
"Der Apfel: Symbol der Verführung , des Endes eines paradiesischen Lebens und des Anfangs sehnsüchtiger Suche."
Geistlicher Impuls zur Fastenzeit: Die sieben "Todsünden" (5)
Wollust
Lassen Sie uns über Sex reden. - Nicht so gerne? Lieber über "Wollust" oder "Fleischeslust"? Das klingt nicht ganz so schlüpfrig, nicht ganz so unheimlich – aber, seien Sie ehrlich, auch ein bisschen wie von einem anderen Stern. Es gab es Zeiten, und die sind noch gar nicht so lange her, da hatte man den Eindruck, es gäbe kaum ein anderes Thema in der Kirche, weil hochoffizielle Verlautbarungen sich viel und gern um die Themen Verhütung und vorehelicher Geschlechtsverkehr drehten; ein Journalistenkollege von mir, ein altgedienter, kirchenfreundlicher Moderator des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, machte sich damals im privaten Gespräch in der Hannoveraner U-Bahn ernsthaft Sorgen, die katholische Kirche könnte zu einer Art "Unterleibsreligion" verkommen. Und dann kam, Gott sei Dank, Benedikt XVI. und seine erste Enzyklika "Deus caritas est" - ein Hoheslied auf die Liebe.
Dennoch: Bis heute steht im Katalog der sieben so genannten "Todsünden" die "Wollust". Ohnehin denken die allermeisten Menschen, wenn sie nur das Wort "Sünde" hören, als erstes an eben das, was man sich so unter "Wollust" vorstellt. Und so kommt es, dass die berüchtigte "sündige Meile" die Gegend mit den roten Laternen ist statt zum Beispiel das Börsenviertel.
Wie auch immer: Auch wenn es Jahrhunderte brauchte, bis die Kirche in der Leidenschaft auch die Liebe entdeckte – wenn man genau hinschaut, dann verteufelt die so genannte "Todsünde" der "Wollust" auch reichlich mehr als reine Lust. Im Lateinischen steht da nämlich "luxuria", was auch "Genusssucht" heißen kann. "Luxuria" - da klingt freilich auch Luxus mit, also "Übermäßigkeit" und Besitz über die Maßen. Dieser Begriff "Luxuria" ist aber auch verwandt mit einem Begriff aus der Medizin, nämlich mit dem der "Luxation", von der Orthopäden sprechen, wenn ein Gelenk ausgerenkt ist. Will sagen: Da ist etwas sehr Natürliches an eine Stelle verschoben, die die Natur nicht dafür vorgesehen hat.
Und genau mit dieser wunderbaren Wortverwandtschaft nähern wir uns dem Grund dessen, was "Wollust" zur "Todsünde" macht: Wo Sexualität die Liebe zu einem anderen Menschen "verrenkt" und ihn zum puren Mittel meiner eigenen Befriedigung macht – da wird die Sache schief, weil ich diesen Menschen nicht mehr als selbstbestimmten, liebenswerten und liebenswürdigen Menschen wahrnehme, sondern als einen, der für die Befriedigung meiner Bedürfnisse da zu sein hat.
Darum ist das Sündige daran nicht die Sexualität, sondern vielmehr die Tatsache, dass die Lust vor der Würde steht – und nicht die Liebe, die ich doch selber zutiefst ersehne und brauche zum Leben! Das gilt zweifelsfrei nicht nur für den Umgang mit Frauen und Männern, denen Prostitution in vielerlei Erscheinungsformen als die einzige Chance auf ein besseres Leben verkauft wurde, das gilt ebenso für jene Menschen, die aus dem Bedürfnis nach Nähe Geld machen, das gilt allemal für den sexuellen Missbrauch innerhalb von Ehe und Partnerschaft und ganz besonders für den sexuellen Missbrauch von Kindern.
Ganz ehrlich: Kaum eine andere Institution als die Kirche und ihre Verkündigung eben dieser Botschaft Jesu setzt sich dermaßen dafür ein, der Liebe als der größten Sehnsucht und der größten Kraft des Menschen endlich wieder mehr Raum zu geben. Zweifellos geht es dabei um mehr als um das Verbot von Kondomen, um mehr als die Verdammung außerehelicher oder gleichgeschlechtlicher Liebe. Eben darum wünschte ich mir von allen Seiten eine tiefer greifende und weitherzigere Betrachtung. Aber ich bin zutiefst froh, dass es eine Stimme gibt, die hinter allen überbordend-alltäglichen Verführungen zu kurzfristigem Glück an die ewige Sehnsucht jedes Menschen erinnert: an die Liebe, die so viele Menschen suchen und die so viele Menschen mit der banalen, allenthalben zu erlangenden, schnellen Befriedigung eines Bedürfnisses verwechseln. Denn Liebe ist doch vor allem dies: göttlich, das Höchste, der Superlativ des Lebens und das Grundlebensmittel Nummer eins. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Rede ist nicht nur davon, geliebt zu werden – sondern selber lieben zu dürfen. Das ist das größte. Das größte Geschenk Gottes.
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Berufung: Angenommen, Jesus würde heute durch die Straßen ihrer Stadt, ihres Ortes gehen und zu Ihnen sagen "Komm, folge mir nach!" - wie würden Sie reagieren?
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