
"Mangel an Zorn ist ohne Zweifel Sünde", meint Thomas von Aquin.
Geistlicher Impuls zur Fastenzeit: Die sieben "Todsünden" (4)
Zorn und Trägheit
Ich bekenne: Ein Mal, ein einziges Mal habe ich allen Ernstes ein Glas quer durchs Wohnzimmer geschleudert. Und als es mit reichlich schrillem Geklirre an der Wand landete, erschreckte mich das so bis ins Mark, dass ich das Gefühl hatte, urplötzlich aus einem Wahn erwacht zu sein. Ich war geschockt – über mich selbst und darüber, wozu ich - jenseits aller Selbsteinschätzung – in der Lage war.
Zugegeben: Es war keine kleine Stichelei, es war ein tief verletzendes Stochern gewesen, das die Dämme hatte brechen lassen. Ich war provoziert worden. Das Glas flog im Affekt. – Kann das Sünde sein? Eine Todsünde sogar, wie die christliche Spiritualität über den Zorn sagt?
Kann es Sünde sein, wenn Menschen – wie etwa nach den letzten Parlamentswahlen im Iran – mit erhobenen Fäusten auf die Straße gehen und demonstrierend ihrem Zorn darüber Luft machen, dass ihnen von einem diktatorischen Regime ihre Freiheit genommen wird und sie um die Demokratie betrogen werden? Fehlt es demgegenüber hier bei uns womöglich sogar an Zorn – in unserer deutschen Gesellschaft? Fehlt es an öffentlicher, leidenschaftlicher Empörung über manche Selbstbediener-Mentalität in der Wirtschaft, über den wachsenden Vorrang des Profits vor dem Menschen, über mangelnde Zukunfts-Sicherheit für die ganz Jungen und die ganz Alten in unserem Land, über zu wenig Entschlossenheit zur Bekämpfung des Klimawandels, über immer mehr Einschränkungen unserer Freiheit zugunsten von vermeintlich mehr Sicherheit vor Terror?
Fehlt es an Zorn bei uns? An zornigen Demonstrationen, um die Verhältnisse wieder zu mehr Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Anständigkeit und echtem Sozialgeist zu verändern? Haben Wohlstand, Rückzug ins Private und ein verständliches, aber dennoch auch gefährliches Gefühl von Ohnmacht angesichts der Kompliziertheit der Welt den urmenschlichen Zorn über Ungerechtigkeiten betäubt, uns "schmerzfrei" gemacht? Doch Vorsicht! Auch die "Trägheit", die nichts zustande bringt, jegliche Unruhe vermeiden und alles hübsch beim Alten belassen will, gilt als "Todsünde"!
Zorn ist nicht gleich Zorn. Bibel, Glaube und Kirche unterscheiden in der Tat. Der große mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin sagt sogar: "Mangel an Zorn ist ohne Zweifel Sünde." Denn: "Die Leidenschaft Zorn ... dient dazu, dass der Mensch mit mehr Entschlossenheit das ausführe, was die Vernunft befiehlt." Thomas scheint den Menschen wirklich gut zu kennen, denn für ihn entspringt der Zorn in tiefster Tiefe der "Trauer, die im Gefolge zugefügten Unrechts entsteht". Davon unterscheidet er den "Zorn aus Bosheit": Wo Zorn der Gerechtigkeit den Weg bahnt, ist er wortwörtlich not-wendig; wo Zorn jemandem aus Bosheit schaden will, ist er Sünde.
Gleichwohl: Im Kern geht es bei dieser wie bei jeder Sünde um die innere Haltung, der sie entspringt. Entsprechend radikalisiert Jesus die Zehn Gebote und stellt Zorn sogar in Beziehung zu Mord: "Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein" (Mt 5,21). Stattdessen gilt: "Selig die Sanftmütigen!" Sanftmut – das ist weit mehr als Gewaltlosigkeit und auch weit mehr als Weicheierei und rosarote Schönfärberei. Ein sanftmütiger Mensch sieht sehr wohl, was falsch läuft, aber er gerät deshalb nicht in Zorn, sondern eher in Traurigkeit darüber, wie wenig der Liebe zugetraut wird. Sanftmut ist der Mut, sich und dem anderen Liebe zuzumuten. Wer mordet, wer hasst, wer zürnt, der unterstellt dem anderen allen Ernstes, nicht liebens-wert zu sein – und der traut sich selber tragischerweise nicht zu, lieben zu können. Der stellt sich gegen das, was jeden am Leben hält und hängen lässt: der stellt sich gegen die Liebe, der stört den liebevollen Blick auf den anderen, der doch wie er selber geliebtes Geschöpf Gottes und darum absolut liebenswert ist. Und weil Gott die Liebe selber ist, heißt Umkehr: Heimkehr zu Gott. Eben dahin ist die Sanftmut unterwegs: "Selig die Sanftmütigen; sie werden das Land erben."
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Text: Markus Nolte | Foto: Michael Bönte
04.03.2010
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