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11.02.2012
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Begegnung

"Achtsamkeit für den gegenwärtigen Augenblick hilft mir, die großen Pläne loszulassen, um das zu werden, was ich immer schon bin."

Geistlicher Impuls

"Vom Reichtum der Armut"

Vor einigen Jahren bat mich eine Bekannte, für eine junge Frau zu beten, die aufgrund ihrer Krankheit nicht mehr lange zu leben hatte. Spontan dachte ich: "Die Arme!" Natürlich versprach ich gern mein Gebet für sie. Kurz danach meldete sich die Bekannte noch einmal: ob die Kranke mich auch besuchen dürfe? Da sie keinen Bezug zu religiösem Leben habe, wolle sie unbedingt einen Menschen kennen lernen, der für sie bete.

Es war für sie beschwerlich genug, aber sie kämpfte sich bis in unser Kloster. Die Arme! Als sie mir gegenüber saß, gequält von großen Tumoren, rührte mich aus ihren Augen nicht nur Schmerz und Leid an, sondern vor allem eine offene Bereitschaft und tiefes Verlangen, etwas über das Beten zu erfahren, das offensichtlich für sie etwas mit Leben zu tun hatte. Es war ihr so wichtig, dass sie sich vom Hospiz aus mit all der Mühe noch ein zweites Mal zu einem Gespräch bringen ließ. So kurz vor ihrem Tod vergaß ich mein mitleidiges "Die Arme". Nein, sie war nicht arm. In all ihrer Kraftlosigkeit war in ihr volles Leben spürbar.

Haben Sie sich schon einmal "arm" gefühlt? Als arm empfinden wir uns, wenn wir in irgendeiner Weise Mangel erfahren, wenn wir etwas nicht haben, was wir gern hätten. Es gibt wohl keinen Menschen, dem diese Erfahrung fremd wäre. Manchmal bedeutet es, arm an finanziellen Mitteln zu sein, nicht ausreichend Geld zur Verfügung zu haben, um den Alltag gut bestehen zu können. Armut kann im Mangel an Ausbildung oder an fehlender Arbeitsmöglichkeit liegen.

Auf andere Weise kann ich mich aufgrund von Krankheit, Behinderung oder Alter als arm empfinden, eben das Leben nicht so gestalten können, wie ich es wünsche, Schmerzen ertragen müssen. Und es gibt die noch verborgenere Form der Armut: an fehlendem Ansehen und Geltung zu leiden, arm an Beziehungen zu sein und aus dem Mangel an Selbstwertgefühl und Selbstachtung zutiefst unfrei zu leben. An unserer Klosterpforte begegnen wir unzähligen Menschen, die wegen solcher Armutserfahrungen Hilfe suchen.

Eckpfeiler

Mangelerfahrungen durchziehen unser gesamtes Leben von Geburt bis Tod, wobei Geburt und Tod offensichtlich die extremsten Armutserfahrungen ausmachen. Zwischen diesen beiden existentiellen Eckpfeilern der Armut spannt sich unser Leben. In den ersten Lebensjahrzehnten versuchen wir, der Armut zu entkommen, indem wir lernen, entscheiden, erwerben, aufbauen, bis wir vielleicht ein gewisses Niveau erreicht haben, auf dem wir uns einrichten, sesshaft werden. Dann beginnt der Kampf gegen den Verlust des Erreichten, in dem wir immer Verlierer sein werden. Denn es gibt keine Möglichkeit, dem Tod zu entkommen.

Wenn äußerste Armut am Anfang und am Ende unseres Lebens steht, sollten wir ihr vielleicht mehr Aufmerksamkeit widmen, als nur dem Drang nachzugeben, ihr zu entkommen. Am Anfang des Lebens ist es verfrüht, da wir erst im Bemühen, unser Leben selbst gestalten zu können, auch unsere Kräfte wecken und üben. Am Ende des Lebens ist es zu spät, da die Armut dann unausweichlich nach uns greift. Aber dazwischen, wenn wir beginnen, unsere Entscheidungen zu leben, und bevor sie uns wieder aus der Hand genommen werden, ist es Zeit, die Armut bewusst in den Blick zu nehmen.

Gelungenes Leben

Je nach der Gesellschaft, in der ich lebe, gibt es einen gewissen Standard, der mir sagt, was man glaubt, was man braucht, damit man das Leben als gelungen betrachtet. Was brauche ich, um mich wohl und glücklich zu fühlen? – Und sich glücklich zu fühlen scheint für viele Menschen das Lebensziel zu sein: Teilhabe an kulturellen Ereignissen, sportliche Betätigung, Unterhaltung, gesellschaftliches Ansehen, Freiheit der Lebensgestaltung, Möglichkeit zu gehen, wohin ich will, Zugang zu Informationen, zu Genussmitteln, Freunde, Lebensgefährten usw. Wer an all dem gar keinen Anteil hat, fühlt sich wirklich arm. Im Blick von der gesellschaftlichen Ebene her bleibt für den Armen nur ein eingeschränkter Lebensraum, Gefühl der Abhängigkeit, Eintönigkeit, wenig bis keine Bewegungsmöglichkeiten, sich am Rande fühlen, beraubt der eigenen Lebensgestaltung. So erfahren wird Armut zum Unglück, zum Lebensunfall.

