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25.05.2012
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Das Kolosseum in Rom.

Das Kolosseum in Rom.

Geistliche Impulse von Hermann-Josef Silberberg zur Fastenzeit: Nachfolge (6)

Jetzt fange ich an, ein Jünger zu werden

Er hätte ins Neue Testament gepasst. Vielleicht kannte er Johannes noch persönlich. Um 110 starb er den Märtyrertod in Rom: Ignatius von Antiochien (heute: Antakya), ein Mann der frühen Kirche, die erst 50 Jahre alt war, angesehener und höchst kultivierter Bischof von Antiochien, einer Metropole der damaligen Welt.

Auf seiner letzten Reise verfasste er sieben bedeutende Briefe "von johanneischer Art und mystischer Erfahrung und Heiligkeit gezeichnet" (A. Hammann / A. Fürst).
Er muss auf dem Weg der Nachfolge schon weit gewesen sein: "In mir ist kein Feuer mehr, das nach Materie greift." Keine Kompromisse konnten ihn von seiner spirituellen Ausrichtung abbringen. Für ihn gab es nur noch diese eine Leidenschaft, aber nicht jenseits der Menschen und Gemeinden Kleinasiens, vor allem bemüht um die Einheit von Klerus und Laien. Drei Charakteristika seines Wirkens werden hervorgehoben:

- "Er liebte die Menschen genug, um sie korrigieren zu können, ohne sie zu verletzen."
- "Was Ignatius zur Meisterschaft verhalf, ist die Geduld. Gern redete er von ihr, und sie kennzeichnete ihn."
- "Über die Verantwortung für die anderen hat er nicht verlernt, sich selbst zu durchschauen." (s.o.)

Der Mitschüler

Solche Sätze bewegen mich, seine sieben Briefe noch einmal beschaulich zu lesen. Hier ist ein Bischof, der darum ringt, "ob es ihm gelingt, ein wahrer Jünger zu werden" (Brief an die Epheser). Er hält sich nicht für "jemand", sondern für einen "Mitschüler": "Ich bin einstweilen nur ein Anfänger in der Jüngerschaft" - "Ich weiß wohl, wer ich bin, auch wenn ich schreibe." Alle sollten gemeinsam darauf bedacht sein, "Nachahmer des Herrn zu sein".

Ignatius ist davon durchdrungen, "nur in Christus zum wahren Leben zu gelangen", und bezeichnet ihn als unser "unerschütterliches Leben" (ebd.): Ein Christusbild aus der Frühzeit der Kirche!

Wir können von Gott reden und von ihm schweigen: In beiden Fällen die gleiche Voraussetzung: "Von Gott herkommen."

Ignatius ist ein Mann spiritueller und seelsorglicher Praxis: "Besser ist Schweigen und Sein als Reden und Nichtsein. Gut ist das Lehren, wenn man tut, was man sagt... Wer Jesu Wort wahrhaft besitzt, kann auch sein Schweigen vernehmen, um so vollkommen zu sein: Durch sein gesprochenes Wort wirkt er, und an seinem verschwiegenen wird er erkannt." (ebd.)

Ignatius, der auch Gott-Träger heißt

So beginnt er selbst jeden seiner sieben Briefe. An Magnesia in Kleinasien richtet er den Appell: "Es ziemt sich also, sich nicht nur Christ zu nennen, sondern es auch zu sein." Sein eigenes Amtsbewusstsein: "Nichts ohne den Bischof!"

Vielfach beschwört er die Einheit mit dem Episkopus wider alle Spaltungstendenzen und die Gefahr, "an den Angelhaken des Hochmuts zu geraten". Als "Verfechter des neuen christlichen Radikalismus" (U. v. Balthasar) und als einer der ersten Zeugen der nachbiblischen christlichen Tradition drängt es ihn immer wieder zu "wahrer Jüngerschaft": "Werden wir echte Jünger und lernen wir, dem Christenwesen entsprechend zu leben" (a.a.O.). Die Unterscheidung der Geister führte auch damals schon zur Schärfung des Eigenprofils im Lebensvollzug.

Er sieht sich selbst als ein "Nichts". Seine Mahnungen an die Magnesier schließt er mit den Worten: "Ich weiß, dass ihr von Gott erfüllt seid und euch nicht aufbläht."

