
"Und mag das Alter noch so viele Spuren hinterlassen haben, Dankbarkeit und Güte machen Menschen jeden Lebensalters schön."
Von der alltäglichen Schönheit des christlichen Glaubens (3)
Faszinierend und liebenswert
"Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt. Aufstehen will ich, die Stadt durchstreifen. ... Ich fand ihn, den meine Seele liebt. Ich packte ihn, ließ ihn nicht mehr los." (Hld 3,1f.4) So spricht die Braut, und der Geliebte antwortet: "Schön bist du, meine Freundin, ja schön bist du. ... Verzaubert hast du mich, ja verzaubert mit einem Blick deiner Augen." (Hld 4,1.9) So reden Liebende im Hohenlied des Alten Testaments, einer Sammlung von Liebesgedichten, welche die Urgewalt des Eros, seine leidenschaftliche Sehnsucht und das Verlangen nach Vereinigung besingen. Liebende können nicht genug davon bekommen, die Schönheit des Anderen zu preisen. Immer neue Bilder und Vergleiche fallen ihnen ein, mit denen sie den Anderen schmücken. Liebe macht erfinderisch.
Was macht einen Menschen schön? Zu den Schönheitskriterien der Werbung gehören Körpermaße und Gewicht. Jugendlichkeit und Sportlichkeit sind ebenfalls wichtig. Bei den Frauen zählen die Idealmaße, wohingegen bei Männern eher an Muskeln und Sportlichkeit gedacht wird. Mit diesen Bildern arbeitet die Werbung, und die Schönheitsindustrie profitiert davon. Zu ihren Kunden gehört auch eine alternde Klientel, die dem Schönheitsideal der Jugendlichkeit nachläuft, was oft einfach komisch ist und manchmal zwanghaft wirkt, wenn das Alter damit kaschiert werden soll.
Liebe auf den ersten Blick
Was macht einen Menschen schön und liebenswert? Sicher spielen Schönheitskriterien bei Verliebten eine wichtige Rolle. Aber sind sie entscheidend? Offensicht nicht. Denn dann müssten zahllose Liebenden, die nicht dem Schönheitsideal der Werbung entsprechen, todunglücklich sein. In Wirklichkeit sind es nicht ein Idealmaß, das über die Schönheit entscheidet, sondern die Liebe, die im Gegenüber Faszinierendes und Liebenswertes entdeckt. Es ist die Liebe auf den ersten Blick. Ansonsten gleichgültige Blicke zweier Menschen begegnen sich. Wer sich verliebt, entdeckt im Antlitz des Anderen die Freude, geliebt zu sein und die Liebe zu erwidern. Diese Erfahrung macht Liebende füreinander schön, nicht nur solange sie jung, sportlich und sexy sind, sondern auch am Abend des Lebens, dann, wenn das Begehren der Güte und Dankbarkeit gewichen ist. Und mag das Alter noch so viele Spuren hinterlassen haben, Dankbarkeit und Güte machen Menschen jeden Lebensalters schön.
Das Hohelied des Alten Testaments, das die irdische Liebe zwischen Mann und Frau besingt, ist schon in frühester Zeit als mystisches Gedicht verstanden worden. Franz Rosenzweig, ein jüdischer Religionsphilosoph hat es so gesagt: "Die Liebe kann gar nicht ’rein menschlich’ sein. Indem sie spricht - und sie muss sprechen, ... Wird sie schon ein Übermenschliches; denn die Sinnlichkeit des Wortes ist übervoll mit göttlichem Übersinn; die Liebe ist, wie die Sprache selbst, sinnlich übersinnlich."
Für den Glauben ist die Liebe eine von Gott geschenkte Kraft. Sie will das unbedingte Wohl des Anderen, dass er oder sie es schön und gut hat, und sie wünscht in der Tiefe des Herzens, dass der Andere nicht sterben darf. Die Zweierbeziehung öffnet sich nicht allein auf Gott hin, sondern auf Kinder und Freunde, nicht zuletzt den Armen und Bedrückten, und am Ende immer wieder auf den geliebten Partner. Allen Krisen, Enttäuschungen und Verlusten zum Trotz bleibt die Liebe davon überzeugt, dass es besser ist zu lieben als zu hassen. Ihr letzter Halt ist der Glaube, dass Gott die Liebe ist, dass seine Barmherzigkeit größer ist als alle Schuld und seine Liebe stärker als der Tod.
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