
Geistliche Impulse von Dr. Silberberg zum Advent: Fundstücke (4)
Mensch werden
Vor 40 Jahren eine denkwürdige Begegnung mit dem Zen-Meister und Psychotherapeuten Karlfried Graf Dürckheim (1896-1988). Unvergessen unser Gesprächsthema: Was heißt Sein in Christus?
Der junge Kaplan ist ziemlich ratlos. Gelesenes und Gelerntes prallen hier ab: Ein Zen- Meister duldet kein routiniertes Reden. Auf seinem Schreibtisch ("Ich sitze hier 25 Jahre") eine versteinerte Schnecke. Seitdem eine Ähnliche auch bei mir – Jahrzehnte vor Augen: Markante Kreislinien führen zu einem Zentrum, einer Mitte als Ziel des Weges.
Nabel der Welt
Delphi (Griechenland) hat seit Urzeiten einen berühmten Stein. Man betrachtet ihn als den Nabel der Welt. Japaner und Zen-Leute sprechen von Hara (Bauchzentrum) – das, worum sich alles dreht; die Mitte, von der im Idealfall alles ausgeht: das Denken und Fühlen, Handeln und Sein. Wir würden das Steuerungszentrum eher im Kopf lokalisieren, bestenfalls im Herzen.
Die Schattenseite: Auch hier kann sich alles um das Eine drehen – unser "kleines Ich". Hier ist zugleich die Quelle unserer Sehnsucht nach dem großen Ich, dem wahren Selbst, dem Heilsein und Ganzsein. Je mehr wir an unserem Zustand leiden oder eine selbstkritische Distanz bekommen, umso weniger machen wir uns selbst und unsere kleine Welt zum Maßstab "aller Dinge" und Menschen.
Erkenne dich selbst
Der berühmte Spruch – eingemeißelt im Apollotempel zu Delphi – zielt ursprünglich darauf, die Ohnmacht des Menschen gegenüber den Göttern zu erkennen. Christlich gesprochen: Angesichts Gottes werden wir uns unserer Geschöpflichkeit bewusst und erkennen, dass wir sterben müssen: "Du bist nicht Gott!"
Der göttliche Apollo, unehelicher Sohn des Zeus, kannte den Willen seines Vaters und ließ durch den Mund der Pythia den Menschen prophetische Worte zukommen. So sagt es die Götterlegende.
Der politische Einfluss des Orakels war damals enorm. Erst die Aufklärung reduzierte den Spruch "Erkenne dich selbst" auf das philosophische Problem der Selbsterkenntnis des mündigen Bürgers, der ohne die Götter seiner selbst gewiss wird und aus eigener Kraft ein "ganzer Mensch" werden kann.
Identitätsfindung und Selbstverwirklichung sind Leitbegriffe unserer Kultur:"Wer kann mir sagen, wer ich bin?" lautet die zentrale Frage am Schauspielhaus meiner Stadt in dieser Spielzeit. Ein eigenes Selbst erfinden oder das eigene Selbst finden? Die Suche nach der eigenen Identität beherrscht das Programm. Nicht nur ein Luxusproblem Privilegierter. Die dumpfe Suche und Sehnsucht danach ist überall zu spüren (vgl. den Bestseller: "Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?").
Das Theater führt dramatisch vor Augen, was jeder Mensch sein Leben lang in kleinen Alltagsbegegnungen erfährt: Das Ich erkennt sich am Du und sei es auch das Du eines Therapeuten, der bei der Bewusstmachung behilflich ist.
Theater und Therapeut – Menschen vor und neben uns – wirken wie Suchscheinwerfer, die auch das Verdrängte und in den Seelentiefen Verborgene entdecken lassen, die Nachtseite der Vernunft, versteckte Ängste und Wünsche.
Menschen und Ereignisse öffnen uns die Augen, begleiten uns auf den Wegen der Selbsterprobung und zeigen uns plötzlich oder schrittweise unser Können und Sein, unsere Schwächen und Begrenztheiten.
In sich gehen
Die Schnecke vor mir erinnert an zwei theologische Leitvorstellungen:
- Das auf sich selbst fixierte und in sich selbst verkrümmte Herz ("cor inseipsum incurvatum", wie es Augustinus und Luther nannten): Egozentrik als Inbegriff unseres Handelns und Kern aller Sünde. Der Mensch – gefangen im Schneckenhaus seiner selbst.
