
Geistliche Impulse von Dr. Silberberg zum Advent: Fundstücke (1)
Der Name und der weiße Stein
Zur Adventszeit vier Steine, an denen viel Leben hängt: Lebendige Steine! Es dauerte einige Jahre, bis mein Fundstück vom Montblanc zu sprechen begann und eine Brücke zur Apokalypse wurde (2,17): "Ich werde dem Sieger einen weißen Stein geben, und auf dem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn empfängt." Ein Sendschreiben an die Gemeinde in Pergamon.
Ich weiß, wo du wohnst
In Pergamon herrschen Ansichten und Lebensstile, die der Schreiber nicht hinnehmen kann. Die Gemeinde wird aufgefordert, gegen diese Leute vorzugehen (2,14.15). Sie sollen umkehren! Ein langer, mühevoller Weg. Am Ende winkt den Siegern oder Überwindern (andere Übersetzung) ein geheimnisvoller Preis, ein weißer Stein mit neuem Namen: In der antiken Gerichtspraxis ein Zeichen für Freispruch.
Persönlich angesprochen darf ich den historischen Kontext vergessen. Der Seher von Patmos kennt seine Adressaten und spricht im Namen des Herrn: "Ich weiß, wo du wohnst, ...ich kenne deine Werke!" Er könnte auch sagen: "Ich weiß, wie du lebst und was du tust, was du denkst und was du glaubst!"
Fast bedrohliche Sätze. Wir können sie einbetten in die vertrauensvolleren aus Ps 139: "Herr, du erforschest mich und du kennst mich ... du siehst alle meine Wege!" Am Ende dieser Wege ist mir eine "neue Existenz" verheißen, mein wahres Wesen (Name) wird mir bewusst, denn "was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden" (1 Joh 3,2). Gläubige Zukunftsmusik?
Niemand kennt bis dahin den Namen, nur der, "der ihn empfängt", und der, der ihn mir gibt, "der vertraut ist mit all meinen Wegen" (Ps 139). – "Euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott" (Kol 3,3). Oder: "Im Himmel liegt die Erfüllung eurer Hoffnung für euch bereit "(Kol 1,5). Das verwandelte neue Leben. Der neue Name. Wie ein Code-Name zwischen Liebenden. Die anderen kennen ihn nicht. Ein starkes Credo: Gläubige Vertrautheit mit dem Allumfassenden, dem "himmlischen Gegenüber", "in dem wir leben, uns bewegen und sind" ( Apg 17,28). Keinem von uns ist er fern! Ganz nahe im intimen Gespräch des Beters.
Tragende Wellen
Wer mit der Heiligen Schrift vertraut ist, kennt viele Sätze, die seinen Glaubensweg begleiten, auch wenn sie nicht jeden Tag sein Herz erreichen. Morgens im Eingangslied der Messe und wie zufällig auch abends in der Komplet: "Um deines Namens Willen wirst du mich führen und leiten" (Ps 31,4).
Ein Satz, der den Tag bestimmen kann wie eine tragende Welle. Gott ist für uns und mit uns um seiner selbst Willen, denn: Jahwe ist sein Name, der Gott mit uns. Die Vision vom weißen Stein mit meinem Namen wird überlagert vom "Namen, der über allen Namen ist: Jesus Christus ist der Herr" (Phil 2, 9.11): Kyrios wie Jahwe!
Mein Weg und meine Zukunft sind in der Hand dessen, den Jahwe zum Herrn des Himmels und der Erde erhöht hat. Er übernimmt "zur Rechten des Vaters" zusammen mit ihm die Führung, die bisher allein der Vater inne hatte. Der Auferstandene begleitet meinen Lebensweg. Er wird mich führen und leiten zum Ziel, zur endgültigen Gemeinschaft mit ihm. Er kennt meine künftige "neue Identität". Ich werde sie am Ende erfahren, wenn "ich den Stein empfange" mit meinem neuen Namen.
Ich vergesse dich nicht
Alle paar Monate in unserer Tageszeitung eine große Anzeige mit den Namen derer, die "namenlos", obdachlos und ohne Freunde irgendwo in unserer Stadt verstorben sind. Ein ökumenischer Gottesdienst ruft sie kurzfristig in Erinnerung. Ihr Tod erscheint wie das Ende einer Flucht. Sie sind die lebendigen Symbole eines Lebens, in denen viele Dinge unglücklich verlaufen sind, und einer Welt, in der das Glück ungleich verteilt ist.
