
"Aber wollen wir nicht alle, dass einmal all den ungerecht Verurteilten, all denen, die ein Leben lang gelitten haben und aus einem Leben voller Leid und Tod gehen mussten, Gerechtigkeit widerfährt?"
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Umkehr und Gericht
"Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken? Wem künd ich mein Entzücken, wenn freudig pocht mein Herz?" - Manche von Ihnen erinnern sich noch an das Eingangslied der Deutschen Messe von Franz Schubert, jenen Gesang, der glücklich und traurig zugleich macht: Wohin soll ich mich wenden? Mit wem kann ich mein Leid und meine Freude teilen? Wo bin ich zuhause?
Machen wir uns nichts vor: Die sehnende Suche bleibt ein Leben lang, und oft geht sie ins Leere, verrennt, verläuft, vergeht sich, verfehlt sich. "Wohin soll ich mich wenden?" Doch wenn nichts mehr geht außer: "Zurück!", dann strengt das schon vor der Kehrtwende an. Wer geht schon gern den zurückgelegten Weg noch einmal, und sei es nur ein kurzes Stück? Womöglich hat auch die Fastenzeit, die Bußzeit, die Umkehrzeit in der Tat diesen Klang, der zu Unrecht an Last und Lästigkeit gemahnt, weil da Holzwege einzugestehen wären und der Weg zurück womöglich als Rückschritt vorkommt. Bei genauerem Hinsehen aber geht es um mehr.
Umkehr und Wende – zwei Wörter, die im Lateinischen "conversio" heißen. Ein Wort, eine Aussage, zwei Klänge. Denn wo in der Umkehr die Mühsal des Rückwegs in die Beine fährt, sehen die Augen in der Wende schon die Hinwendung zum neuen Ziel. Benedikt von Nursia, der weise Vater der Mönche, sagte vor 1500 Jahren, dass eigentlich das ganze Leben der Mönche ein Leben in der "conversio", in der Umkehr, der Wende sei. Und entsprechend spricht er vom Lebens-Wandel, von der "conversatio". Wende, Wandel und Wandlung – diese Grundbewegungen des Lebens sind in den 40 Tagen der österlichen Bußzeit verdichtet: dass die Mühsal der Umkehr sich wandeln mag zur Müh-Seligkeit der Wende: ein Lebenswandel, stets zuhause in der Zuwendung Gottes.
Wie gelingt diese Wende, diese Umkehr, was ist Buße? Nicht zuerst die Tat, sondern in tiefer innerer Wandel – zu einem Glauben, in dem Sünde nicht ohne Barmherzigkeit zu denken ist, nicht ohne die göttliche, grenzenlose Barmherzigkeit, die lautere Liebe ist. Weil die Schuld dem Menschen in der Haut steckt und weil diese Schuld jedem durchaus in tiefster Ehrlichkeit bewusst ist, kann er sich – wenn er nicht in desaströser Hoffnungslosigkeit vergehen will – nur der Liebe Gottes anvertrauen. Davon bin ich fest überzeugt. Und ganz grundsätzlich gilt die Erkenntnis des großen Theologen Karl Rahner: "Ein absolutes Urteil über eine wirkliche Schuld im bestimmten Einzelfall ist dem Menschen nicht möglich." Und: "Man kann nicht selber Schafe und Böcke eindeutig unterscheiden, man kann das Weltgericht Gottes nicht vorwegnehmen."
Das aber ist der große Ernst und Anspruch des Christlichen – dass es ein Gericht geben wird. "Wird da nicht doch wieder Angst gemacht?", fragte kein Geringerer als Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch 2006 in Deutschland. Und er führte aus: "Aber wollen wir nicht alle, dass einmal all den ungerecht Verurteilten, all denen, die ein Leben lang gelitten haben und aus einem Leben voller Leid und Tod gehen mussten, Gerechtigkeit widerfährt? Wollen wir nicht, dass am Ende das Übermaß an Unrecht und Leid, das wir in der Geschichte sehen, sich auflöst; dass alle am Ende froh werden können, dass das Ganze Sinn erhält? Diese Herstellung des Rechts, diese Zusammenfügung der scheinbar sinnlosen Fragmentstücke der Geschichte in ein Ganzes hinein, in dem die Wahrheit und die Liebe reagieren: Das ist mit Weltgericht gemeint. Der Glaube will uns nicht Angst machen, wohl aber zur Verantwortung rufen." Soweit Papst Benedikt.
Um Ermutigung also geht es, um die Ermutigung, dem guten Grund – in mir und im anderen – zu trauen, sich ihm zuzuwenden und daraus zu leben. Deshalb: Wo der Glaube zur Umkehr ruft, zur Abwendung von der Absonderung von Gott und dem Nächsten, da bewegt er den Menschen zum äußersten Ziel seiner Sehnsucht – zur Umkehr in das, woher er stammt: ins Gute, in das Vertrauen, grundsätzlich von Gott gutgeheißen zu sein. Und dann heißt Buße: Aufbruch nach zuhause.
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