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11.02.2012
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Du aber - gerade du - wenn doch auch du.

"Du behauptest: Ich bin reich und wohlhabend (Hos 12,9) und nichts fehlt mir. Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt."

Geistliche Impulse von Hermann-Josef Silberberg zur Fastenzeit: Nachfolge (3)

Du aber - gerade du - wenn doch auch du

"Sind, die das Geläut der Stille hören, anvertraut der Ankunft einer fernen Huld" (Martin Heidegger)? – Romantische Poesie eines Philosophen? Vorbiblische Ahnung von einer letzten Zugehörigkeit? Nur sprachlich gestelzte Allerweltsfrömmigkeit ohne praktische Konsequenzen?

Gott hat auch den Heiden die Umkehr zum Leben geschenkt (Apg 11,21): Umkehr zum Leben hieß damals Hinwendung zu Christus. Philosophen aller Zeiten wehrten sich dagegen, in der Person Jesu die "Ankunft einer fernen Huld" zu sehen, absolut verbindlich und letztgültig: eine Zumutung, eine historische Engführung und ein Ärgernis – dieser Anspruch!

Der Weg zu Gott führt über den Glauben an Jesus als "dem Weg". In seiner Person hat sich der jüdische Heilsweg der Thora letztgültig verdichtet. Hinter ihm her erschließt sich die Wahrheit Gottes. Er öffnet den Zugang zum wahren Leben (s. Joh 14,6).

"Das Geläut der Stille zu hören", ermöglicht es Philosophen, weiterhin in feinsinniger Distanz zu bleiben oder sich allkosmisch einem unbestimmten Göttlichen verbunden zu fühlen.

Der Aufprall der Worte

Die Worte "im Namen des Herrn" - prophetische Botschaften - sind in der Regel direkt und herausfordernd. An die Gemeinde in Laodizea ergeht das Wort: "Mach ernst und kehr um" (Offb 3,19)! – Wie am Anfang der Evangelien.

Wir sind es gewohnt, solche und andere biblische Botschaften historisch einzuordnen und dadurch auch zu entschärfen. Der Aufprall der Worte könnte aber auch uns persönlich treffen. Vor allem die Rede Jesu, wie sie uns überliefert wurde: "Du aber, geh und verkünde das Reich Gottes" (Lk 9, 60). Der Angesprochene reagiert auf die Wucht dieser Worte ausweichend elastisch. Er hat seine berechtigten Einwände gegen den Appell "Folge mir nach", "zuerst den Vater beerdigen" (9,55) - bekanntlich damals eine heilige Pflicht.

Aber "Reich Gottes verkündigen" - was wäre das heute, für mich und in meiner Lebenssituation? Und schon gehen wir etwas auf Distanz: "Was ist das überhaupt - Reich Gottes?" Ich habe schon so viel darüber gesprochen, gepredigt, diskutiert und geschrieben. Bin ich überhaupt tauglich dafür? Kann ich es je adressatengerecht nahe bringen? Soll das "Du aber geh" mich überhaupt erreichen? Ist es nicht eingebunden in die einmalige heilsgeschichtliche Situation: "Er rief, die er wollte" (Mk 3,14)? Und: Erst das Reich Gottes, dann alles andere?

Das kommt meiner Neigung, alles auszubalancieren und mich herauszureden, wo ich gestellt werde, nicht gerade entgegen.

Um den Brunnen herumgehen

Der Impuls "Du aber geh" kann sich in unserm Lebensplan verhaken und unvermittelt immer mal wieder auftauchen. Es wirkt störend in einem soliden bürgerlichen Christenleben. Wir können uns nie in Ruhe zurücklehnen, wenn wir "seine Stimme hören". Eingespielte Harmoniefassaden bekommen Risse, wenn der göttliche Ruf durchdringt. Wir bleiben nicht auf Bildschirmdistanz. Oder doch?

Gott spricht uns auf vielerlei Weise an, direkt im biblischen Wort und über Ereignisse, Krisen und Glücksmomente, in denen uns bewusst wird: Nichts ist selbstverständlich!

Schon lange geht mir ein außerbiblisch überliefertes Wort Jesu nach: Viele gehen um den Brunnen herum, und keiner schöpft aus ihm. Warum wagst du nichts auf meinem Wege?

Ausgegossen ins Vielerlei, ohne besondere Höhen- oder Tiefenerfahrungen und ohne das Gefühl, uns könnte Wesentliches fehlen, lässt sich anscheinend ganz gut leben. Manchmal vielleicht etwas aktivistisch zerfasert und "besinnungslos" im Einsatz oder eben lethargisch die Dinge laufen lassen, weil wir "eh nichts ändern können"?

Aber der "wahren Quelle" ausweichen, "um den Brunnen herumgehen" und nicht wirklich "eintauchen"? Was hieße "schöpfen"?

Oder in anderem Zusammenhang: "Auf sein Wort hin die Netze auswerfen"? Nur schöne alte Bildreden?

Christen und Juden vertrauen darauf, dass Gott mit jedem etwas vorhat, auch wenn wir "seine Wege" (noch) nicht erkennen. Es sind "Pläne des Heils und nicht des Unheils".