- Die pastoralen Impulse zur Selbstbesinnung. In sich gehen vor Gott, sich sammeln: "In Sammlung leben, dann wird man ein ganzer Mensch" (Starez Teophan). In seine Mitte kommen: Meditation als Zentrierungsübung, zur Reinigung und "Entleerung" der Seele, um frei, begegnungs- und beziehungsfähig zu werden.
Biblische Geschichten und Zeugnisse glaubwürdiger Zeugen zeigen: Vor Gott sieht sich der ganze Mensch infrage gestellt und zugleich aufgefangen. Der Weg nach innen als ein "Zu Ihm Kommen" ist immer mehr als eine Schattenanalyse in seinem Licht.
Zen-Meditation kann dabei helfen, "den Schleier des Seins zu lüften", unsere persönliche Blindheit aufzudecken und von falschen Ichlasten zu befreien, um uns aus dem Gefängnis des kleinen Ichs herauszuführen. Zen kann den Weg zu Christus bereiten, aber nicht die Lebensfülle derer aufzeigen, die christusförmig geworden und "in Christus sind", Anteil an ihm haben oder in Gemeinschaft mit ihm leben. Dieser ist auch in seiner neuen "allkosmischen" Seinsweise bei Gott nicht konturlos, sondern als liebendes Du ansprechbar.
Die abendländischen philosophischen Vorstellungen von Subjekt, Person und Selbst sind ostasiatischem Geiste fremd. Die Sehnsucht nach dem größeren Selbst der Gläubigen und nach dem Absoluten oder Göttlichen finden in Christus eine fast ärgerniserregende Konkretheit: "Das Leben, das erschienen ist" (s. 1 Joh 1,1f.)!
Von diesem lassen sich Christen bestimmen, um mit Ihm ihr eigenes, ihr größeres Selbst zu finden. Sie sind nicht nur "vom Absoluten angeweht", sondern werden "erleuchtet zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi" (2 Kor 4,6).
Von Delphi nach Betlehem
Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard verweist auf die Bibel als Spiegel wahrer Selbsterkenntnis: "Das Heidentum fordert: Erkenne dich selbst! Das Christentum sagt: Dieses Erkennen ist nur das vorläufige. Betrachte dich danach im Spiegel des Wortes, um dich selbst zu erkennen."
Der Evangelist Johannes nennt Jesus "das Wort, das Fleisch geworden ist"(1,14). Er ist der, in dem Gott am meisten hindurchleuchtet, der letztgültige Ort seiner Gegenwart, als das exemplarische Ebenbild Gottes der gelungenste und als der Umgeformte und Auferstandene der vollendete Mensch. Er ist unser Maß für die Göttlichkeit Gottes und die Menschlichkeit des Menschen. Seit der Taufe sind wir auf seinen Weg gebracht, nicht mehr als religiöse Selbstversorger auf uns selbst gestellt, sondern lassen uns von seiner Weisung bestimmen, um unser Leben danach auszurichten.
Mit ihm beginnt die christliche Aufklärung (Offenbarung!). Das Neue Testament sagt: Durch ihn, mit ihm und in ihm werdet ihr eure wahre, in Gott verankerte Identität ("das Leben"), euer größeres Selbst finden und euer kleines Ich überwinden.
Jesus sagt bei Johannes: "Wer diesen (Lebens-) Durst hat, komme zu mir" (7,37)! Er kommt uns seit Betlehem entgegen wie nie jemand zuvor. Dieses Kind in der Krippe "wird heilig und Sohn Gottes genannt" (Lk 1,35). Bewusster Glaube ist der lebenslange Versuch, zu Ihm zu kommen und mit Ihm zu sein.
Alle kleinen und großen Schritte geistlichen Lebens führen in die Spur hinter Ihm her – von Betlehem bis Golgatha. Dabei erfahren wir "das Zuvorkommen Gottes", wo immer wir in Stürme geraten oder abseits vom Wege: "Ich bin es, fürchtet euch nicht!"
