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25.05.2012
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Geistliche Impulse von Dr. Silberberg zum Advent: Fundstücke (2)

Schwarzer Stein aus tausend Metern Tiefe

"Wahrlich keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt, das unentrinnbar und leise von allen ihn trennt" (Hermann Hesse). Vor Jahren schenkte mir jemand einen schwarzen Stein; eine Bohrkernscheibe aus tausend Metern Tiefe: Kohle. Zweimal war ich unten, aber nicht ernsthaft, nur zu Besuch wie ein Tourist, der eine Höhle besichtigt und dann wieder ans Licht drängt. Geblieben ist der schwarze Stein auf dem Schreibtisch. Eine Probebohrung, lange nichtssagend.

Was im Menschen ist

Anders am Ätna, nicht weit vom Kraterrand. Ein Rinnsal glühender Lava vor meinen Füßen, und alle zwanzig Minuten das Grollen aus der Tiefe: dumpf, unheimlich, bedrohlich. Der schwarze Stein – Symbol für das Dunkle in uns, die Unterwelt der Seele?

Er erinnert mich an Erzählungen "Geisteskranker", die das Unheimliche ihres Innern ungefiltert freilegten, die Ausbrüche einer Lava, die der gute Bürger in uns gezähmt und kanalisiert hat. Von Jesus heißt es: "Er wusste, was im Menschen ist" (Joh 2,25).

Die schwarze Kaaba in Mekka wird von Millionen Gläubigen während des großen Aielfestes umkreist und als magischer Stein (ein Meteor – an einer Ecke der Kaaba eingelassen und in Silber gefasst) vom Himmel verehrt: ein Fest der kollektiven inneren Reinigung von allem Bösen. Die individualisierte Fassung moderner Reinigungsriten finden wir bei uns in der Psychoanalyse: Ein Gang in die Schattenwelt und das Dunkle der Seele. "Tiefenpsychologie" für unbewältigte Kräfte in den Kellerbereichen, Mächte und Gewalten, die ein Leben dumpf beherrschen können.

Die frühe Kirche formulierte in ihrem Credo: "Abgestiegen in das Reich der Hölle", den Hades der Griechen. Sie sahen darin das Reich der Schemen und Schatten, die nach dem Leben zurückverlangten und einen "unerträglichen Durst nach dem Sein" hatten (Erhard Kästner). Ob Hölle, Hades oder die jüdische Vorstellung von der Scheol, es sind Orte (innen wie außen) des Dunkels, des Unheimlichen und der Leiden.

Das Stückchen Kohle vor mir wird immer beredter. Es führt mich auch zu den dunklen Tönen bei Beethoven, dem Schwarzen bei Rembrandt oder Soulage u.a., zur dunklen Nacht der Mystiker und zum Karfreitagshimmel, aber auch zur Heiligen Nacht.

Wieder Nacht und doppelt Nacht

So beginnt ein Weihnachtsgedicht von Christine Lavant (1915-1973) und genauso die zweite Strophe: "Wieder Nacht und doppelt Nacht". Nichts von wärmendem Licht oder Krippengeborgenheit, keine "Stille Nacht, heilige Nacht", " ein Weihnachtsgedicht der finsteren Art" (Peter von Matt). Es erinnert an die dunkle Nacht der großen Mystiker(innen).

Nichts von dem, was in unseren vertrauten Liedern und Gebeten zum Fest mitschwingt: "Christus, du bist der helle Tag, dein Glanz durchdringt die dunkle Nacht" (Stundengebet).

Zeile um Zeile wie ein Gang in eisige Finsternis. Aber auch Jesus spricht von der Stunde der Finsternis in seinem Leben und der "Nacht, da niemand mehr wirken kann"(s. Joh.). Das Gedicht Lavants beschreibt das äußere Dunkel als Symbol eines inneren Zustandes, als Gottverlassenheit und Gottesfinsternis. Kein gläubiges Licht mehr in der Seele, keine innere Verwobenheit mit anderen durch das Gottesgeheimnis, das mit dem Fest aufleuchtet. Kein naives Staunen mehr vor der Krippe der Kindertage. Kein Wiederschein des Jenseits im Diesseits.

Vorbei Kindertage und Kinderaugen, Kinderglaube und Kinderängste. Der Zugang zur Weihnachtsbotschaft ist verschüttet, das meiste vom "Leben" überdeckt.

Warum dann "Weihnachtsgedicht"? Was ist geblieben, wenn immer wieder Nacht und doppelt Nacht die Augen befällt? Alles Mythos, schönes Gerede, fromme Legende?

Eine einzige bildmächtige Zeile macht Christine Lavant zur gläubig-ungläubigen Zeitgenossin auch vieler Christen. Nach der Beschreibung ihrer inneren und äußeren Obdachlosigkeit leuchtet eine Zeile auf: Drin die Christusknospe blüht. Ein kleines Credo. In ihrer Herzenstiefe blüht ein Restglaube. Der "holde Knabe im lockigen Haar" – ein sentimentaler Evergreen – ist längst gestorben: "Mein Herz ein Lappen-Iglu, drin ein Wolf das Söhnlein frisst." Die Christusknospe ist geblieben und blüht hin und wieder auf.

Glaubensreste im Bohrkern

Das Bild der Christusknospe oder das stille Credo vieler Christen heute? Getaufte, über deren Leben wenig Wunderbares aufleuchtet? "Kein Ort - nirgends", wo Erlösendes festzumachen wäre, aber viel schwarze Leere, Leiden und Erfahrungen von Sinnlosigkeit?

Die Christusknospe – auch nur ein romantisches Bild oder doch ein Symbol einer tief verwurzelten Gottesahnung und Quelle von Lebenskraft jenseits der Worte? Die "Alten" konnten den Glauben noch klar formulieren: "Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir" (Ps 23,4). Innere und äußere Bedrohungen werden aufgefangen. Auch ein Restglaube hilft noch beim Gang in die dunklen Kellerräume des abgelagerten und unbewältigten Lebens.

Von Zeit zu Zeit, besonders an Festtagen und in Krisenmomenten, den Zeiten der Besinnung und Erschütterung, geschieht eine Art Probebohrung in das Erdinnere unserer Seele. Manchmal bringt sie auch Glaubensreste wieder ans Licht und öffnet Seelenschichten, in denen "Göttliches" mächtig ist und insgeheim nachglüht oder aufblüht.

Manchmal brodelt es in den Ablagerungen unserer Lebensgeschichte. Die "schwarze Seele" macht sich bemerkbar: Verdrängte Sprengladungen, das Fremde in uns, das bei Geisteskranken offen zutage tritt.

Die Vertikalspannung unserer Existenz reicht nicht nur nach oben, sondern ebenso in die Seelentiefe. Sie verläuft zwischen "Oberwelt" und "Unterwelt". In Besinnungszeiten können sich beide entladen, himmelhochjauchzend und/oder unausstehlich aggressiv.

Die Bibel kennt die finsteren Seelen ebenso wie "das strahlende Licht aus der Höhe, das allen leuchtet, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes"(s. Benediktus). Eine christlich-befreiende "Höhenpsychologie" setzt hier an, wenn wir beten:

So soll, was in uns dunkel ist,
was schwer uns auf dem Herzen liegt,
aufbrechen unter deinem Licht,
und dir sich öffnen, Herr und Gott.
(Stundengebet)

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