Armut als Mangel an Leben kann keinen Wert in sich haben. Aber es scheint eine Form von Armut zu geben, die für das Leben öffnet. Und diese Armut ist so faszinierend, dass es immer wieder Menschen gibt, die sie als Lebensform wählen.

Existentiell wichtig

Was macht denn das Leben ganz elementar aus? Was empfinden Sie in diesem Augenblick als existentiell wichtig für Ihr Leben? Für mich gehört zum Beispiel unbedingt zum Leben: atmen, wahrnehmen, auf das Wahrgenommene antworten können, kommunizieren, in Beziehung treten, Freude empfinden und Schmerz ertragen können, Glück im Augenblick mir schenken lassen und im Unglück das Geschenkte wieder loslassen, einfach sein zu dürfen.

Aber ich mache auch immer wieder diese Erfahrung:

Manchmal kann ich nicht durchatmen, weil mir etwas die Luft abdrückt.
Manchmal nehme ich gar nicht wahr, was mich umgibt, weil ich durch den Filter fremder Maßstäbe schaue.
Manchmal kann ich nicht antworten, weil ich zwar von außen her höre, aber gar nicht weiß, was denn in mir selbst ist.
Manchmal kann ich gar nicht leben, weil ich mich mit so Vielem zugepackt habe, von dem andere sagen, dass man es zum Leben braucht. Dabei lässt es mich nicht atmen, nicht wahrnehmen, nicht kommunizieren. Es loszulassen könnte mich zum Leben befreien.

Mein Selbst

Ein Meister erzählte seinen Schülern einmal von einer kostbaren antiken Schale, die bei einer öffentlichen Versteigerung ein Vermögen einbrachte. Ein Landstreicher, der in Armut gestorben war, hatte damit um Almosen gebettelt, ohne ihren Wert zu ahnen. Als ein Schüler den Meister fragte, was die Schale bedeuten sollte, sagte der Meister: "Dein Selbst." Man bat ihn, das näher zu erklären. Er sagte: "Ihr verschwendet eure Aufmerksamkeit auf Kleinkram, den ihr als Wissen bei Lehrern und aus Büchern sammelt. Ihr tätet besser, die Schale zu beachten, in der ihr dieses Wissen aufnehmt." Was könnte denn in meinem Leben diese Schale bedeuten? Mein Selbst – sagt der Meister. Es klingt so leicht; warum ist es dann so schwer?

Wir füllen Vieles in die Schale unseres Lebens. Wir arbeiten an unserem Erscheinungsbild – leiblich wie geistig; wir absolvieren Kurse zur Verbesserung unserer Kommunikationsfähigkeit; wir trainieren unser Reaktionsvermögen; – wir tun Vieles, und doch versagen wir so oft in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Und dieses Scheitern ist eine zutiefst schmerzliche Armutserfahrung. Sich ihr zu stellen, ihr nicht auszuweichen, kann aus dieser Armut heraus zu einem Weg in den Reichtum lebendiger Beziehung wachsen.

Loslassen

In der Beziehung zu einem Menschen ist meine "Schale" gefragt, nicht das, was ich darin gesammelt habe. Ich bin nicht die, für die andere mich halten. Ich bin auch nicht die, die andere gern in mir sehen möchten. Ich bin noch nicht einmal die, für die ich mich selber halte. Ich bin die, die ich werde, wenn ich mich loslasse.

Menschen, die mich lieben und die ich liebe, denen ich mich im Versagen zumuten darf und die mich darin annehmen, können mir helfen, die Angst vor dem Loslassen zu verlieren. Sie können mir helfen, auf die Kostbarkeit der Schale zu hoffen. Doch nur auf Gott hin gelingt Loslassen in voller Freiheit. Und nur von Ihm her gewinnt meine Schale ihren unvorstellbaren Wert. Was immer ich Gott oder einem Menschen geben kann, kann nur ich selbst sein, in meiner armen Realität.

Die Bibel erzählt die Geschichte von Ijob, einem Gerechten, der alles verliert, was er besitzt. Einsam versucht er sich gegen Freunde zu verteidigen, die ihm die eigene Schuld an seiner Situation einreden wollen. Mitten in diesem leidvollen Wortaustausch sagt Ijob plötzlich: "Doch ich, ich weiß: Mein Erlöser lebt, als letzter erhebt er sich über dem Staub. Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen; meine Augen werden ihn sehen, nicht mehr fremd. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust" (Ijob 19,25-27).

