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25.05.2012
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Geistliche Impulse von Dr. Silberberg zum Advent: Fundstücke (3)

Sich nach oben hin verlieren

Strandgut. Ein Mitbringsel von der berühmten Halbinsel Athos, der griechischen Mönchskolonie, dem geistlichen Zentrum der orthodoxen Kirche. Für mich ist dieser Stein vor mir "der kleine Athos" – fast so wie der große Berg. Er ist nicht nur Zentrum orthodoxer Spiritualität, sondern auch Symbol für Christenträume wie: Das Leben ganz auf Gott ausrichten! Das Evangelium leben: "Suchet zuerst das Reich Gottes!" – "Christus will ich erkennen" (Paulus)!

Vertikalspannung

Gottoffenheit bestimmt das Leben der Mönche Tag und Nacht. Ein kühner Versuch, sein Dasein in radikaler Einseitigkeit auf den Himmel und die letzten Dinge hin zu wagen. Nicht zerfasern im Vielerlei. Auch keine Flucht, sondern entschiedene Zuflucht zum allumfassenden Licht. Spirituelle Extremisten, die aber nicht auf Leistungslohn, sondern nur auf Gnadenlohn setzen. Menschen mit Schweigekraft.

Athos – ein Ort, wo sich Himmel und Erde mehr begegnen als anderswo. Hier leben Grenzgänger des Absoluten, die das Unmögliche wollen, nicht als Hochleistung, sondern in ständiger Übung von Wachheit und Bereitschaft. Sie "trainieren" das "Ausgelöschtwerden", sich dem Nichts Ausliefern, um die Lebensfülle Gottes zu erfahren. Sie haben sich dazu entschieden, in Stille, Gebet und Gottesdienst, aber auch durch ihren Alltagsdienst, "zu ihm zu kommen, um das Leben zu haben" (Joh 5,40).

Endzeitliche Existenzen, die gegen alles "kämpfen", was sie daran hindert und sie in ihre Eigenwelt zurückzieht. Nur der innere Weg zählt und die Mühsal, "ins Reine zu kommen". Ein täglich neuer Versuch, den Überstieg vom Sichtbaren ins Unsichtbare zu schaffen.

Zunehmend melden sich heute auch kritische Stimmen. Wir – die Außenstehenden und immer Fremden – neigten dazu, die Athoswelt mit romantischen Vorstellungen und religiös schwärmerischen Wünschen zu überhöhen, Mönche als "Adler" zu sehen, die "mit Ehrfurcht die große Vertikale umkreisen", das große Schweigen hüten, Tag für Tag die Vertikalspannung zum Himmel erhöhen und in andauernder Endzeitstimmung leben.

Wie überall scheint es auch hier nur wenigen zu gelingen, dem großen Ideal nahe zu kommen. Das dämpft zwar den eigenen Erwartungsüberhang, aber diese Wenigen zählen und stehen stellvertretend für die Vielen. Es bleiben die Faszination über eine Lebensweise und die Achtung vor einem Ort, an dem uns mehr als anderswo das christliche Herz aufgeht.

Sie kommen, um sich nach oben zu verlieren

Typische Touristen haben keinen Zugang. Die tägliche Besucherzahl ist sehr begrenzt. Zwanzig Klöster. Keine Menschenströme wie in Köln oder Dresden. Glaube ist gefragt, nicht Neugier.

Martin Walser über die Besucher der Frauenkirche in Dresden: "Sie kommen, um sich nach oben zu verlieren", d.h. zu den restaurierten Deckengemälden. Vielleicht auch unbewusst "zur oberen Welt" hin, die wegführt von der allgemeinen Schwerkraft oder der eigenen Erdschwere? Martin Walsers Formulierung lässt auch die theologische Deutung zu. Sie ist offen für das gläubige "Gloria in excelsis deo" und "ihr seid mit Christus auferweckt, darum strebt nach dem, was im Himmel ist" (Kol 3,1) – eine andere Übersetzung: "Suchet, was droben ist".

In Dresden ist es für viele Besucher nur das barocke Deckengemälde in seiner Pracht und Fremdheit. Auf dem Athos begeistern uns "Westliche" die heilige Liturgie in ihrer Exotik, die wallenden Gesänge und unbekannte Formen der Gottversunkenheit.

