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11.02.2012
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Oben Kloster - unten Strand

Wellengänge

Oben Kloster - unten Strand

Urlaub nach Maß. Ideal für Leib und Seele. Die Dinge abfließen und neu einströmen lassen. Nachdenken über die Wellengänge seines Lebens, das Auf und Ab, auch über das Beten und Arbeiten.Kopf frei, Klarsicht, ganz ohne Worte. Strandgedanken. Oben beten, unten baden.

Durch das Meer ging  dein Weg, dein Pfad durch gewaltige Wasser, doch niemand sah deine Spuren  (Ps 77,20).

Der Psalm beschwört die Heilstaten Jahwes (Exodus, Meerwunder, Sinai) und preist den unvergleichlichen Gott. Aber Wasser bedeckt seine Spuren. Ist er spurlos verschwunden? Ein verborgener Gott, der Offenbarer vom Sinai und der aus Nazareth? Bis heute ein geheimnisvoller Gott, rätselhaft, ungreifbar.

Die stärksten Brandungswellen der Neuzeit: Die aufgeklärte Vernunft und der selbstbestimmte Mensch. Immer mühsamer, die Spuren Gottes zu entdecken. Aber Jesus hat Spuren gelegt. Er ist zu finden. Er hat seine Gegenwart an Zeichen, Worte und Menschen gebunden. Gestrandete zum Beispiel zu seinen anonymen Stellvertretern gemacht, Menschen, "denen zuliebe Jesus überhaupt hier war" (Arnold Stadler). Sie führen in sein eigenes Lebensgeheimnis. In einer Szene des Johannesevangeliums (6, 25) steht der hintergründige Satz: "Sie fanden ihn am anderen Ufer!"

Er ist nicht spurlos verschwunden. Das andere Ufer steht symbolisch für ein Gegenüber, außerhalb unserer selbst und für die anderen, in denen er sich "versteckt". Das andere Ufer ist der Ort, wo Leidende wohnen. Hier beginnt die christliche Spurenlese: Gläubige Grenzüberschreitungen vom Sichtbaren zum Unsichtbaren. Was hindert mich? Sind meine Augen gehalten (s. Lk 24,13 f.)?

So spricht der Herr: Wenn durchs Wasser du schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort (Jes 43,2).

Die Ströme überfluten dich nicht. Ein altes Glaubensbekenntnis. Am Strand kann es neu bewusst werden: Der ständigen Nähe Gottes sicher sein: "Wenn durchs Wasser du schreitest, bin ich bei dir!" Strandgang als Glaubensvollzug!

Wasser ist Symbol für Bedrohung und Todesnähe. Wir erinnern uns an reißende Strömungen. Es hätte damals anders enden können. Dankbare Rückschau. Eine rettende Woge, ein Sog des Himmels? Glück gehabt, sagen Glaubensferne. Du bist vor Schlimmerem bewahrt. Die Lebensströme haben dich nicht überflutet. Du redest es dir nicht ein. Das "Ich bin bei dir " ist deiner Seele eingraviert. Dieser Gottesspur kannst du in deinem Leben nachgehen, wortlos persönlich und gläubig intim.

Die Kirche vergegenwärtigt in dankbarer Erinnerung "das wunderbare Tun Gottes an den Menschen"  durch die Sendung seines Sohnes: "Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende (Mt 28,20). Ein Leitwort, das uns begleitet, trägt und stärkt. Jede Eucharistiefeier verstärkt dieses Bewusstsein.

"Bedenkt es auf eurem Lager und seid stille!" (Ps 4,5) Urlaubszeit – Bedenkzeit: "Wenn Gott nicht von allerhöchster Bedeutung ist, hat er überhaupt keine Bedeutung", sagt ein jüdischer Weiser unserer Zeit (J. A. Heschel).

Gewaltiger als das Tosen vieler Wasser, gewaltiger als die Brandung des Meeres, ist der Herr in der Höhe (Ps 93,3).

