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25.05.2012
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Taufe Jesu im Jordan

Taufe Jesu im Jordan.

Geistlicher Impuls zum Fest "Taufe des Herrn"

"Wir müssen alle Gerechtigkeit erfüllen"

Am heutigen Sonntag wird in allen christlichen Kirchen die Taufe des Herrn gefeiert. Es ist ein großes Fest. Aber was wird da eigentlich gefeiert? Die Taufe im Jordan gehört zu den "Geheimnissen des Lebens Jesu". So hat die Theologie seit alter Zeit dieses Ereignis gesehen: Die Taufe am Jordan lässt den Sinn des ganzen Lebens Jesu aufleuchten; deshalb wird sie als Geheimnis betrachtet, als Mysterium.

Ein Geheimnis

Dass sie ein Geheimnis ist, bedeutet nicht, dass man die Taufe verheimlichen oder aus der öffentlichen Diskussion heraushalten wollte. Im Gegenteil: Nach allen vier Evangelien, die im Neuen Testament gesammelt sind, beginnt das öffentliche Wirken Jesu damit, dass er sich von Johannes im Jordan taufen lässt. Auch diese Taufe ist ein öffentliches Ereignis: Alle Welt, schreiben die Evangelisten, zieht hinaus aus Jerusalem, aus Judäa und Galiläa, aus ganz Israel in die Wüste an den Jordan; Jesus ist einer von ihnen; er scheut die Öffentlichkeit nicht, von Anfang an.

Die Jordantaufe Jesu ein Mysterium zu nennen, heißt, sie als ein Ereignis zu sehen, in dem Gott ins Spiel kommt. Das werden Menschen nie ganz begreifen können; und doch kann man von Jesus rein gar nichts begreifen, wenn man nicht sieht, wie überragend wichtig ihm Gott gewesen ist und wie alles, was er für die Menschen getan hat, aus seiner Beziehung zu Gott stammt, den er seinen Vater nennt.

Die Taufe Jesu im Jordan gehört zu den sichersten historischen Fakten seiner Biographie; sie ist so sicher wie seine Geburt und sein Kreuzestod auf Golgotha. Aber worin besteht der Sinn der Taufe? Warum hat Jesus von Nazareth sich auf den Weg an den Jordan gemacht? Was ist bei der Taufe geschehen? Und wie hat Gott dabei seine Hand im Spiel?

Diese Fragen sind nicht neu. Von Anfang an haben sie viele Menschen umgetrieben – solche, die Jesus als Messias verehren, und solche, die das nicht glauben können.

Ein Gespräch

Die Fragen beginnen schon im Neuen Testament. Nach dem Matthäusevangelium ist es Johannes der Täufer selbst, der die Frage stellt, warum Jesus sich von ihm taufen lassen will. Im Evangelium nach Matthäus heißt es:

Damals kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber wollte ihm zuvorkommen und sagte: "Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?" Jesus aber antwortete und sagte ihm: "Lass jetzt; denn so ist es angemessen, dass wir die ganze Gerechtigkeit erfüllen." Da ließ er ihn.

Nur bei Matthäus steht dieser kurze Dialog zwischen Johannes dem Täufer und Jesus. Der Evangelist spricht ein echtes Problem an: Ist Jesus nicht der "Stärkere", den der Täufer angekündigt hat? Hat Johannes nicht gesagt, er sei nicht wert, ihm die Schuhriemen zu binden? Spendet Johannes nicht eine Taufe mit Wasser zur Vergebung der Sünden? Und ist Jesus nicht derjenige, der mit Feuer und Heiligem Geist taufen wird, um alle Menschen zu retten, auch Johannes den Täufer? "Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?" Der Täufer hat das Problem scharf erkannt. Lässt es sich lösen?

Es spricht für das Neue Testament und in diesem Fall besonders für das Matthäusevangelium, dass kritische Rückfragen nicht unterdrückt, sondern offen ausgesprochen werden. Es spricht aber auch für das Neue Testament und in diesem Fall besonders für Matthäus, dass alle, die in der Bibel lesen, nicht mit ihren Fragen alleingelassen werden, sondern die Antwort hören können, die mit dem Namen Jesu selbst verbunden ist.

