dann meistens bei erbaulichen Empfehlungen, moralischen Appellen und esoterisch-psychologischen Weisheiten: Gut gemeint, aber wenig erleuchtet! Denn solche Impulse entstammen selten einem "neuen Sein" aus der Nachfolge der großen Zeugen, "die aus der Wahrheit sind" (1 Joh 3,19).

Kopfwissen allein reicht nicht. Meister Eckhart zum Beispiel sagt spirituell hoch trainierten Ordensleuten: "Solange der Mensch dieser Wahrheit (des mystischen Weges, d. Verf.) nicht gleich ist, solange wird er dieses Predigtwort nicht verstehen." Eine Wahrheit, ein Wissen, das man sich nicht "anlesen" kann ("Lesemeister" oder "Lebemeister").

Jahre am Rande des Wassers

"Während der Periode des Suchens verbringt man Jahre am Rande des Wassers", sagt der berühmte russische Starez Theophan (1815-1894). Er verweist auf die Szene am Teich von Betesda. Dort lag ein Gelähmter, der schon 38 Jahre krank war. Er hatte niemanden, der ihm ins Heil- Wasser half, wenn es aufsprudelte (Joh 5,1-9). Theophan liest die Evangelien typologisch und allegorisch wie die Altväter der Kirche.

Jahre am Rande des Wassers – gelähmt: Ein Bild für viele Christen der Gegenwart oder für alle, die Jesus noch nicht kennen? Haben sie keinen, der sie ans Wasser führt? Oder "hinaus, dorthin, wo es tief ist" – so in einer anderen Bildrede (s. Lk 5,4).

Geistliche Meister empfehlen uns, die wissenschaftliche Suchebene immer wieder zu verlassen und den Intellekt mit dem Herzen zu verbinden oder vom Kopf ins Herz hinabzusteigen. Was wir an Faktensicherheit verlieren, können wir an Beziehungskraft gewinnen, wenn wir die Texte geistlich lesen (betrachten). Außerdem: "Der Kopf ist ein überfüllter Flohmarkt, man kann damit nicht zu Gott beten", behauptet Theophan.

Die Texte in dem Geiste zu lesen, in dem sie geschrieben sind, empfiehlt uns das Zweite Vatikanum. Das "tiefe Wasser" der Bibel ist ihr geistlicher Sinn. Die Fastenzeit ist auch dazu ein Trainingsraum, über das wörtliche und satzhafte Verständnis hinauszukommen – dorthin, "wo es tief ist", wo ich mit dem Heilwasser des göttlichen Wortes in Berührung gerate.

Wissenschaftliche Analysen und Fragen nach dem Historischen bleiben notwendig. Wir reiben uns an vielen Widersprüchen in der Bibel, erfahren ihre Vielstimmigkeit und Vieldeutigkeit und erfassen nicht so schnell die allem zugrundeliegende Einheit und Harmonie. Das Textkritische können wir als denkende Christen nicht ausblenden, aber wir bleiben damit am Rande des Wassers. Vielleicht dauert es Jahre, bis wir es schaffen, wie ein Kind oder wie Maria zu Füßen Jesu "beschaulich" zu werden, "das Wort Gottes aufzunehmen" und gern darin zu verweilen.

Gebet und Schriftbetrachtung haben das eine Ziel, dass sich der Himmel über uns öffnet und wir  in der Tiefe angesprochen, angeschaut und berührt werden: Gottesberührung! Der Gelähmte am Teich von Betesda empfing die Weisung: "Steh auf, nimm deine Bahre und geh" (Joh 5,8)!

Wenn man dich fragt

Wie machst du das? Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat? Unsere Art von Lähmung ist ja  augenfällig: Trägheit, Schwerfälligkeit, falsche feste Gewohnheiten, persönliche und strukturelle Behinderungen: "Die Verhältnisse – sie sind nicht so", dass Gebet oder geistliche Lesung jeden Tag gelingen. Nicht jeder hat oder sucht einen "geistlichen Begleiter". Es gibt nicht viele. Aber Hilfen zum eigenen "geistlichen" Weg ernsthafter Christen sind hinreichend vorhanden:

- Biblische Betrachtungen, die eine tiefere Christusbeziehung spüren lassen.
- Professionelle Kommentare, die neben Fachwissen auch spirituelle Zugänge vermitteln.
- Geistliche Impulse, die Bilder und Worte der Heiligen Schrift erschließen und diese nicht nur zur Stützung psychologischer Ratschläge benutzen.

Entscheidend sind die eigenen persönlichen Gehversuche, der betende Umgang mit dem heiligen Wort, "dass mir die Augen geöffnet werden für das Wunderbare an seiner Weisung" (s. Ps 119,18).

Muslime reinigen sich rituell, wenn sie beten oder den Koran lesen wollen. Wir spüren es instinktiv, wie sinnvoll diese Praxis ist, denn es gibt keinen nahtlosen direkten "Übergang" von der Zeitungslektüre zur Bibellesung oder vom Abendfernsehen zur Komplet (vgl.: "Überfüllter Flohmarkt").

"Das Große, das Gott denen verheißen hat, die ihn lieben", will wahrgenommen werden. Nicht auf dem Jahrmarkt, am besten in der Stille.

Vertreibe durch dein mächtges Wort,
was unser Herz befleckt und trübt,
was heimlich unsern Sinn verwirrt
und dreist sich drängt in unser Tun.
(Stundengebet)

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