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25.05.2012
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Du hast nicht stark genug gebrannt.

Geistliche Impulse von Hermann-Josef Silberberg zur Fastenzeit: Nachfolge (5)

Du hast nicht stark genug gebrannt

Der Schriftsteller Sandor Marai (gest. 1989) notierte in einer Gerichtsvision die strengen Worte eines Engels: "Du hast nicht stark genug gebrannt! Verstehst du?" - "Brennen soll ich, so meine Frage: und plötzlich begreife ich, dass er recht hat" (in: Die vier Jahreszeiten, 2009).

Unser Gott ist ein verzehrendes  Feuer

Wir kennen Menschen, die einschüchternd wirken oder wirken wollen: Scheinautoritäten, die klein machen und Angst verbreiten. Nicht so unser Gott. Seit Jahrhunderten beten wir zu ihm: "Du neigst dich mir zu und machst mich groß. Du schaffst meinen Schritten weiten Raum" (Ps 18,36).

Daneben aber die alte orientalische Bildsprache vom verzehrenden Feuer: "Wer kann bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer im Schmelzofen und wie die Lauge im Waschtrog" (Mal 3,2). Gerichtsreden. Nichts vom lieben Gott unserer Vorstellungen.

Aber wer möchte am Ende oder jetzt schon in ein verzehrendes Feuer (Dtn 4,24 oder Jes 33,14) hineingeraten? Feuer - ein Bild des göttlichen Gerichtes, aber auch gnädiger Heimsuchung und Führung (Feuersäule). Jahwe - unnahbar, geheimnisvoll und heilvoll zugleich.

Wir kennen auch Menschen, deren bloße Gegenwart für ins krisenhaft wirkt, nicht einschüchternd, aber klärend, reinigend und zugleich heilend.

Die Kraft und Glut ihrer Nähe stoppt unser schnelles Reden. "Wahrheit" fordert Wahrhaftigkeit. Jesus muss diese Wirkung gehabt haben, wie die Evangelien bezeugen, auch ohne viele Worte. Mit dem Anbruch des Reiches Gottes durch Jesus war auch die Vorstellung eines eschatologischen Gerichtes (s. Johannes der Täufer), einer Feuertaufe verbunden.

Überliefert sind Worte, die auch die andere Seite des Friedensbringers zeigen: "Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen" (Lk 12,49)! Jesus ist selbst dieses Feuer Gottes, der "wandelnde Dornbusch". Ein außerbiblisches Jesuswort lautet: "Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe".

Gott ist nicht harmlos. Wer in seine Nähe gerät, weiß es. Jünger und Jüngerinnen haben diese Gottesahnung in sich. Das Gottesgeheimnis ruft Gottesfurcht hervor. In einer syrischen Handschrift ist der Satz überliefert: "Wer sich mir nähert, nähert sich dem Feuer. Wer sich von mir entfernt, entfernt sich vom Leben."

Gläubige machen auch diese Erfahrung: Wer auf "Jesus -Distanz" geht, entfernt sich vom Leben Gottes. Vielleicht hat er Angst vor den Brennprozessen im Lichte seiner Heiligkeit. Oder Angst vor Nähe? Gott auf Distanz halten? Angst vor dem, was möglich wäre? Ängstlich sein Leben festhalten? Angst vor dem Nadelöhr? Sein Leben, seine Vorstellungen von Gott zu verlieren oder die von Menschen aufgeben zu müssen? Das hieße auch, sich Gott und Menschen nicht wirklich auszusetzen, sie auf Distanz zu halten, solange es geht.

Sehnsucht nach anderem Leben, nach Verwandlung, aber bitte schmerzfrei und "light".

Plötzlich begreife ich, dass er Recht hat

Und der Betroffene meint noch einen Nachsatz des Engels zu hören: Brennen, verbrennen, im Leben, in der Freude, im Glauben, in der Leidenschaft.

