
"Da berühren sich Himmel und Erde."
Geistlicher Impuls
"Wie im Himmel so auf Erden"
"Da berühren sich Himmel und Erde." So lautet der Refrain eines neuen geistlichen Liedes. Im Ausklang des Kirchenjahres werden in der Katholischen Kirche an den Sonntagen Texte aus dem Alten und Neuen Testament der Bibel gelesen, die das Ende der Weltgeschichte und das endgültige Erscheinen der Fülle göttlichen Lebens beschreiben. "Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig", hören wir Jesus im Lukasevangelium denen sagen, die die Auferstehung leugnen. Die Erwartung der persönlichen Auferstehung und des Ewigen Lebens bei Gott durchdringt in den biblischen Texten das Selbstbewusstsein des gläubigen Menschen und seine Beziehung zur Welt. Die Hoffnung auf den Himmel kann das menschliche Miteinander auf Erden prägen und zur Erfahrung werden, dass Himmel und Erde sich berühren, wenn die Menschen über sich hinaus und aufeinander zu wachsen.
Spuren der Berührung von Himmel und Erde, der göttlichen Verheißung und menschlicher Lebenssehnsucht begegnen wir überall in den konkreten Lebensbeziehungen, in denen Menschen vom Geist der Liebe geleitet zu einer Kultur des Friedens, der Versöhnung und des respektvollen und achtsamen Miteinanders beitragen.
Spur der Berührung
"Wie im Himmel so auf Erden." Überall, wo Menschen sich vom Geist Gottes leiten lassen, können sie Spuren der Berührung von Himmel und Erde im konkreten Leben entdecken. Eine solche Spur der Berührung von Himmel und Erde erschließt der Film "Wie im Himmel" des schwedischen Regisseurs Kay Pollak. Er erzählt die Geschichte eines weltberühmten Dirigenten, der aufgrund eines Herzinfarktes seinen Beruf aufgeben muss und in sein nordschwedisches Heimatdorf zurückkehrt. Mit geändertem Namen kennt ihn niemand wieder.
Er träumt davon, mit Musik die Herzen der Menschen zu erreichen. Eher zufällig und widerwillig besucht er den Chor seiner Heimatpfarrei, entscheidet sich dann aber, die vakante Kantorenstelle zu übernehmen und den Mitgliedern Gesangsunterricht zu geben. Der anfangs katastrophale Chor wächst und wächst und wird zu einer Gemeinschaft, die singen kann. Die Musik, die wie ein Vorbote des Himmels erscheint, stiftet Gemeinschaft, in der auch ein junger Mann, der eine geistige Behinderung hat, seinen Platz bekommt. Der Zusammenhalt wächst mit der gegenseitigen Unterstützung bei den Sorgen und Problemen einzelner.
Jeder im Chor, mag er auch noch so krank und eigenartig sein, bekommt seine einzigartige Rolle im Chor, jeder ist nötig und unersetzlich. Mit der Gemeinschaft wächst die Freude und immer mehr Menschen entdecken ihre Gaben und Begabungen und bringen sie ein. Der Pfarrer aber, dessen Frau auch im Chor singt, versucht, den Chorleiter loszuwerden. Er wird vom Kirchenvorstand als Kantor entlassen, leitet aber den Chor in seiner Privatwohnung weiter. Weit über den gemeinsamen Gesang hinaus entwickelt sich der Chor zu einer solidarischen und tragfähigen Gemeinschaft, in der die Mitglieder einander in den Schwierigkeiten des Lebens stützen. Heimlich meldet eines der Chormitglieder den Chor zu einem Chor-Wettbewerb in Österreich an. Der Dirigent ist zunächst dagegen, aber die anderen überreden ihn, und so fährt er mit ihnen.
Auf dem Weg zum Auftritt seines Chors erleidet er einen weiteren Herzinfarkt, schleppt sich in die Toilette des Gebäudes, in dem der Wettbewerb stattfindet, und bricht dort zusammen. Der Chor tritt schließlich ohne ihn an, während er über Lautsprecher den Gesang seines Chores hören kann. Ohne den Dirigenten beginnt der Chor zu singen und mündet in eine geradezu himmlische Schlusssymphonie ein: Den ersten Ton gibt der Schwächste, der Behinderte. Jeder der Sängerinnen und Sänger stimmt ein und kann seinen Ton singen und so einen Teil beitragen. Der Funke springt auf alle anderen Chöre im Saal über. Sie stehen auf und singen mit.
So wird der schwedische Chor Zeichen und Werkzeug der Einheit aller, während der Dirigent an seiner Herzattacke stirbt und ihn die himmlische Melodie auf seiner letzten Reise begleitet: Übergang vom Tod zum Leben, der sich bereits auf dem steinigen Weg von einem katastrophalen Dorfchor hin zu einer harmonischen, solidarischen und von Liebe geprägten Chorgemeinschaft angekündigt hatte.
Kreise ziehen
Der schwedische Film "Wie im Himmel" beschreibt auf eindrucksvolle Weise, wie sich die Liebe zur vollkommenen Musik nach und nach widerspiegelt unter scheinbar ungeeigneten Chorsängerinnen und -sängern. Sie lernen, aufeinander zu hören, einander liebevoll zu ertragen und in den Schwierigkeiten des Lebens zu stützen. Was unterschwellig den Betrachter anrührt ist die unausgesprochene Botschaft, dass der Himmel bereits auf Erden beginnen kann, wo Menschen von der Liebe geleitet zum Sauerteig (Ferment) des Friedens und des respektvollen Miteinanders werden. Das zieht Kreise.
