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11.02.2012
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Fußwaschung

"Begreift, was ich in der Fußwaschung an euch tue."

"Das Testament Jesu annehmen?"

Vom wichtigsten Vermächtnis Jesu

Gesetzt den Fall, es wäre heute Ihr letzter Lebenstag – oder der letzte Tag mit Angehörigen und Freunden: Auf welche Weise möchten Sie in guter Erinnerung bleiben? Was lassen Sie sich einfallen, damit die anderen eine Gedächtnisstütze haben, die an Sie erinnert? Bewegt nicht jede und jeden dann und wann in stillen Stunden diese Frage: Wer wird noch an mich denken? Was wird den anderen zuerst einfallen, wenn ich nicht mehr da bin? Eine typische Redewendung, eine charakteristische Handbewegung, geteilte Zeiten, ein Wort?

Wenn jemand gestorben ist, vielleicht überraschend, dann wird nach dem Testament gesucht. Gewiss geht es immer auch darum, was ein verstorbener Mensch wem zugedacht hat. In der Tiefe bewegt jedoch die Frage: Was ist sein letzter Wille? Was soll von dem Verstorbenen weitergehen? Was von ihm soll aufgenommen und weitergegeben werden? Was soll möglicherweise an die Öffentlichkeit kommen? Nicht selten gibt es bei den Hinterbliebenen unterschiedliche Sichtweisen. Je klarer ein Testament ist, umso eher lässt es sich annehmen und verwirklichen, umso klarer bleibt es in Erinnerung - und damit auch die oder der, die gegangen sind.

"Ein neues Gebot gebe ich euch"

Dieser Sonntag öffnet in der Leseordnung der römisch-katholischen Kirche das Testament Jesu aus dem Johannesevangelium (Joh 13,31-33a.34-35). Darin heißt es: "Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt."

Diese Worte eröffnen das Testament Jesu. Er selbst setzt es auf in der Stunde des Abschieds von den Jüngern, zwischen der Fußwaschung und dem Verrat, im Angesicht des drohenden Kreuzestodes. Die Worte sind wie eine Kurzformel dessen, was von Jesus bleibt, wenn er geht. Das soll von ihm in Erinnerung bleiben und weiterwirken, wenn er leibhaft nicht mehr da ist. Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.

Die Gemeinden, an die sich das Johannesevangelium richtet, betrachten das Testament Jesu wie einen unendlich kostbaren Diamanten. Ihn schauen sie von allen Seiten an und versuchen, immer neu seiner Klarheit innezuwerden. Sie leben in der dritten Generation nach Jesus. Doch sie nehmen sein schon über Generationen hin weitergegebenes Testament auf und versuchen, es in den eigenen, anderen Zeiten zu leben.

Von Gott und Mensch verlassen

Die Gemeinde weiß, dass Jesus vor vielen Jahrzehnten gekreuzigt worden ist. Die Christen fühlen sich ihm verbunden - damals, um die Wende vom ersten zum zweiten Jahrhundert. Denn sie leiden selbst auch unter Bedrängnis und Verfolgung. Sie fühlen sich verwaist, von Gott und Mensch verlassen. Fragen bohren auch angesichts des klaren Testamentes Jesu in ihnen: Was hat unter solchen Bedingungen das Christsein für einen Sinn? Lohnt sich der Glaube? Kann man das Testament Jesu erfüllen?

In diese Situation schreibt ihnen der Evangelist Johannes das Testament Jesu mit einem neuen Ton. Er lässt Jesus selbst darin die Gemeinde ansprechen, um sie zu trösten und zu ermuntern. Was die Christen hier und heute zu hören bekommen, das erzählt der Evangelist in Form einer Rückblende. Er versetzt sie in die Situation, in der Jesus sich irdisch endgültig verabschiedet und den Jüngern sein Testament hinterlässt für die Zeit, bis er wiederkommt. Zugleich fragt er mit ihnen, wie sie in der komplizierten Situation ihrer Gegenwart den Glauben leben können. Im Blick auf Jesus damals und im Blick auf heute soll das Anliegen Jesu deutlich werden.