Unsere "Zukunft und Hoffnung" (s. Jer 29) ist ja das, "was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist" (s. 1 Kor 3, 9-10).

"Das Große" steht noch aus, aber Jesus hat eindeutige Wegmarken gesetzt für die, die hinter ihm hergehen: "Du aber geh!" Wenn du auf meinem Wege etwas wagst, wirst du vielleicht "eine Stimme hören, die du noch nie vernahmst" (Ps 81,6).

Gibt es das in meinem Leben? Angesprochensein von Gott? Wo wage ich etwas auf seinem Weg? Wann wird es unbequem oder schmerzhaft? Kreuzweg?

Gerade du bist arm, blind und nackt

Wohlhabende, kompromissbereite Leute in der reichen Gemeinde von Laodizea sind gemeint (Offb 3, 17); voll von Welt, aber nicht von Gott Erfüllte: "Du behauptest: Ich bin reich und wohlhabend (Hos 12,9) und nichts fehlt mir. Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt" (ebd.). – Apokalyptische Drohrede, alles etwas schrill, bizarr, nichts für uns?

Elend und erbärmlich, arm, blind und nackt? "Nicht, dass ich wüsste. Ich stehe nicht im Armutsbericht der Bundesregierung und nicht auf den Wartelisten des Elends."
Aber mich berührt die Gottesrede: "Ich kenne deine Werke, und ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann" (3,8).

Als ob Gott selbst sich einen Weg zu mir gebahnt hätte. Er hat sich Einlass in mein Leben verschafft. Ich kann seine Stimme durch die alte Botschaft hindurch hören, kann mich nicht mehr verschließen. Vor seiner "Offenbarung" steht auch mein Leben auf dem Prüfstand. Aber - inwiefern bin ich arm, elend, nackt und blind? - Vor Gott.

Jesus konfrontiert mich mit ihm und seinem Willen, mit seinen "Plänen des Heils und nicht des Unheils" - für mich und die anderen. In den Heiligen Schriften kann ich nachlesen, worin meine Armut, Blindheit und mein Nacktsein besteht. Augustinus meint: "Wegen unserer Armut sandte der Vater den Sohn."

Der barmherzige und sanftmütige Jesus wechselt je nach Hörerschaft seine Tonart: "Ein Reicher wird nur schwer ins Himmelreich kommen" (Mt 19,23).

Und: "Er sagte zu den Leuten: Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass der Mensch auf Grund seines großen Vermögens im Überfluss lebt" (Lk 12,15).

Und wieder könnte ich sagen: "Ich doch nicht!" Aber als bürgerlicher Kulturchrist habe ich keine wirkliche Nähe zu Armen, auch nicht durch einige Verschiebungen auf dem Girokonto. Selbst wenn ich Kranke besuche oder in der Suppenküche aushelfen würde, stehe ich den Menschen als "Wohltäter" nicht wirklich zur Seite.

Wachsendes Ungenügen an mir und meinem Leben ist anders. Meine Armut, Nacktheit und Blindheit ist anders.

Wenn doch auch du erkannt hättest

"Dominus flevit": Für jeden Jerusalempilger ein Muss, die Stelle am Ölberg, wo Jesus über Jerusalem weint, weil es "die Zeit der Gnade "(das Heilsangebot Jesu ) verpasst hat.

"Wenn doch auch du an diesem  Tage erkannt hättest, was dir Frieden bringt" (Lk 19,42). Solche Sätze darf jeder auch persönlich nehmen: Jerusalem - Du!

Was dir Frieden bringt? Welcher Art? Sollte ich mit meiner aktuellen Zufriedenheit nicht zufrieden sein? Mich stören lassen in den geregelten Bahnen meines Alltags und Sonntags? Schalom ist mehr als solche Selbstgenügsamkeit oder ein wohltemperiertes Mittelmaß: "Du bist weder kalt noch heiß" (Offb 3,15). Nachfolge und Jüngerschaft aber zielen darauf, "dem Evangelium ein Gesicht zu geben" (Franz Kamphaus) - in meinem Leben und meinem gesellschaftlichen Umfeld.

Schon die Formulierung solcher Sätze ist unbequem.

Wem Gott "eine Tür geöffnet hat", kann sich nicht mehr herausreden oder auf die Gnade der Ahnungslosigkeit berufen. Wer seine Stimme hört, weiß was ihm fehlt.

Er gehört nicht mehr zu denen, die nicht einmal ahnen, was ihnen fehlt oder was sie falsch machen. Der "Gesalbte des Herrn" richtet sein Wort vom umfassenden Gottesfrieden an behäbig Selbstzufriedene wie auch an selbstmächtige Macher und alle, die meinen "es ohne ihn zu schaffen", persönlich wie politisch.

Die mit dem "Heiligen Gottes" und dem Auferstandenen leben, erfahren den Frieden, den "Er gibt" (Joh 14).

Wenn ich wissen will, worin mein Evangelium besteht,
muss ich wissen,
worin meine Armut, meine Sünde und meine Schwäche besteht.
(Kardinal Carlo Martini)

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