Momente, in denen eine andere Dimension die eigene Erdschwere überlagert. Das Leben, zu dem sich manche "verurteilt" fühlen, bekommt "metaphysische" Schwingungen.

Im Bannkreis des Heiligen Berges

Der kleine Athos vor mir verweist auf die andere Dimension, wird zu einem Haftpunkt des "Heiligen", in dem sich die Hoffnung auf das Rettende verdichtet, und richtet auf den Retter aus, dessen "Kommen" am Weihnachtsfest feierlich begangen wird.

Die Mönche leben innerlich und geographisch im Bannkreis des Heiligen Berges. Er ist für sie der Berg der Verklärung (Tabor). Am 6. August, dem Festtag der Verklärung, ziehen alle – die Klostermönche und Einsiedler – hinauf. Der Prophet Jesaja rief den Versprengten Israels zu: "Auf, werde licht, denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir" (60,1). Diese Verheißung hat sich für Christen in Jesus, dem Licht der Welt, erfüllt. Die Athosmönche leben im Blick auf diese letzte große Verwandlung hin, die sich in der Verklärung Jesu und seiner Auferstehung manifestierte: Metamorphose – "Vergöttlichung" – durch das "Leben von Angesicht zu Angesicht".

Für sie leuchtet die göttliche Lichtspur schon durch das Vielerlei der Weltgeschichte hindurch. Auf dem Berge ist nicht die Stunde des Redens, der Argumente oder gar einer Diskussion. Ähnlich wie Weihnachten in unseren Gottesdiensten: Singen, Beten, Feiern – sich dem "geistlichen Tun" überlassen, Gott lobend und dankend. "Christ, der Retter ist da!" Friede den Menschen und "Freut euch, wir sind Gottes Volk, erwählt durch seine Gnade". Kritische Überlegungen zu den Evangelien? Später!

In Sichtweite bleiben

Alles hat seine Zeit, auch hier: Sich der Wahrheit und Kraft der Bilder und Symbole, der Legenden und Erzählungen überlassen und ein andermal die kritisch fragende Distanz zu den Texten einnehmen.

Gebets- und Gottesdienstfeiern rühren an, richten uns aus, ordnen und polen unser Dasein. Sie festigen die Dimension unseres Glaubens, die rational nicht eingeholt werden kann.

Was weiß ich, wenn ich die Weihnachtstexte wissenschaftlich ausgeleuchtet habe? Glaube macht nachdenklich und nicht kopflos. Aber es bleiben Kenntnisse "am Rande des Heiligtums". Solange ich es nicht betend und feiernd betreten habe, bin ich ohne gläubiges Beziehungs- und Erfahrungswissen.

Die Spannung zwischen Faktenwissen und Geheimnis wird immer bleiben. Weihnachten ist für viele die Zeit und der Ort, wo ihr dumpfes Hoffen auf den Letztsinn ihres Lebens öffentlich-feiernd verstärkt wird bzw. verstärkt werden kann. Bleierne Gefühle von Einsamkeit, Aussichtslosigkeit oder Sinnlosigkeit können für eine Zeitlang vergehen, wenn man mit anderen feiert, die auch glauben und hoffen. Vielleicht entsteht sogar eine numinose Atmosphäre, in der ein unerklärlicher leiser Lebensschmerz aufgefangen wird.

Auch Athosmönche leben nicht ständig in einem Anflug von Verklärung, aber sie bemühen sich, in Sichtweite des Heiligen Berges zu bleiben. Das richtet sie aus, so dass sie ihr Lebensziel nicht aus dem Auge verlieren.

Für Abt Gregorios sind es Menschen, "die sich mit der Sehnsucht abmühen". So stehen sie uns näher, durchaus auch gefangen in ihrem Ego und nicht ständig auf einer "Absprungbasis zur Ewigkeit". Auch Mönche werden "rückfällig". Ein Athosmönch: "Solange ich voll bin mit mir selbst, kann ich Gott nicht einlassen".

Das Licht Christi überstrahlt alle Schattenbereiche und hebt sie schließlich auf:

Das Eigentliche ist das Licht. Verklärung ist alles. (Erhard Kästner)

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10.12.2010

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