So sprach man damals (vor 2500 Jahren) von Gott. Mit diesen Worten und Bildern konnte man die Größe und Machtfülle Gottes preisen. Wir können es nicht mehr so. Unsere Vorstellungswelten haben sich verschoben. Das Bildwort des Allmächtigen ist missbraucht, patriarchalisch und absolutistisch verzerrt. Tsunamis und andere Urgewalten werden wissenschaftlich erklärt, wecken aber noch durchaus Ängste, die nach dem Herrn über Leben und Tod fragen, sofern man religiös geprägt ist.Aber verheerende Überschwemmungen machen nicht ohne weiteres "fromm", wenn man in glaubensloser Umgebung aufgewachsen ist und Gottzugewandtheit nicht kennt.

Ein wachsendes Problem in unserer Gesellschaft: "Nicht nur hier, in diesen vom Atheismus verheerten Osten, klingt kein gottzugewandter Ton mehr aus menschlichen oder kindlichen Stimmen. Auch anderswo klingt jede Redewendung heute ungerührt atheistisch."(Botho Strauss) Die Seele galt immer als das Organ, mit dem sich der Mensch "zu Gott erhebt". Botho Strauss erinnerte vor zehn Jahren daran, dass seinem Sohn "unterwegs die Seele geraubt wird". Denn die Freunde des Kindes erklären schon, dass es Gott nicht geben könne. Auch entschieden Gottgläubige kommen heute in Sprachnöte. Die Vorstellung vom "Herrn in der Höhe" erinnert an barocke Bühnen, die in der oberen Etage göttlich besetzt waren. "Er griff aus der Höhe herab und fasste mich, zog mich heraus aus gewaltigen Wassern (Ps 18, 17).

Eine alte Vorstellung - vorbei, abgelegt, Vergangenheit: Auch der Gott des Siebentagewerkes erreicht nicht mehr unsere Sicht der Welt. So geht die Sprache der Liturgie an vielen Menschen der Gegenwart vorbei. "Was teilen die schönen Hirtenerzählungen Menschen mit, die in der Industriegesellschaft keine Weiden mehr haben?" (P.K. Kurz). Die "religiöse" Entfremdung zwischen den Generationen war immer auch ein Problem der Sprache.

Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und wovon du dich überzeugt hast. Du weißt, von wem du es gelernt hast; denn du kennst von Kindheit her die heiligen Schriften (2 Tim 3, 14.15 ).

Nicht die anderen, du selbst! Der Wellengang deines eigenen gottbezogenen oder gottfernen Lebens steht infrage. Mein Glaube war immer kirchlich bestimmt. Die stärkste Woge seit einem halben Jahrhundert: Der Aufprall historisch-kritischer Bibelwissenschaften auf ein dogmatisch oder satzhaft fixiertes Wahrheitsdenken. Bis heute gibt es starke Widerstände gegen die analytischen Strömungen von Exegese und Aufklärung. Der nachkonziliare Strömungsfilm zeigt sehr klar, wie sich die alten beharrenden Kräfte wieder in der Kirche behaupten, als ob sie den 2. Timotheusbrief auf ihrer Seite hätten.

Kirchlicher Glaube wächst jedoch nicht mit satzhafter Lehre, sondern in Mitfeier und Gebet, Gesang und liturgischen Rhythmen des Jahres. Ich habe gelernt, "mich in Gottes Ordnung zu bergen" (Ps 119) und "mich an seinem Befreien zu sichern" (Ps 28,22) (übersetzt von M. Buber). In diesem Klima gläubiger, aber wenig hinterfragter Gewissheiten war es auch selbstverständlich, sein Leben vom Ende her zu lesen: "In den Evangelien haben wir die Partitur der Hoffnung des Menschen, dass es nicht aus ist mit ihm" (A. Stadler).

Strandgänge - Wellengänge - Gedankengänge.
Spülsaumproben und Strandgut meines Glaubens.
Oben im Kloster und unten am Strand mit sich ins Reine kommen.
Den guten Erfahrungen treu bleiben.

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