Menschen können voller Initiativkraft, von persönlichem Engagement oder von drängendem Aktivismus bewegt sein. Wenn ihre innere Motivation egobesetzt ist, wirken alle gut gemeinten Aktionen wie freudeloses Lachen. Ihr Herz brennt nicht wirklich. Sie sind unfähig, sich fallen zu lassen und hinzugeben, liebesunfähig aus Angst, sie könnten sich verlieren.

Zwar immer neue persönliche Versuche und Anläufe zum kleinen Glück. Durchaus dosierte Einsätze für andere, wenn wir gebraucht werden. Auch aus gläubiger Motivation viele kleine, oft unscheinbare Gesten von Zuwendung zu Menschen und Hinwendung zu Gott, aber nicht "dieses Brennen":

Dieses Brennen
frei
setzen wollen wir uns
auf keinerlei Stein
und klagen nur
an keinerlei Ufer
verlassen doch täglich
das Alte das Neue
für dieses
Brennen
wie du.
(Katharina Schuth: Zum Tode von Karl Rahner 31. 3. 84)

Widerschein des Lichtes

Vom "Licht der Welt"-Erfasste, Jünger und Jüngerinnen im Bannkreis Jesu werden umgeformt. Sie leuchten wie Geliebte, wissen es aber nicht. Sie sind in einen "Raum der Gnade" geraten. Schon von Moses wurde Ähnliches berichtet nach seiner Gottesbegegnung am Horeb.

Innerlich erfüllt und geprägt vom "Beziehungsglück" umgibt sie eine Lichtaura. Brennen kann nur, wer in die Nähe des Feuers gerät.

Unser Defizit in dieser Hinsicht, d. h. der geringe Widerschein göttlichen Lichtes auf vielen Gesichtern, ist Ausdruck mangelnder Nähe, vielleicht  einer "Nachfolge auf Sparflamme". Wir sprechen zwar noch von der "Glut unter der Asche", wenn "das Feuer der ersten Liebe" (vgl. Jer 2) erloschen ist, ziehen daraus aber wenig praktische Konsequenzen für unsere spirituelle Formung.

Wir werden durch das Gerichtswort des Engels persönlich gestellt: "Du hast nicht genug gebrannt!" - Konntest du, wolltest du nicht? - Psychische Verfassung, Lebensumstände, chronische Herzensträgheit, andere, die dich daran hinderten, einen gläubigen Lebensstil zu pflegen?

Oder "brannte  unser Herz nicht", weil wir nie das Gefühl erlebt haben, dass "Er unterwegs mit uns redete?", seine Stimme uns auf Umwegen auch nie wirklich erreichte in unserm traditionellen Gewohnheitschristentum?

Christozentriker und intensive Jesusleute verweisen nicht auf ihre eigenen frommen Kraftanstrengungen. Sie brennen, weil sie ergriffen wurden.

Ihr Kraftquell ist nicht eine zwischenmenschliche Beziehung oder ein therapeutischer Reinigungsprozess. Sie können auch nicht vor Gott bestehen, weil sie besonders standfest oder selbstmächtig sind. Im Gegenteil: Alles, was sie vorweisen oder vor Gott in der Hand halten konnten, geriet in einen Brennprozess, wenn es  "vor sein Angesicht" kam. Sie waren dem Feuer einer letzten Läuterung ausgesetzt - von Ijob bis Paulus und zu allen künftigen "Geheiligten". Sie haben bereits in diesem Leben erfahren: "Wie durch Feuer hindurch werden wir gerettet" (s. 1 Kor 3,13-15).

Im Lichte Gottes wird alles offenbar. Niemand muss erklären, weshalb er nicht gebrannt hat. Gott braucht keine Argumente zur Entlastung oder Rechtfertigung. Christen vertrauen darauf, dass sie hinter allen Gerichtsworten und durch alle Brennprozesse hindurch der Ruf Jesu erreicht:

Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn (Mt 25,23)!

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Text: Öffnet internen Link im aktuellen FensterHermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
19.03.2010

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