Jesus spricht im Johannesevangelium davon, dass in seinem Tun und Weg Gott verherrlicht und als wahres Leben veröffentlicht wird. Und umgekehrt: In dem, was Gott tun wird, wird Jesus verherrlicht, zum Strahlen gebracht, kommt deutlich zum Vorschein, was Gottes innerstes Anliegen ist: dass die ganze Welt zum Strahlen kommt. Dazu wird Jesus eine Welt betreten, die die Jünger noch nicht betreten können. Das bedeutet einen tiefen Einschnitt. Jesus geht weg, er ist fortan nicht mehr da. Es ist ein wirklicher Abschied. Gewiss kündigt er an, dass er wiederkommen und die Jünger zu sich holen wird. Doch jetzt gilt eindeutig und schmerzhaft: Die Jünger sollen in dieser konfliktreichen Welt bleiben, sie sollen sich nicht aus der harten Realität hinweg stehlen.

Der Weg zur Herrlichkeit Jesu führt nicht an den Gegebenheiten dieser Welt vorbei. Seine Ausstrahlungskraft blendet nicht das Dunkle der Gegenwart aus, im Gegenteil. Um das zu unterstreichen, wird das Liebesgebot an den Anfang des Testamentes Jesu gesetzt: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.

Fußwaschung

Das ist Jesu Hinterlassenschaft, sein Testament für seine Gemeinde in dieser Welt. Darin ist und bleibt er gegenwärtig. Wie er die Seinen geliebt hat, so können und sollen sie füreinander einstehen. Deswegen sagt er: Begreift, was ich in der Fußwaschung an euch tue. Ihr werdet mich kennenlernen als den, der sich am Karfreitag aus der Hand gibt und verausgabt - wie ein Brot, das in eine geöffnete Hand gelegt wird, ja, in euer Leben hineingelegt wird. Lasst euch das langsam auf der Zunge zergehen, wie nahe ich euch komme, wie sich meine Liebe fortpflanzen will in euch.

Immer wieder bietet er uns das Geschenk seines Testamentes in dieser Nacht an. Sie geht nie zu Ende, die einfache Wahrheit, dass er uns so liebt, damit wir seine Liebe annehmen - ohne sie ihm zurückzugeben. Denn diese Gabe können wir nicht "auf gleicher Augenhöhe" erwidern und entsprechend zurückerstatten. Immer wieder hält er sich mir hin, auch wenn ich unersättlich und zugleich so satt bin – damit ich die Widerstandskraft gegen die Verwandlung aufgebe, damit mit mir etwas passiert.

In den Spannungen des Alltags

Liebe ist hier nicht romantische Verliebtheit, sondern Geschwisterdienst bis zum Äußersten, ja Sklavendienst, wie die gerade zuvor erzählte Fußwaschung veranschaulicht. Liebe ist tätiger und konsequenter Einsatz zugunsten der anderen – eben nach Seiner Art. Diese Liebe soll das Aushängeschild und das Gütezeichen der Christen sein.

Die Christen sollen nicht davon träumen, dass sie bald "im siebten Himmel" sind. Nein, mitten in den Spannungen des Alltags sollen sie das neue Gebot, den ersten Satz des Testamentes Jesu, leben. Das ist ihre Gabe und ihr Auftrag. Indem sie sich das vom gekreuzigten Auferstandenen sagen lassen und sich seiner Liebe erinnern, können sie den Mut zum nächsten Schritt finden und ihr Durchhaltevermögen stärken. Selbst von Christus geliebt, können und sollen sie aus der Liebe leben. Auf diesem Weg kann ihre Strahlungskraft wachsen – auch in schwierigen Zeiten.

Ausstrahlungskraft

Unter den Christen ist es bis heute eine Gefahr, dass sie gleich nach außen wirken wollen, ohne sich lange und genau genug um das Innenleben der Einzelnen, der Gemeinden und Kirchen zu kümmern. Dann geht es nicht so zu, wie es der Fußwaschung durch Jesus entspricht. Die Gefahr ist groß, dass dann das Testament Jesu verfälscht, ja auch ruiniert wird. Würden die Christen untereinander die Ausstrahlungskraft Jesu und seines Gottes genauer ablichten, dann brauchten sie sich um die Ausstrahlungskraft nach außen keine Sorgen zu machen. Viele Menschen bewahren das Testament Jesu, ohne dass sie ausdrücklich religiös leben. Und sie haben eine stille Ausstrahlungskraft. Darin sind sie Jesus nahe.

Die Ausstrahlungskraft Jesu ist das, was zutiefst Gott entspricht: die Würde und Unversehrtheit eines jeden Menschen zum Leuchten zu bringen. Was Jesus will und was Gott entspricht, hat eine grenzenlose Reichweite. Wird das in unsere Gegenwart hereingeholt, wird seinem Testament Gehör verschafft, dann wirkt weiter, was allein die Welt verwandeln kann: Liebe nach Gottes Art.

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