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11.02.2012
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Rom

Stütze

Wer glaubt, ist oft allein

Ein Prediger, der Angst hat, von Gott etwas Falsches zu sagen, weiß natürlich auch, dass wir nie angemessen von Gott sprechen oder evangeliengemäß leben können. Unser Problem: Zeuge sein mit dem rechten Leben und den rechten Worten! Worte verlieren über den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus und das Sein in IHM!

Gottesahnungen, die Hörern und Lesern ans Herz gehen. Worte zu machen, haben wir gelernt. Aber Worte, die "Geist und Leben sind" (Joh 6,63)? Das "Wunderbare seiner Weisungen" und "ihr Licht auf unseren Wegen"?

Die alten Worte der Heiligen Schriften nur weitersagen (rezitieren?), wenn sie sich auch uns geöffnet haben? Sich aus den Wörtern zurückziehen? Nicht mehr "reden"? Verstehen die informationsüberfluteten Hörer unsere Probleme?

Von Fall zu Fall

  • Ein österreichischer Bischof schreibt anonym 2008 in einer christlichen Zeitung: "Entgeistert fragt man sich manchmal bei der Lektüre kirchlicher Texte: Glauben die wirklich, was sie da schreiben? Jahrhunderte der Bibelkritik und der theologischen Forschung und Entwicklung sind an ihnen vorbeigegangen, ohne eine Spur zu hinterlassen?" (Hans Küng verweist auf das Elend der heutigen Theologie: Die ungeheure Kluft zwischen Exegese und Dogmatik. Stichwort: Steinbruchexegese.)
    Die anonyme Form der Veröffentlichung zeigt, dass der Bischof mit seiner Not oder Wut nicht ins Rampenlicht möchte. Wovor hat er Angst? Vor seinen Kollegen oder den so genannten "einfachen Gläubigen", denen man biblische Aufklärung nicht zumuten zu können meint? (Internetnutzer zählen nicht zu den lenkbaren einfachen kleinen Leuten, auf die sich Leitende gerne berufen.)
  • Eine Mutter ist ratlos. Sie hat Theologie studiert. Wie soll sie ihren Kindern "richtig" von Gott erzählen? Als aufgeklärte Zeitgenossin möchte sie ihren Kindern nichts für die Zukunft ihres Glaubens verbauen. Was ist kindgemäß, was gottgemäß?
    Nichts magisch - mythisch verfestigen, was einer späteren Aufarbeitung nicht standhält? Im übrigen plädiert sie als Religionslehrerin für die Umbenennung ihres Faches, weil ihre Schüler und Schülerinnen kaum noch etwas mit Religion zu tun haben, es sei denn transkonfessionell oder rein philosophisch.
  • Ein Kollege hat fundamentalere Schwierigkeiten. Er fühlt sich in seinen theologischen Nöten allein gelassen. Er scheut sich, Gott zum Lerngegenstand zu machen, ihn im Unterricht "durchzunehmen" oder zur Diskussion zu stellen wie andere Denkobjekte, wenn jeglicher innerer Bezug dazu fehlt, wenn weder Gebets- noch Gottesdienstpraxis vorliegt. Denn auf der reinen Diskussionsebene wird Gott so belanglos-unverbindlich wie bei einer Talkrunde im Fernsehen. Ohne gläubige Christusbeziehung kann niemand das Vater-unser z.B. verstehen.
  • Eine Ordensfrau beklagt sich darüber, in ihrer Gemeinschaft niemanden zu finden, mit dem sie ernsthaft über ihre Glaubenszweifel reden könnte. (Ihre amtlichen Oberen kommen dafür nicht infrage. Es hätte Folgen für ihre Stellung im Kloster.)
  • Ein Mönch ist verärgert, weil seine Ordensbrüder die abendliche Stille nicht einhalten.
  • Christen, die sich in der spätantiken Kultur und dem byzantinisch barocken Hofstil der vatikanischen Kirche mit dem höfischen Gehabe und Getue altehrwürdiger Männer nicht mehr heimisch fühlen.

Von "Stütze" leben

"Wer glaubt, ist nie allein"; aus diesem Papstzitat wurde eine schwungvolle Melodie. In der Freude am gemeinsamen Ritual und im Sog einer Feier werden alle Genannten durchaus begeistert mitsingen. Innere Probleme und Widerstände werden für einen Moment überspielt und aufgefangen. Eine fraglose Übereinstimmung schwingt im Kirchenraum, ein Gefühl von Zugehörigkeit und eine Art Einvernehmen im Bekenntnis des Glaubens jenseits der Probleme. Ein Zustrom von Freiheit, Kraft und Fülle signalisiert uns, wie sehr wir diese Stütze im Glaubensvollzug brauchen.

Gleichzeitig reiben sich viele in der gleichen Feier an der alten Opfersprache der Kanontexte und ähnlichen Gebetsformulierungen, die sie nicht mehr "mitvollziehen" können wie in der Zeit ihrer theologischen Ahnungslosigkeit oder kirchlichen Unmündigkeit.