Hier stoßen wir auf die besondere Faszination der christlichen Botschaft, in der die Vision des Himmels in der Person des Gottessohnes Jesus Christus Wirklichkeit wird. Das überwältigend Neue an der Gottesoffenbarung in Jesus Christus ist gerade die Art und Weise, in der sich Gott zeigt und ausspricht: als Mensch und in menschlichen Gesten, "in allem uns gleich, außer der Sünde", wie der Apostel Paulus im Philipperhymnus sagt. Jesus Christus hat uns Menschen durch seine Botschaft und sein Leben, durch sein Leiden und Sterben und schließlich in seiner Auferstehung von den Toten die Liebe und Barmherzigkeit Gottes auf unüberbietbare Weise offenbart. So hat er das göttliche "Leben des Himmels", die "Kultur göttlicher Liebe" in die Menschheitsgeschichte eingepflanzt. In der Person Jesus Christus hat der Himmel Gottes auf Erden Geschichte gemacht und prägt sie bis heute, wo Menschen vom Geist Gottes geleitet die Botschaft Jesu leben und sich von den Sakramenten berühren und verwandeln lassen.
Mitten in der Welt
In Jesus Christus erfährt der Satz "Wie im Himmel so auf Erden" eine ganz menschliche und zugleich göttliche, personale Auslegung. Darum beginnt für Christen die Hoffnung auf den Himmel immer mit Christus, sie beginnt stets heute, mitten in der Welt, dort, wo gelebt und gelitten wird.
Nur mitten im Leben dieser Welt ereignet sich Leben in der Nachfolge Christi und eröffnet sich der Anbruch des himmlischen Reiches. Das geschieht in der personalen Lebenshingabe, im gemeinsamen Leben der Liebe und Barmherzigkeit, durch das uns das Ewige des Himmels in der Alltäglichkeit unserer Lebensgeschichte aufgehen kann.
Spuren der Gegenwart
"Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden", - so lautet eine Bitte aus dem Vaterunser-Gebet. Spuren der Gegenwart des anbrechenden Gottesreiches können wir in unserer Gesellschaft dort entdecken, wo Menschen sich vom Leben Jesu Christi prägen lassen und inmitten der Zerrissenheit unserer Welt Zeugen einer "Kultur der Liebe und Barmherzigkeit" sind.
Ich entdecke solche Spuren in der ordensähnlichen Gemeinschaft vom Lamm die 1983 in Südfrankreich entstand und vor einigen Jahren in Kevelaer am Niederrhein eine Niederlassung gegründet hat. Die Gemeinschaft ist inspiriert durch ein Wort des Apostels Paulus an die Gemeinde in Ephesus: "In seinem Leib, …. in seiner Person hat Christus die Feindschaft getötet (Eph 2, 13-19). Aus dieser Überzeugung heraus haben sich die Mitglieder der Gemeinschaft das Leitwort gegeben: "Wenn auch verwundet, hören wir niemals auf zu lieben", das sie in den täglichen Beziehungen zu ihren Mitmenschen zu leben suchen. Dabei gehen die Schwestern und Brüder vom Lamm von Tür zu Tür und bitten um das tägliche Brot in der Haltung, Zeugen der bettelnden Liebe Gottes zu sein, Zeugen Jesu Christi, der um die Liebe der Mitmenschen bettelt.
Durch das Zeugnis ihrer Armut und ihrer empfangenden Liebe begegnen sie Menschen, die ihnen ihre Not anvertrauen und denen sie ihrerseits ihr Gebet und ihre menschliche Zuwendung schenken. Ihre Straßenmission als Bettelorden mündet ein in abendlichen, mehrstimmig gestalteten liturgischen Feiern, zu denen sie einladen. Im Gebet vertrauen sie die ihnen tagsüber begegneten Menschen der Liebe und Barmherzigkeit Gottes an. Bei der gemeinsamen Anbetung der Eucharistie deuten sie ihre Alltagserfahrungen im Licht der Botschaft des Evangeliums.
Das Zeugnis der Schwestern und Brüder vom Lamm ähnelt einer Initiative von Studentinnen und Studenten aus einer "Geistlichen Weggemeinschaft für Studierende in Münster", die sich vierzehntägig versammeln, um mit wohnungslosen und in soziale Not geratenen Menschen gemeinsam zu kochen und zu essen. Die Studierenden kommen mit diesen Menschen über ihr Leben ins Gespräch und teilen mit ihnen ihren Glauben an die persönliche Liebe Gottes, die sie im Leben der "Geistlichen Weggemeinschaft" erfahren.
Neben einem guten Abendessen schenken sie den Not leidenden und suchenden Menschen Zeit und Aufmerksamkeit, so dass der Glaube an die Gotteskindschaft für die Teilnehmer im Kreis der Studenten erfahrbar wird. Ein Wohnungsloser formulierte das einmal so: "Ich bin nicht hier, um etwas zu Essen zu bekommen, sondern wegen der Gemeinschaft, weil ich mich hier angenommen fühle." Und die Studierenden erleben in der Begegnung mit diesen Menschen, dass uns Christen etwas Wesentliches fehlt, wenn nicht die Armen unserer Zeit an unseren Tischen sitzen.
"Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden." Von diesem Glauben getragen und von dieser Hoffnung motiviert kann auch heute unser Leben zum Zeugnis jener Liebe werden, die unter uns ein wenig mehr Himmel aufleuchten lässt. So beginnt Reich Gottes, wenn sich in uns Himmel und Erde berühren.
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Text: Christoph Hegge | Foto: Michael Bönte
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