
Als Christ kann ich dem Tod seelenruhig ins Gesicht sehen. Weil noch etwas kommt.
Begegnungen im Gemeindealltag (6)
Ich kann mein Leben verschenken
In einer großen Kirchengemeinde gibt es viele Sterbefälle. Beerdigungen gehören zu meinem Alltag als Gemeindepfarrer. Wenn ein junger Mensch stirbt, dann nimmt einen das ganz schön mit. Doch auch bei älteren Leuten ist es für mich mehr als bloß Routine. Immer geht es um einen ganz einmaligen Menschen. Einen Menschen, der anderen etwas bedeutet hat, und um den sie trauern.
Einige Tage vor der Beerdigung gehe ich ins Trauerhaus, besuche die Angehörigen, komme mit ihnen ins Gespräch. Ich lade die Trauernden ein, vom Leben des Verstorbenen zu erzählen. Meistens beginnen sie sehr zaghaft. Doch dann kommen immer mehr Details zum Vorschein, das Reden fällt zusehends leichter, manchmal wird sogar gelacht. Die Angehörigen wollen, dass das Leben des Verstorbenen bei der Beerdigung recht gewürdigt wird. Sie erzählen viel Gutes; die Schattenseiten blenden sie eher aus. Ich kann das gut verstehen: Man möchte das Positive in Erinnerung behalten. Man hat ja auch sein eigenes Wohl und Wehe mit dem Verstorbenen, seine eigene Geschichte. Da muss das Gute Vorrang haben.
Zuversicht im Tod
Bis hierher ist meine Aufgabe: zuhören. Doch jetzt, gegen Ende des Gesprächs, bin ich dran. Ich spreche von meiner Hoffnung. Von der Zuversicht, auch im Tod nicht verloren zu sein. Von meinem Glauben, dass bei Gott alles gut aufgehoben ist, was einen Menschen geprägt und ausgemacht hat. Und dass er, Gott, alles vollenden wird, was uns noch fehlt. Ich spreche von meinem Glauben an Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen. An ihm mache ich mein Leben fest, auf ihn vertraue ich, wenn ich von Hoffnung rede.
An dieser Stelle schweigen die meisten Angehörigen. Und auch das kann ich gut verstehen. Vielleicht spreche ich als Seelsorger allzu früh von der Hoffnung; vielleicht wäre es besser, erst einmal die Trauer ernst zu nehmen, ihr noch mehr Raum zu geben. Ganz sicher ist es auch so, dass den meisten Menschen einfach die passenden Worte fehlen, ihren Glauben zum Ausdruck zu bringen. Aber dennoch: Mit meiner Osterbotschaft, mit der Botschaft von der Auferstehung der Toten, fühle ich mich oft sehr allein. So, als wolle mir das keiner abnehmen, dass das wahr ist: "Ich glaube an das ewige Leben."
Grundheiterkeit
Und dabei ist diese Botschaft so befreiend. Wenn ich ewig bei Gott sein werde, dann muss ich mein Leben nicht ängstlich auspressen. Muss nicht alles herausholen, was womöglich drin steckt. Ich kann mein Leben verschenken, es für andere hergeben. Egoismus und Ellenbogen verlieren genauso an Bedeutung wie Ansehen, Karriere und Geld. Vielmehr kann ich mit einer Grundheiterkeit leben und sterben. Ein völlig neues Lebensgefühl: Weil ich im Letzten geborgen bin, kann ich im Vorletzten gelassen sein.
Die Angehörigen können das häufig nicht nachvollziehen. Sie wünschen Begleitung in der Trauer. Aber Ostern? Auferstehung? Ewiges Leben? Das ist für viele einfach zu weit weg. Mich tröstet dann, dass wir genau das beim Begräbnis feiern werden: Ostern! Auferstehung! Ewiges Leben! Vielleicht kommt dann die Botschaft an.
Dem Tod hinterherschauen
In letzter Zeit haben die Angehörigen immer häufiger eine Bitte: Bei der Beerdigung soll der Sarg nicht so tief ins Grab hinunter gelassen werden. Er soll lieber einfach oben stehen bleiben. Sie, die Angehörigen, mögen das nicht gerne mit ansehen, es tut weh, und es sieht so endgültig aus. Ich plädiere dann jedes Mal für das tiefe Grab – meistens vergeblich. Mein Eindruck ist: Bis zuletzt laufen sie dem Tod davon, sie verdrängen ihn. Schade eigentlich. Ich meine nämlich, man soll dem Tod ruhig hinterher schauen. Ganz realistisch. Bis hinab ins tiefste Grab. Als Christ kann ich ihm, dem Tod, sogar seelenruhig ins Gesicht sehen. Weil noch etwas kommt. Weil noch einer kommt.
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Text: Stefan Jürgens | Foto: Michael Bönte
18.09.2010
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