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04.02.2012
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Wüste Sinai.

Wüste Sinai.

Rückblick

Das bisschen Dortgewesensein

Statt ihn in Paris zu besuchen, macht sie eine Blitzreise nach Afrika. Der Dichter Paul Celan beschwert sich bei seiner Freundin Ingeborg Bachmann leicht hämisch: "Das bisschen Dortgewesensein!" Ein Stichwort, das nicht nur zu Urlaubsnachbetrachtungen einlädt.

Der Überalldabei

Kulturkonsum weltweit: Länder und Menschen, Kirchen und Museen. Kurz "vor Anker gehen". Ein Urlaubsvergnügen. Viel flüchtiges Gesehenhaben. Der "Überalldabei" (Botho Strauss). Was ist geblieben, was fruchtbar geworden? Was hast du an dich herangelassen, was in dich aufgenommen und "verarbeitet"? Was hat dich bereichert? Wunderbare Erholung, fremde, rauschhaft schöne Welten, Tapetenwechsel. Am Ende oder nachher oft ein Bedauern über "das bisschen Dortgewesensein" und der Vorsatz: "Da musst du unbedingt noch einmal hin!"

Im Bilde sein

Große Künstler haben sich an großen Vorbildern orientiert, bevor sie eigene Wege gingen. Sie kopierten die Meister, um ihre Bilder besser zu verstehen, in die Werke tiefer hineinzugeraten und noch mehr "im Bilde" zu sein als nur über betrachtende Analysen. Bei einem zügigen Gang durch Museen, Ausstellungen und Kunsthallen bleibt oft auch nur der Nachgeschmack vom "bisschen Dortgewesensein". Kein Schauen nebenbei, kein Verweilen im Vorübergehen, nur Sightseeing. Es zerfasert unsere innere Aufmerksamkeit und verstärkt die flüchtige Sicht der Dinge. Vielleicht auch eine vorgetäuschte Wohlinformiertheit des Tausendsassas, der nur ein paar Zeitungen oder Prospekte gelesen hat.

Wir stoßen auf das Problem der "Internetreisenden /-surfer". Ihre Augen rufen kurzfristig Informationen ab, registrieren Sachverhalte. Wer damit aufwächst, verliert früh die Fähigkeit zu schauen und zu staunen. Der rasche Wechsel der Bilder verhindert jedes Verweilen oder "Sich- Vertiefen".

"Man muss den Dingen doch etwas Zeit geben, damit sie einem ans Herz wachsen können" (Erhard Kästner, ein Kulturphilosoph des vergangenen Jahrhunderts). Den Dingen und Menschen, Bauten und Bildern, Worten und Weisungen Zeit lassen und Raum geben. Ganz ohne Zugriff und geistige Habsucht. Viel statt Vielerlei. Wer kann das, will das? Sich fremden Ansprüchen stellen, aussetzen oder anvertrauen?

Ins Bild geraten oder lieber bei sich selbst bleiben, d.h. außerhalb? Sich nicht wirklich hineinbegeben und damit auseinandersetzen? Sich aus seinem Drehkreis locken lassen? Nur "fromme Wünsche" von Kulturphilosophen jenseits der Gewöhnlichkeit?

Wohnen im Wort

Prediger wissen, wie schwer es ist, "in Seinem Wort" zu sein und zu bleiben und daran festzuhalten (so häufiger bei Joh.).

Hörer(innen) spüren, ob jemand "in Seinem Wort wohnt" oder ob er sich der heiligen Worte nur bedient und nur "ein bisschen dort gewesen ist". Hat er selbst das "Menschenwort als Gottes Wort"( 1Thess 2,13)  wahrgenommen und aufgenommen, oder hat er es nur analysiert  und aufbereitet?

Das alte Spiel mit Texten – Ergreifen und Ergriffenwerden – setzt beschauliche Distanz voraus, "geistliche Lesarten", in denen "das Gedächtnis seiner Wunder" (Ps 111,4) nicht einfach registriert wird.

Ein Problem, das besonders der Religionsunterricht kennt: Hier "wartet niemand auf Sein Wort" (Ps 119,81), vielleicht nicht einmal mehr der Lehrer, der längst "berufsgeschädigt" Opfer schulischer Verhältnisse geworden ist.