Weg ins Leben

Unwillkürlich denke ich an die junge Frau, die so kurz vor ihrem Tod zum ersten Mal die Erfahrung des Betens machte.

Zerschlagen, zerfetzt, einsam, ist es dennoch für Ijob eine Gewissheit, die zugleich seine Sehnsucht brennen lässt: Gott lebt. Und Gott lebt nicht irgendwie und irgendwo, sondern er ist "mein Erlöser", auf den hin erst dieses ganze Zerrissenwerden Sinn erhält. Ihn zu schauen, ist gleichbedeutend mit: das Leben schauen, die Liebe erfahren. Nicht immer entspricht es meinem Gefühl, dass mein Erlöser lebt. Doch oft liegt es an mir, mich zu entscheiden. Und ich kann mich dafür entscheiden, glauben zu wollen, dass "mein Erlöser lebt", mich zumindest nach diesem Glauben zu sehnen und ihn zuzulassen. Ja, auch zuzulassen, dass eigene Erlösungsversuche nicht greifen, Kontrolle aus der Hand zu geben, Verfügungsgewalt loszulassen. Armut nicht mehr als Unglücksfall des Lebens, sondern als Weg ins Leben!

Armut wir zu Beziehungsfähigkeit

Mitte August haben wir das Fest der heiligen Klara von Assisi gefeiert, der Gründerin des Ordens, in dem ich lebe. Sie war eine Liebhaberin der Armut. Ihr ganzes Leben bezeugt, wie Armut in der Perspektive des Lebens zur reinen Beziehungsfähigkeit wird, in der Beziehung zu Gott, zu den Menschen, zur gesamten Schöpfung und auch zu mir selbst. Besitz – und dazu gehört alles, was ich festhalte – kann sich dann nicht mehr wie eine Wand zwischen die schieben, die doch aufeinander bezogen sein wollen. Für Klara war Armut der Weg ins Leben. Loslassen ist das Zauberwort, das mich im Augenblick gegenwärtig sein lässt. Und nur in diesem gegenwärtigen Augenblick geschieht Leben.

Wünsche und Vorstellungen begleiten unser Leben. Wünsche von Menschen, die uns nahe stehen und mit denen wir leben. Manchmal verdecken diese Erwartungen uns den Zugang zu der Wirklichkeit, die wir sind – zu unserer Lebensschale. Armut als Grundhaltung kann uns helfen, achtsam auf den jeweiligen Augenblick zu werden. Und in der Annahme der eigenen Realität die unverwechselbare Kostbarkeit meines Lebens zu entdecken.

Marie Noël, eine französische Schriftstellerin des vergangenen Jahrhunderts, schrieb in ihr geistliches Tagebuch: "Die Geschichte meiner Seele, das ist die Geschichte vom Korn. Im Frühling war ich Saat im Winde, ich war Blüte, ich war Spiel und Freude. Damals, o mein Gott, habe ich Dich geliebt. Im Sommer ist mein Korn gereift: Ich habe Dir einige Werke gegeben. Im Herbst habe ich es verloren! Ich habe nicht mehr, was ich Dir geben könnte. Ich habe weder Blüte noch Korn. Ich bin nicht mehr ich selbst noch irgendetwas, was mir gleicht. Von Zerbrechen zu Zerbrechen bin ich zu Staub geworden. Da bin ich, gedroschenes Korn, zerriebenes Mehl, da bin ich: Brot, geknetet, gebacken, zerbissen, zerkaut, zerstört. Nichts ist von mir geblieben. Ich habe Dir nichts zu geben, o mein Gott, weder Blüte noch Frucht, weder Herz noch Werk; nichts mehr als einen gehorsamen Bissen trockenen Brotes. Dein Brot, wie Du das meinige bist." (Marie Noël, Erfahrungen mit Gott, Mainz 1961, S. 64.)

Achtsamkeit für den gegenwärtigen Augenblick hilft mir, die großen Pläne loszulassen, um das zu werden, was ich immer schon bin. Der "Bissen trockenen Brotes" wirkt so erbärmlich – doch es ist die ganze ungeschmückte Realität, die die Fülle in sich birgt.

Für manche bedeutet Armut: sich nicht das leisten zu können, was andere sich leisten können. Das ist eine recht deprimierende Sicht. Armut in der Perspektive des Lebens hat nichts damit zu tun, sich etwas nicht leisten zu können, sondern damit, jede Leistung loszulassen. Armut hilft mir, dass nichts in mir das Leben zurückhält, das durch mich hindurchströmt von Gott zu den Menschen und zu Gott zurück. Welch ein Reichtum der Armut!

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