Jesus leugnet das Problem nicht. Nach Matthäus geht er nicht deshalb zum Jordan, weil er sich seiner messianischen Sendung nicht ganz sicher wäre oder erst noch etwas zu beichten hätte, bevor er seinen Weg der öffentlichen Evangeliumsverkündigung beginnen kann. So wie Matthäus sein Wort überliefert, lässt Jesus sich von Johannes im Jordan um der Gerechtigkeit willen taufen: "So ist es angemessen, dass wir die ganze Gerechtigkeit erfüllen" (Mt 3,15).

Das ist das erste Wort aus dem Munde Jesu im Matthäusevangelium. Es ist so das erste Jesuswort des ganzen Neuen Testaments geworden. Was heißt hier Gerechtigkeit? Wie wird sie erfüllt?

Ein Programm

"Gerechtigkeit" ist in der ganzen Bibel ein großes Wort. Im Matthäusevangelium hat es einen besonders guten Klang, vor allem in der Bergpredigt. Hier werden die beiden Seiten der Gerechtigkeit sichtbar. Die Gerechtigkeit ist eine Tugend, sie ist aber zuerst eine Gabe Gottes.

Auf der einen Seite ist Gerechtigkeit der Inbegriff eines guten Lebens: eines Lebens, das dem Recht des Nächsten dient und das eigene Lebensrecht nicht zu kurz kommen lässt, ein Leben der Solidarität mit den Armen, der Hilfe für die Schwachen, der Bildung für alle. Nach der Bergpredigt macht Jesus die soziale Gerechtigkeit – er steht dabei in einer langen Tradition des Judentums – an drei guten Werken fest: Almosen, also die tatkräftige Unterstützung derer, die der Hilfe bedürftig sind; Beten, also die Bitte an Gott um Hilfe, wo menschliche Kräfte an Grenzen stoßen, und Fasten, also ein Verzicht auf Konsum, der anderen zugute kommt, aber auch die eigene Seelenlage zum Ausgleich bringt. Diese soziale Gerechtigkeit ist das große Thema der Bergpredigt, aber sie wird auch für alle, die es gut meinen, zur Versuchung: "Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen" (Mt 6,1), sagt Jesus deshalb gleich am Anfang.

Auf der anderen Seite kann die Versuchung der Heuchelei nur bestanden werden, wenn man im Glauben stark und in der Liebe groß ist. Beides kann aber nur deshalb gelingen, weil die Gerechtigkeit nach der Bergpredigt mehr ist als eine menschliche Tugend: Sie ist eine Gabe und eine Macht Gottes. Es ist die himmlische Gerechtigkeit, nach der besonders diejenigen hungern und dürsten, die verfolgt werden. Deshalb preist Jesus gerade diese Menschen selig, auch wenn sie unter Ungerechtigkeit leiden: Gott wird ihnen Recht verschaffen (Mt 5,6.10). Die himmlische Gerechtigkeit kann nur Gott verwirklichen; nur durch ihn kommen alle zu ihrem Recht – auf Erden in dem Maße, wie Menschen für ihr Recht kämpfen und sich für das Recht anderer einsetzen; im Himmel ohne jedes Maß so, wie Gott seinen Heilswillen verwirklicht. Deshalb sagt Jesus in der Bergpredigt. "Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles dazugegeben" (Mt 6,33).

Diesen Weg, der zum Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit führt, ist Jesus vorangegangen. Am Jordan hat er angefangen. Er stellt sich auf die Seite derer, die erkennen, dass sie verloren wären, wenn Gott sich ihrer nicht erbarmte, und deshalb zum Jordan gehen, um von Johannes die Taufe zu empfangen, die ihnen ihre Sünden vergibt und sie auf das Kommen des Messias vorbereitet, der ihnen Gottes Herrschaft bringt. Das Geschick dieser Menschen hat Jesus geteilt: vom Jordan bis nach Golgotha, von der Krippe bis zum Kreuz.