Biblische Texte müssen zunächst wie andere Quellen fachgerecht erschlossen und bearbeitet werden. Spontane freie Einfälle sind nur ein erster Zugang zu Dokumenten. Im Rahmen des schulischen Auftrags kommt die geistliche Dimension äußerst selten zur Sprache oder ins Bewusstsein. Am Ende eines Lernprozesses werden Kenntnisse, Erkenntnisse und Ergebnisse  überprüft: Oft nur flüchtige Informationen und ethische Impulse, teilweise moralische Vereinnahmungen oder Lebenshilfetipps.

Lehrer(innen) gewöhnen sich daran, dass sie im Rahmen der Lernbedingungen keine Chance haben, "das Wort Gottes in seinem ganzen Reichtum" Schülern zu öffnen oder "bei ihnen wohnen zu lassen" ( vgl. Kol 3,16).

Das geht schnell

Dreißig Jahre Operationen: "Das geht schnell!" Ein Chirurg zieht Blanz, nüchtern, realistisch, keineswegs resignativ, fast wie im Psalm: "Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig“ (90,10). Heute vielleicht neunzig.

Die paar Jahre, das bisschen Zeit, das bisschen Leben, das " bisschen Dortgewesensein". "Meine Lebenszeit ist vor dir wie ein Nichts" (Ps 39,6). Die alte Kirchenmelodie vom Pilgerdasein: Die Erde als Durchgangsstation, als Verweilort mit begrenzter Aufenthaltsgenehmigung.Ein außerbiblisches Jesuswort: "Seid Vorübergehende!" Leben ist ständig auch Nachsaison, nicht nur Gegenwart. Ein bisschen Ewigkeitsperspektive kann nicht schaden, empfehlen die Weisen . Der Herbst als Gelegenheit, über unser bisschen "Hiersein" nachzusinnen.

"Die Zahl meiner Tage" ( Ps 39,5):
- Die fruchtbaren Zeiten und das Flüchtige.
- Die wahre Lust am Leben und die gefährlichen Stoffe, mit denen wir uns abgegeben haben.
- Das geliehene und das authentische Leben.
- Das Vorgespielte und das Ehrliche.
- Das Weglaufen und Flüchten und das Bleiben und Standhalten.
- Das "Kommen und Sehen","Hingehen und Bleiben" im Sinne des Johannesevangeliums.

Was hast du bisher aus deiner von Gott bestimmten Lebenszeit gemacht? Aus dem "Maß des Glaubens", das er dir zugeteilt hat und den "verschiedenen Gaben, Diensten und Kräften?" (s. 1 Kor 12,4 f.)

Distanzkünstler

Wenn uns "Zugänge" und "Einsichten" geschenkt werden, weil wir "eingetaucht" sind und uns nicht "rausgehalten" haben, bewahrheitet sich ein schon sprichwörtlich biblischer Satz: "Da gingen ihnen die Augen auf". Wir erkennen und verstehen mehr von  innen als es Bildschirmaugen je könnten. Unsere "seinsblinden" Augen nahmen manches bisher nur zur Kenntnis oder registrierten einen Sachverhalt.

Die klassische Formel – "Leben verlieren, Leben gewinnen" - richtet sich an die "Distanzkünstler" ( H.M. Enzensberger), die sich geschickt aus allem heraushalten, was sie herausfordert, - sei es auch unter dem Deckmantel beschaulicher Distanz oder vorgeschobener Gelassenheit, die ein "Sicheinlassen" verhindern kann.

Wer sich Ansprüchen stellt oder aufbricht und sich dem Gegenüber öffnet, nimmt nicht mehr nur zur Kenntnis. Er "wird an allem reich" (so Paulus), er erfährt und spürt, sieht und versteht, wie es  Liebende und Gläubige kennen. Die Aura eines Menschen kann heute gemessen werden, aber nicht jeder nimmt sie wahr, wenn er ihm nur flüchtig begegnet. Auch die göttliche Dimension Jesu, seine Worte und Zeichen nahmen viele nicht wahr. Es fehlte die richtige "Einstellung".

Am Ende werden wir gefragt werden: Wieweit warst du bei "anderen", "mit ganzer Seele und mit allen Kräften" ? Oder nur ein bisschen, flüchtig, sporadisch und halbherzig? Letztlich die Leitfrage nach deiner Lebens -  Grund -  Einstellung:

Dein "bisschen Dagewesensein" – vor Gott?

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