Niemand weiß, was im Untergrund ihrer Seele brodelte, ob sie je die Freude am Glauben entdecken konnten und gebetet haben: "Herr, um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten!" Noch ein paar Wochen und sie werden in unserer Welt ganz vergessen sein. Aber auch am Ende ihres Lebensweges dürfen sie den weißen Stein mit ihrem neuen Namen von Gott her empfangen, den Preis ihres schweren, anonymen Lebenskampfes erhoffen.
Bei Gott ist der Name nicht auszuwischen. Er ist eingeritzt, in Stein gemeißelt. Er ist im Gedächtnis Gottes aufbewahrt. Gläubige leben von dieser Gewissheit, auch wenn sie sich manchmal gottverlassen vorkommen. Niemand hat eine namenlose Zukunft – von Gott und der Welt vergessen.
Gläubige leben von der Zusage, die Gott schon dem Urvater Jakob im Traum am Jabbok gab: "Ich bin mit dir, wohin du auch gehst..., ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich versprochen habe" (s. Gen 28). Der Stein, auf dem sein Kopf ruhte, wird zum heiligen Stein, der das Versprechen besiegelt. Ein Gedenkstein als "Ort Gottes"!
Der alttestamentliche Fromme lebt mit der Glaubensgewissheit: "Der Herr ist mein Licht und mein Heil. Vor wem sollte ich mich fürchten? ...Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der Herr nimmt mich auf" (Ps 27). Fast dreißig Psalmen besingen diese vertrauensvolle Grundgewissheit: Gott wird niemanden vergessen, aber Menschen werden ihn immer wieder fallen lassen.
Auch daran erinnert mein Fundstück vom Montblanc.
Der lebendige Stein
Neutestamentliche Fromme kommen aus der Tradition Israels. Sie knüpfen dort an, um von dem "Neuen" zu sprechen, das mit Jesus aufscheint. Er ist für sie der alles überragende "Ort Gottes", die unüberbietbare Zusage des Himmels, das Versprechen Gottes schlechthin. Er wird zum "lebendigen Stein":
"Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist" (1 Petr 2,4). Christen sind wir wegen Christus. Unser Leben mit ihm beginnt mit der Taufe, wo wir einen "neuen Namen" bekommen.
Mit der Geburt Jesu hat unsere Zukunft begonnen. Reich Gottes heißt seine Vision, sein Programm für uns und sein Selbstverständnis, denn mit ihm "ist es nahegekommen" (Mk 1,14). Er lässt uns täglich bitten, dass "sein Reich komme", denn in unserem Leben steht die "Verwirklichung" noch aus.
Israel hatte immer schon von und mit der Verheißung gelebt, dass Jahwe mit seinem Volke war und es immer sein wird. Für Christen wird diese Nähe jetzt in dem Kind, das den Namen Immanuel – Gott mit uns – trägt, greifbar wie nie zuvor.
Zeugen seines Lebens und Wirkens konnten sich weder ausdenken noch einreden, was sie mit dem Mann aus Nazareth erlebten: Die Stimme Gottes, ein Abbild seines Wesens, das Wunder in Person. Der Mensch, der alles nur Menschliche übersteigt.
Es war, als ob sie schon jetzt den weißen Stein mit ihrer Bestimmung, dem neuen Namen, aus seiner Hand empfangen würden. Der Arme bekommt den Namen "Lazarus". Der "reiche Prasser" hatte sich selbst schon einen Namen gemacht.
In der Gegenwart Jesu konnten sie Gottes Nähe spüren, das Warmherzige und Barmherzige, aber auch das Warnende und Gewaltige. Die Grundmelodie der Frohen Botschaft dringt überall durch: Mit der Geburt des Immanuel beginnt Gott in neuer Weise anwesend zu sein, näher und wirklicher als je zuvor.
Dieser Anspruch wird denen zum bleibenden Ärgernis, die Gott nicht "geschichtlich" verankert akzeptieren können. Der göttliche Heilbringer wird für sie zur Provokation, zum Stein des Anstoßes, wie Jesus es selbst formulierte. Gläubige bekannten schon sehr früh:
Jesus ist der Stein, der von den Bauleuten verworfen wurde, der aber zum Eckstein geworden ist.
In keinem anderen ist Heil zu finden.
Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben,
durch den wir gerettet werden sollen (Apg 4,11.12).
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Hermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
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