Jesus nimmt stets die Grundgebärde Gottes auf, des Vaters, der dem Verlorenen entgegengeht, ihn umarmt und wieder in sein "Sohnsein" einsetzt. Aber auch dem zuhause Gebliebenen, dem älteren Sohn, "redet er gut zu" (s. Lk 15). Beide dürfen sich aufgehoben fühlen und in ihrer Identität gestärkt.
Christen "schauen auf den Durchbohrten" am Kreuz. Denn sie wissen, wer nur sich selbst sieht und anschaut, leuchtet nicht.
Alles tun und in Qualifikation investieren
Diese Empfehlung auf dem aktuellen Arbeitsmarkt könnte auch Leitlinie christlichen Lebens sein. Die Offenbarung der Menschwerdung zeigt den Weg, der uns aus dem Schneckenhaus des kleinen Ichs herausführt.
Das Programm Jesu: Zwei Wege, die sich kreuzen, Vertikale und Horizontale – Gottesbereitschaft und Offensein für andere, die uns brauchen. Beide Wege führen zunächst von uns weg, aber wir können selbst bestimmen, wie wir uns im Rahmen unserer inneren wie äußeren Möglichkeiten bereiten und öffnen. Ständige Ich-Verlust-Ängste werden uns begleiten, behindern und "rückfällig" werden lassen, wenn wir "Gemeinschaft suchen - mit Ihm und untereinander".
Wir machen aber auch die Erfahrung, wie er uns schrittweise aus vielen Formen von Selbstverfangenheit herausholt und uns eine befreiende Kraft auf dem Wege zuwächst.
Seit Betlehem versuchen Christen, "alles zu tun und in Qualifikation zu investieren", sind sie doch schon seit der Taufe "in Christus". Das ermutigt uns, Mensch zu werden wie ER und von "seiner Fülle zu empfangen". Dabei leben wir von der Zusage: "Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit" (2 Kor 12,9).
Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt. Lass uns teilhaben an der Gottheit deines Sohnes, der unsere Menschennatur angenommen hat. (Stundengebet - Weihnachten)
Mehr zum Thema in kirchensite.de:
Übersicht: Impulse von Hermann-Josef Silberberg
Übersicht: Impulse zum Kirchenjahr
Ausgewählte Impulse von Hermann-Josef Silberberg in Buchform
Text:
Hermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
17.12.2010
Impulse verschiedener Autoren
In die Tiefe gehen: Übersicht mit verschiedenen geistlichen Impulsen und Texten unterschiedlicher Autoren.
Gebete und Bibeltexte
Die Übersicht über Gebete und Bibelstellen lädt ein, die Seele atmen zu lassen.
Impulse zum Kirchenjahr
Die Geistlichen Impulse, die Sie in dieser Übersicht finden, führen Sie durch das Kirchenjahr.
Marienmonat
Als schönster Monat des Jahres soll der Mai der "schönsten aller Frauen" geweiht sein. Maialtäre und Maiandachten entstammen einer barocken Frömmigkeitstradition.
Landvolkshochschule
Mit einem Festakt wurde der langjährige Direktor der Landvolkshochschule "Schorlemer Alst", Johannes K. Rücker, in den Ruhestand verabschiedet.
Kommunionempfang
Erzbischof Robert Zollitsch setzt sich weiterhin dafür ein, dass Katholiken auch nach Scheidung und Wiederheirat die Kommunion empfangen können.
Dossier: Maria
Maria ist die Mutter Jesu Christi - und hat daher eine besondere Stellung im christlichen Glauben.
Heilige und Selige
Das Bistum Münster kann auf viele Frauen und Männer zurückblicken, die ein herausragendes Zeugnis für den christlichen Glauben abgelegt haben.
Service für Sie
Spruch des Tages
Reden, Fragen, Antworten finden
Seelsorger/-innen
Heiligenlexikon in "kirchensite.de"
im
Heiligenkalender können Sie nach Monaten blättern. Oder wählen Sie hier nach Buchstaben aus:
Kontakt
kirchensite-Redaktion:
redaktion
kirchensite.de
Lebenshilfe+Seelsorge:
Martin Weber
weber
kirchensite.de
Technik:
technik
dialogverlag.de
















Newsticker für Ihr Web