Am eindringlichsten - seine Botschaft an die Römer (er befindet sich ja auf dem Weg nach Rom), den "Vorsitzenden der Liebe". Vor ihnen möchte er sich als Christ bewähren:

- "Lasst mich ein Fraß der Bestien sein; durch sie wird es mir möglich, zu Gott zu gelangen. Weizen Gottes bin ich. Und durch die Zähne der Bestien werde ich gemahlen, damit  aus mir reines Brot Christi werde."
- "Erst dann werde ich in aller Wahrheit Christi Jünger sein, wenn die Welt nicht einmal mehr meinen Leib sehen wird."
- "Jetzt lerne ich als Gefesselter, nichts mehr zu begehren."
- "Jetzt fange ich an, ein Jünger zu sein."
- "Lass mich reines Licht empfangen. Wenn ich dort angelangt bin, dann werde ich Mensch sein."
- "Nicht länger will ich nach Menschenart leben."

Das glühende Zeugnis eines "Nachahmers Christi". Er nannte Jesus den "lügenlosen Mund" und  die "Tür zum Vater". - Vielleicht auch angemessene Jesustitel für die Gegenwart!

Ignatius teilt die Sicht des Paulus: Schicksalsgemeinschaft mit Jesus bedeutet immer auch Nachfolge im Leiden. Es ist weit mehr als ein aszetisches Programm.

Komm, gehen wir

So ein Buchtitel von Arnold Stadler. Unsere Reaktionen auf den großen Christuszeugen Ignatius mögen ähnlich sein, doppeldeutig: Folgen wir ihm oder gehen wir weg, weil uns das alles zu "steil" ist?

"Vielleicht ist es einfacher, einen Liebesroman zu schreiben als zu lieben oder zu leben" (A. St.). Wir könnten variieren:

"Vielleicht ist es einfacher, die Jüngerschaft anderer wortreich zu preisen, als sich selbst in die Spur hinter Jesus her zu begeben, und das unter den gegenwärtigen Bedingungen." - "Lieber den anderen beim Leben zusehen" (ebd.) - also auch beim radikalen Christenleben? Gern die Glaubensgewissheit derer bestaunen, die einen eigenen Weg wagen und nicht nur von Gewissheiten aus zweiter Hand leben, den institutionellen Halt im Nacken?

"Komm, gehen wir" - weg oder IHM nach? Anfangen, ein Jünger, eine Jüngerin zu werden?
Die alte Petrusfrage: "Herr, zu wem sollen wir gehen?" (Joh 6,68), führt  nicht zu  eindeutigen Antworten, wenn nicht der Glaube tief verwurzelt ist: "Du hast Worte ewigen Lebens!" Unüberhörbare Worte, keine vorhersehbare Sätze!
Was führt uns zur "Besinnung"? Wie schaffen wir tief greifende Veränderungen eingespielter Gewohnheiten, die "dem Weg" entgegenstehen?
Einschnitte, Unterbrechungen oder "finale Krisen"?
Ignatius wird wie schon Petrus die Initiative aus der Hand genommen. Auch Paulus wird als "Gefangener im Herrn" geführt, wohin er soll.
Alle erreicht der Ruf des Auferstandenen. Das "Komm, gehen wir" bekommt jetzt einen eindeutigen Klang.

Wer dafür ansprechbar ist, wird nicht gleich zum Märtyrertum gedrängt. Viele glaubwürdige Zeugen des Wegs Jesu finden auch nur leise Worte für das, was mit ihnen geschieht oder geschehen ist, wie sie dem Ruf "Steh auf" oder "Wirf die Netze aus" - trotz allem - schrittweise gefolgt sind. Auch Scheitern gehört ja zu den Merkmalen christlicher Schulungswege.

Schon Petrus hatte einen ersten Dämpfer bekommen: "Wohin ich gehe, kannst du mir nicht folgen, du wirst mir aber später folgen." (Joh 13,36)
Das jeweilige Maß der Nachfolge bestimmt der Herr. Paulus beschreibt seinen Weg nie als Nachfolge, wohl aber als "In Christus Sein".
In den ersten Jesuszeugen begegnet uns die Radikalität der Ursprünge und "die Wucht der Jesuszeit" (v. Balthasar).
Wer sich Jesus auslieferte und ausliefert, versteht, was es heißt:

 - "in seinem Wort zu bleiben",
 - "den Glauben zu bewahren",
 - "die Wahrheit zu tun".

Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich auf ihn höre wie ein Jünger (Jes 50,4).
Der Urheber und Vollender des Glaubens (Apg 12,2).

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  4. undefinedAusgewählte Impulse von Hermann-Josef Silberberg in Buchform

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