Immer wieder die Querfrage: "Was glaubst du, dass du glaubst?" Welche innersten Überzeugungen teilst du mit denen, die rechts und links neben dir stehen, singen und beten? "Die Gott sagen" - meinen sie das Gleiche? Den Gleichen? Den personalen, apersonalen oder überpersonalen Gott? Den ganz Anderen? Den vom Hörensagen? Den im Zellkern der Seele?

Religiöse Fernbeziehung

Was unterscheidet uns von den Vielen, in denen noch ein religiöser Restglaube schwelt? Die ihre kirchliche Vergangenheit nicht ganz vergessen können oder als Negativphase ihres Lebens abqualifizieren wegen der "massiven" Prägungen. Kirche - das ist für sie wie eine alte "Beziehung", der man hin und wieder begegnet. Es gab keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Botschaft. Man löste sich lautlos aus dem "Gehege". Geblieben ist diese vage Fernbeziehung zur "Ehemaligen". Manchmal geheime Treffpunkte, über die niemand etwas erfährt, aber auch unverhoffte Begegnungen, bei denen "Altes aufflammt". Alte Glut! Ein Stammeln noch vertrauter Gebetsformeln. Eine "alte Beziehung", über die man nicht spricht. Mit wem auch?

Im Innersten gläubig heimatlos in einer Welt grenzüberschreitender Kommunikation, gläubig - ungläubig allein mit seinem "Gott". Auch mit seinem "Gott-Denken" und mit seinen Kirchenträumen.

Die alten rituellen Frömmigkeitsformen tragen viele schon lange nicht mehr. Keine Stütze.

- Wenn einzelne mehr erführen, dass andere in ähnlichen Nöten stecken - vom Pfarrer bis zum letzten Randsiedler der Kirche,
- wenn mehr Auffangräume, Netzwerke und Austauschmöglichkeiten vorhanden wären,
- wenn mehr kritisch-ehrliche Auseinandersetzung offiziell gewünscht und gefördert würden,
wäre es für manche eine große Hilfe, sich nicht weiter im Bewusstsein eines inneren Ungenügens abzukapseln oder "alles Mögliche zu glauben". Vielfach verwundet, haben sie die Chance, den unverletzlichen Kern ihres "Daseins vor Gott" wieder zu finden.

In durchwachten Nächten

"Gott, mein Gott bist du, in Sehnsucht suche ich dich, ... in durchwachten Nächten mein Sinnen dich sucht" (s. Ps 62, n. R. Guardini). Heimlich, allein und bei Nacht - nicht irgendwer, "ein führender Mann unter den Juden" (Joh 3,1), "ein Lehrer Israels", vertraut mit theologischem Denken und der Gebetstradition Israels: Nikodemus, ein Sympathieträger. Im Johannesevangelium steht er stellvertretend für  Menschen, die ernsthaft nach Gott fragen, nach Heil suchen oder nach dem Sinn des Daseins und dabei auf Jesus stoßen…

Heimlich, allein und bei Nacht: Ein prominenter, frommer Jude wechselt Blicke und Worte mit Jesus, "dem Lehrer, der von Gott kommt" (3,2). Er müsste die Antwort auf die letzte Frage des Menschen wissen. Gott steht auf seiner Seite. Er ist mit ihm im Bunde.

Wer nicht von der menschlichen Heilsfrage bewegt ist, wird auch bei Jesus keine Antwort suchen.

Nikodemus sieht sich mit einer rätselhaften Person und ihren Visionen von einem neuen Leben konfrontiert. Er "versteht nicht" (3,10)! Seinem bisherigen Denken bleibt alles fremd, solange er selbst nicht "eine Geburt von oben" erlebt. Die Geburt "aus Wasser und Geist" liegt nicht in seiner Macht, nicht im Bereich des Menschenmöglichen. Er bleibt allein mit seinem Wunsch nach neuem Leben.

Die zum Glauben an Jesus kamen sagen später: Wir wissen! Wir bekennen und bezeugen! Sie hatten die Neugeburt schon erfahren, nicht erst am Ende ihres Lebens. Sie ist jedoch ungreifbar und unverfügbar wie das Woher und Wohin des Windes (3,8).

Die nächtliche Begegnung mit Jesus machte Nikodemus zu einem heimlichen Sympathisanten. Gelegentlich trat er auch öffentlich für ihn ein (7,50). Am Ende erweist er ihm einen letzten Dienst (19,39). Nikodemus ist der, "der früher einmal Jesus (bei Nacht ) aufgesucht hatte". So beschreibt ihn das Evangelium in beiden Fällen. Er betete wie seine Vorfahren:

Herr, stütze mich, damit ich lebe, wie du es verheißen hast.
Lass mich in meiner Hoffnung nicht scheitern.
Gib mir Halt, dann finde ich Rettung.
(Ps 119, 116)

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