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25.05.2012
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Der Glaube muss aus den Kinderschuhen herauswachsen.

Der Glaube muss aus den Kinderschuhen herauswachsen.

Begegnungen im Gemeindealltag (3)

Etwas vom Glauben verstehen

In meiner Gemeinde wird ein Witz erzählt. Über den Pfarrer. Also über mich. Ein netter Mitchrist, der mich wohl für einen allzu kritischen Theologen hält, fragte mich: "Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Missionar und Ihnen?" Etwas verdutzt habe ich geantwortet: "Hoffentlich keiner, denn wir wollen doch heute den Glauben positiv anbieten, also im guten Sinne missionarisch sein." – "Nein", sagte er, "es gibt einen Unterschied: Ein Missionar macht die Wilden fromm. Aber Sie machen die Frommen wild."

Ein guter Witz, sehr tiefgründig; irgendwie trifft er den Nagel auf den Kopf. "Ein Missionar macht die Wilden fromm. Und ich mache die Frommen wild." Witze überzeichnen ja immer etwas. Na klar, es gibt keine "Wilden", wir wollen niemanden diffamieren. Und mit den "Frommen", da sind ja ganz sicher nicht bloß die Frömmler gemeint. Sondern Menschen, die ihren Glauben aufrichtig leben wollen.

Zukunftsfähig

Dennoch: Mir hat der Witz zu denken gegeben. Steckt da nicht auch eine tiefe Sorge drin? Kann es sein, dass ich zu viel in Frage stelle? Dass ich manches anders sehe, anders sage, anders mache? Mir geht es darum, dass der Glaube zukunftsfähig wird. Noch vor Jahrzehnten war Glauben milieugestützt; man wurde Christ durch Geburt und Tradition, man blieb Christ von der Wiege bis zur Bahre, ohne groß darüber nachzudenken. Man hatte ja keine Wahl, man machte einfach mit, was alle machten.

Das geht heute nicht mehr, Gott sei Dank. Die Menschen suchen heute für ihren Glauben keine Autoritäten, sondern Argumente. Wir brauchen deshalb nicht bloß Tradition, sondern einen reflektierten Glauben. Deshalb möchte ich helfen, dass der Glaube aus den Kinderschuhen heraus wächst. Dafür brauchen wir mehr Bildung für den Kopf – und mehr geistlichen Tiefgang fürs Herz. Ich möchte die Frommen gar nicht wild machen, sondern – klug! Und ruhig ein wenig kritischer. Nicht um sie zu verunsichern. Sondern um den Glauben fester zu machen, tiefer – und auskunftsfähiger.

Vater Jesu Christi

Wenn Erwachsene ihren Kinderglauben nicht abgelegt haben, dann glauben sie meistens mehr an Magie als an Jesus. Gott ist dann ein Wundertäter, der zuständig ist für alles, was ich noch nicht verstehe und was ich nicht kann. Man nennt ihn zwar den "lieben Gott", aber man traut seiner Liebe doch nicht so recht über den Weg. Deshalb muss man sich bei ihm absichern: für gute Taten gibt es Lohn, für schlechte eben Strafe. So lieb ist der "liebe Kindergott" also doch nicht! Er ist meistens bloß irgendein Naturgott – "Herrgott" genannt –, nicht aber der Vater Jesu Christi.

Nein, ich möchte die Frommen gar nicht wild machen. Aber vielleicht doch ein bisschen verunsichern. Damit sie Fragen stellen. Damit sie selber in die Bibel schauen. Und zu Jesus finden. "Der Pfarrer macht die Frommen wild": Ich freue mich sehr über diesen Witz. Ich merke nämlich: Es ist Bewegung in der Gemeinde. Einige missverstehen das, in Sachen Religion kennen sie keine Gnade. Sie mögen keine Frömmigkeit, die denkt. Fromm, das heißt für sie: rührselig, bürgerlich, nett. Kein Problem – das darf es auch geben. Die Kirche ist ein großes Haus mit einem weiten Dach, da passt allerhand hinein. Ich meine aber: Die Zukunft verträgt keine Frömmigkeit, die bloß trieft. Oder, noch schlimmer, die ohne Erbarmen ist. Wer seinen Glauben verständlich machen kann, der versteht etwas vom Glauben.

Johannes vom Kreuz, der große spanische Mystiker, sagt es so: "Nur ein Mensch, der seine hergebrachten religiösen Gewissheiten verloren hat, ist fähig zur Begegnung mit dem lebendigen Gott." Mit anderen Worten: Nur wer seinen Kinderglauben in Frage stellt, und wer dann ganz bewusst mit Gott zu leben beginnt, findet zu einem glaubwürdigen Glauben. Ich bin davon überzeugt: Wer sich wirklich auf Jesus einlässt, gewinnt eine große innere Freiheit. Wer in dieser Freiheit lebt, kann fröhlich seinen Glauben bezeugen. Reflektiert und engagiert, klug und fromm.

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