Johannes erfüllt die Gerechtigkeit, indem er Jesus diesen Weg gehen lässt: mit vollem Ernst und deshalb am Anfang mit der Taufe. Jesus, der sich im Wasser des Jordan untertauchen lässt und wieder aus dem Wasser emporsteigt, nimmt durch die Jordantaufe seinen Tod und seine Auferweckung zeichenhaft vorweg. So wird die Gerechtigkeit erfüllt: Durch sein Leben, durch seinen Tod und seine Auferstehung bringt Jesus die himmlische Gerechtigkeit auf die Erde und öffnet die irdische Gerechtigkeit für das Reich Gottes.

Eine Stimme

Die Gerechtigkeit, die Jesus mit der Taufe im Jordan zu erfüllen beginnt, ist die Gerechtigkeit Gottes. Deshalb ergreift Gott selbst das Wort, als Jesus nach der Taufe aus dem Wasser des Jordan steigt:

Und als Jesus getauft war, stieg er sofort aus dem Wasser. Und siehe, der Himmel riss auf, und er sah Gottes Geist wie eine Taube auf sich herabkommen, und siehe, eine Stimme aus dem Himmel, die sprach: "Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Gefallen gefunden."

Die Himmelsstimme offenbart Jesus als den, der verwirklichen kann, was er ankündigt: die ganze Gerechtigkeit zu erfüllen. Nur weil er der Sohn Gottes ist, dem die ganze Liebe des Vaters gilt, kann er Gottes Reich "wie im Himmel so auf Erden" verkünden und verwirklichen. Und umgekehrt: Die Offenbarung am Jordan dient nicht nur dazu, Jesus ins rechte Licht zu rücken, sondern auch dazu, ihn auf den Weg der Gerechtigkeit zu schicken.

Das wird deutlich, wenn man heraushören kann, mit welchen Worten Jesus charakterisiert wird. Es sind zwei Anklänge an Gottesworte aus der Bibel Israels, dem sogenannten Alten Testament, die hellhörig machen.

Zum einen: "Dies ist mein geliebter Sohn". Im Hintergrund steht der zweite Psalm des Alten Testaments, das Wort Gottes an den König, der eine so große Herrschaft antritt, dass es eigentlich nur der Messias-König sein kann, der angesprochen wird: "Mein Sohn bist du!" (Ps 2,9). Es ist eine Theologie der Stärke, die hier laut wird: Ohne dass er die Macht Gottes hätte, könnte Jesus der Welt keine Gerechtigkeit bringen, weder im Diesseits noch im Jenseits.

Zum anderen: "An ihm habe ich Gefallen gefunden." Im Hintergrund steht das Wort Gottes im ersten Lied vom Gottesknecht aus dem Jesajabuch, dessen viertes Lied die alttestamentliche Lesung am Karfreitag ist, weil sie von einem unschuldig leidenden Menschen handelt. Im ersten Lied wird dieser Gottesknecht als Prophet vorgestellt, der den Menschen Recht und Gerechtigkeit bringt. "Seht, das ist mein Knecht, den ich halte; mein Erwählter, an dem meine Seele Gefallen gefunden hat. Ihm habe ich meinen Geist gegeben; er bringt den Völkern das Recht" (Jes 42,1). Es ist eine Theologie der Schwäche, die hier ganz leise die Stimme erhebt.

Ein Fest

Matthäus weiß, dass beides miteinander verbunden ist: die Stärke und die Schwäche, die Macht und das Leiden, die öffentliche Verkündigung und die Passion. Jesus geht den menschlichen Weg, um Gott zu den Menschen und die Menschen zu Gott zu bringen. Dieser Weg beginnt ganz unten: im Jordan, wo er sich von Johannes taufen lässt, um zu zeigen, wie er die ganze Gerechtigkeit erfüllen wird.

Die Kirche feiert die Taufe des Herrn an der Schwelle vom weihnachtlichen Festkreis zum Jahreskreis der Sonntage. Von der Taufe kann man auf das öffentliche Wirken Jesu schauen; von der Taufe muss man auf die Passion Jesu schauen; von der Taufe darf man bis zur Auferstehung schauen. Denn am Jordan reißt der Himmel auf und Gottes Geist kommt auf Jesus herab, dass er seinen Dienst als Messias antreten kann.

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