
Kleine, süße Sünden.
Geistlicher Impuls zur Fastenzeit: Die sieben "Todsünden" (1)
Das Ende des "Unschuldswahns"
Hochmut schmeckt nach Champagner, der Geiz kommt mit Amarettini-Stücken daher. Die Wollust kleidet sich in Erdbeerglasur, der Zorn in einen Mantel aus Zartbitter. Die Völlerei braucht eine doppelte Umhüllung, Pistazien stehen für Neid, Erdnuss für die Trägheit – sieben Rezepte, sieben Sorten, macht zusammen sieben Variationen einer verführerischen Eiscreme-Kreation, die im Jahr 2003 Kirchenvertreter auf die Palme brachte, weil damit die sieben Todsünden "durch den Kakao" gezogen würden. Der Marketing-Chef des Eis-Konzerns versicherte indes: "Wir spielen nur ein bisschen keck mit der täglichen kleinen Sünde."
2003 mag solche Süßlichkeit noch funktioniert haben. Denn damals regte das weltweit betriebene kecke "Spiel mit der täglichen kleinen Sünde" außer einige Kirchenvertreter in Deutschland niemanden auf. Sieben Jahre später sieht die Sache anders aus. Der Unschuldswahn hat längst seine Unschuld verloren. Terrorismus, Klimawandel, wissenschaftlicher Fortschritt und Wirtschaftskollaps bringen die Menschen weltweit dazu, auch die bitteren Seiten unserer globalisierten Welt wahrzunehmen und das eigene Denken und Handeln ernsthaft auf den Prüfstand zu stellen: Sollen wir alles tun, was wir tun können? Brauchen wir alles, was wir haben können? Und vor allem: Wie lange ginge das gut, wenn wir wirklich all das täten, was man uns rät zu tun für mehr Sicherheit, mehr Glück, mehr Wohlstand, mehr Gesundheit, mehr Leben?
Es scheint, als breche sich allmählich, vorsichtig noch, eine neue Einsicht Bahn: So, wie bisher kann es nicht weitergehen. Hinter der "kleinen täglichen Sünde" wabert ein tiefer sitzendes Übel, das die Welt immer deutlicher aus dem Gleichgewicht bringt. Und auf einmal klingen Hochmut, Völlerei, Geiz und Wollust doch nicht mehr wie süße Eiscreme-Sorten, sondern sind wahrlich bittere Bedrohungen. Auf einmal werden die sieben "Todsünden", zu denen noch Neid, Zorn und Trägheit zu ergänzen wären, tatsächlich als lebensbedrohlich, überlebensbedrohlich wahrgenommen.
Damit wäre der Kern dessen ziemlich gut freigelegt, was ursprünglich mit "Todsünden" gemeint war. In dieser Siebenzahl gehen sie auf das 6. Jahrhundert zurück, auf Papst Gregor den Großen. Keine Frage, über lange Jahrhunderte wurde Generationen von Menschen mit den "Todsünden" ewigliche Todesangst eingejagt – statt sie zu einem von Grund auf guten Dasein zu ermutigen. Bis heute verbinden viele diese Angst-Macherei mit der Kirche und ihrer Verkündigung – manche verfluchen, manche belächeln sie, der Großteil ist desinteressiert. Allmählich aber gefriert das naive Lächeln über Sünden als harmlose "Leidenschaften", von denen sich doch keiner freimachen könnte. Allmählich wächst vielmehr die Ahnung, dass sich auf dem tiefen Grund mancher "Leidenschaft" tiefes Leid verbirgt, das den Menschen und die Menschheit spaltet und eine zerrissene Welt schafft. Wenn der christliche Glaube also gerade jetzt in der Fastenzeit dazu ermutigt, meine dunklen, meine sündigen Seiten in den Blick zu nehmen, dann hebt damit weniger ein Klagelied über die Schlechtigkeit des Menschen an, als vielmehr ein Trauergesang darüber, dass Sie und ich unsere guten Möglichkeiten nicht nutzen.
Die Fastenzeit ist eine gute Gelegenheit, mein Leben und die Welt ehrlich anzuschauen, mir und der Welt endlich einmal auf den Grund zu gehen. Dazu möchte ich Sie in den Morgenandachten dieser Woche einladen – liebevoll, aber ehrlich; nicht gnadenlos, sondern im Vertrauen darauf, dass das letzte Urteil über mich, über uns, über die Welt keinem Menschen zukommt, sondern Gott. Er ist der gute Grund von allem – und er ist, davon bin ich fest überzeugt, stärker als der Grund allen Übels. Und darum meint Umkehr eine Rückkehr – nämlich dahin, woher wir kommen: eine Heimkehr zum Guten, zum guten Grund, zu mir selbst, zu Gott. Herzliche Einladung also zu einer Reise nach Hause!
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