
Mann und Frau sind auch ein Werkzeug der Liebe Gottes.
Begegnungen im Gemeindealltag (4)
Fifty-fifty Chance
Zu den besonders schönen Aufgaben eines Seelsorgers gehört die Trauung. Zwei Menschen auf dem Weg zur Hochzeit zu begleiten, ist etwas sehr Bewegendes. Ich spüre, wie sehr sie auf diesen Tag hin leben, was sie bewegt, und welche Pläne sie haben. In die Vorbereitung ihrer kirchlichen Trauung stecken sie meistens viel Zeit und Phantasie. Manche sagen dann: "Beim Standesamt unterschreiben wir einen Vertrag, in der Kirche schließen wir einen Bund fürs Leben. Das ist irgendwie fester, verbindlicher. Da steckt mehr Segen drin."
Besonders schwierig ist eine kirchliche Hochzeit, wenn einer der Partner gläubig ist, der andere aber nicht. In so einem Fall wird die Trauung meistens von der Frau gewünscht, und der Mann macht dann einfach mit – ihr zuliebe. Wie bei Jessica und Norbert. Jessica ist kirchlich aufgewachsen, und der Segen Gottes ist ihr ganz wichtig. Norbert hat da seine eigene Meinung. Selbstverständlich sieht er ein, dass man Werte braucht. Die Kirche ist für ihn ein Garant für Tradition und Moral. Deshalb ist er noch nicht aus der Kirche ausgetreten. Unter einer lebendigen Beziehung zu Gott aber kann sich Norbert so gut wie nichts vorstellen.
Wie und Warum?
"Ich bin Naturwissenschaftler", gibt er zu Bedenken, "ich glaube nur, was ich sehe." – "Das hätte Einstein so nicht gesagt", werfe ich dazwischen. "Das mag schon sein", meint Norbert, "aber für mich ist das alles nicht nachvollziehbar." Natürlich fühle ich mich durch solche Aussagen als Theologe herausgefordert. Ich weiß auch, dass man Gott nicht beweisen kann. Man kann aber ebenso wenig beweisen, dass es ihn nicht gibt. Da sind die Chancen fifty-fifty. Es ist also letztlich eine Sache der Entscheidung, ob ich glauben will oder nicht. Es gibt gute Gründe zu glauben, Hinweise vielleicht; aber Beweise gibt es nicht. Außerdem fragt die Naturwissenschaft nach dem "Wie" der Dinge, die Theologie nach dem "Warum". Beide tun sich also gegenseitig gar nicht weh, sondern können einander ergänzen. Gute Naturwissenschaftler wissen das, gute Theologen auch.
Doch mit solchen Gedanken komme ich bei Norbert nicht weiter. Ich merke aber, wie sehr er seine Jessica liebt; immerzu schaut er zu ihr herüber. "Norbert", sage ich, "Sie haben sich doch auch für Jessica nicht aus Vernunftgründen entschieden. Sondern aus der Tiefe Ihres Herzens heraus. Und Sie fordern von ihr doch auch keine Liebesbeweise. Sie lieben Jessica doch einfach um ihrer selbst willen." Norbert nickt, wenn auch zaghaft. "Liebesbeweise", meint er, "die gibt es wirklich nicht; damit macht man nur alles kaputt." – "Glauben", so fahre ich fort, "ist ja nicht das Gegenteil von Wissen, sondern glauben bedeutet: jemandem vertrauen, eine Beziehung leben. Ich glaube ja nicht bloß, dass Gott existiert; ich glaube an ihn, ich glaube ihm. Und ich vertraue darauf, dass der Vater-Gott, von dem Jesus spricht, der Gott allen Lebens ist; der Gott, von dem die Bibel sagt, er sei die Liebe in Person" (vgl. 1 Joh 4).
Zeichen und Werkzeug
Ob Norbert das überzeugend findet? Er wird sich wohl nicht so schnell ändern wollen. Aber er wird die kirchliche Trauung jetzt besser mitvollziehen können. Und wird seine Jessica noch tiefer verstehen. Mitsamt ihrem Glauben. Und das ist schon sehr viel.
Für die katholische Kirche ist die Ehe noch viel mehr als nur ein Segen. Sie ist ein Sakrament, was soviel bedeutet wie: Zeichen und Werkzeug. Mann und Frau sind gemeinsam ein Zeichen für die Liebe Gottes. Diese Liebe kann man nicht sehen. Aber durch die Liebe von Menschen kann man sie ahnen und begreifen. Mann und Frau sind auch ein Werkzeug der Liebe Gottes. Beide zusammen machen den Glauben konkret. Das ist ein großer Zuspruch: In der menschlichen Liebe ist Gott gegenwärtig! Es ist aber auch ein hoher Anspruch.
Jessica und Norbert denken ganz verschieden von Gott. Aber in einem sind sie sich einig: Ganz ohne ihn wollen sie nicht sein.
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Text: Stefan Jürgens | Foto: Norbert Ortmanns
16.09.2010
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