
Mönch am Sinai.
Geistliche Impulse von Hermann-Josef Silberberg zur Fastenzeit: Nachfolge (1)
Dieser war auch mit dem Jesus von Nazaret
Mutig, die Familie Rau: Auf dem Totenzettel und Grabstein des ehemaligen Ministerpräsidenten von NRW, Johannes Rau, dieses Bekenntnis: Ein Jünger Jesu! Selbst für gläubige Kirchgänger irritierend.
Jüngerschaft und Nachfolge - altmodische Wörter, seltsam fremd, wenig bewohnt, nichts, was uns unter den Nägeln brennt. Daher Anlass zu einer geistlichen Besinnung in der Fastenzeit.
Ein ziemlich guter Christ
"Ich könnte ihn knuddeln", bemerkt eine vornehme, ältere Dame und meint nicht ihr Enkelkind, sondern einen älteren Herrn am Bildschirm: Ein ungewöhnlicher Mann, liebenswürdig und warmherzig, die Sätze bedächtig formulierend, zugleich lebhaft und gelöst. Ein Mann mit hoher Sachkompetenz, ebenso verbindlich wie frei. Er wittert nicht hinter jedem Widerspruch einen Angriff auf seine Person oder eine Aggression gegen das System, das er vertritt, und sieht sich nicht ständig in der Position des Verteidigers. Ein "Hochgestellter", der es gewohnt ist, durch den Mittelgang zu gehen, oben und vorn zu sein.
Der öffentlichen Selbstironie fähig, legt er keinen Wert auf die Insignien seines Amtes. Es hat ihn nicht verbogen oder beschädigt. Er verkörpert eine wohltuende Mischung aus Nähe und Distanz und ist ohne Angst um sich selbst. Nichts ist gespielt oder bloße Routine. Für Gläubige wie Glaubensferne eine angenehme Erscheinung. So gesehen - ein ziemlich guter Christ. Ein Glücksfall der Kirche. Diener Gottes und der Menschen: Ein Kardinal!
Aber - Jünger des Herrn? Wir zögern etwas mit diesem Begriff, ist er doch zu sehr mit dem historischen Leben Jesu verbunden.
Die Evangelien als Maß, Norm und Kritik
Christliche Frömmigkeitsstile, die vielen Formen von Spiritualität, gelebter Jüngerschaft und Nachfolge Jesu müssen sich an den Evangelien messen.
Auch für Christen gilt: Folge deinem Herzen, aber nicht ohne den Bezug zu Christus oder den Blick auf die, die sich ihm absolut verpflichtet wissen, den Heiligen als Modellen lebendiger Nachfolge und als glaubwürdigen Zeugen der Botschaft Jesu.
Die Werbebranche würde sie als Menschen mit ansteckender Freude, unverstellter Rhetorik und der Gabe der Präsenz bezeichnen.
Die Apostel sind als Erstberufene Schlüsselfiguren der Nachfolge: Die Radikalität ihrer Entscheidung für Jesus, ihre manchmal ungestüme Begeisterung ebenso wie ihre menschliche Gebrochenheit auf dem Wege mit ihm.
Zuerst wie betäubt von seiner Nähe und der Verheißung eines neuen Lebens, dann zunehmende Irritation, Missverständnisse bis zur totalen Enttäuschung: Verrat, Verleugnung, Flucht. Am Ende eine vielsagende Bemerkung: "Petrus folgte Jesus von ferne" (Mt 26, 58)!
Vielleicht auch ein Hinweis auf die Lebensweise künftiger Christengenerationen. Damals war es die pure Angst um das eigene Leben. Wir haben gelernt, uns mit den Verhältnissen heute zu arrangieren. Radikale Nachfolge etwas "Historisches" oder allenfalls etwas für "Spezialisten"?
Ein scharfkantiges Profil
Die Evangelien bieten ein scharfkanntiges Profil von Jüngerschaft:
- Am Anfang steht: "Komm und folge mir!" (Mk 2,14; Mt 9,9; Lk 5,27; Joh 1,43 u .a.)
- Damit verbunden das "Alles verlassen!" - ein radikaler Schnitt, Bruch mit allem Bisherigen, ein Sprung in das Ungewisse eines anderen Lebens.
- Es bedeutet: "Mit ihm sein - ihm folgen - hinter ihm her!" Und:
- "Bei ihm bleiben und an seinem Wort festhalten", so besonders im Johannesevangelium.
Die Gerufenen wissen noch nicht, wohin es geht. Gott nimmt sie in Dienst. Sie werden nicht berufen, ihre Lebensträume zu leben, sondern "geführt, wohin sie nicht wollen" (vgl. Petrus).
Das Reich-Gottes-Programm ist noch unklar, der Einsatz für den Schatz im Acker oder die kostbare Perle, das Dienen und Beten, Wachen und Warten, das ungeteilte Leben und in Seinem Namen Auftreten, dem Willen des himmlischen Vaters gehorchen und nicht auf eigene Faust zu wirken und zu leben, immer Schüler bleiben, nie Meister werden, aber in die Gesinnung des Meisters hineinwachsen: Letzte, Arme und Geringste sein. Paulus spricht von Schicksalsgemeinschaft mit Jesus.
"Wer will das, kann das, soll das?", fragen wir zunächst. Nachfolge als Nachahmung? Nachfolge als Nachhinken? Als Hinterherleben?
Die lapidare Antwort Jesu: " Nichts ohne mich, aber alles mit mir!" Das Maß des Jüngers ist nicht das Menschenmögliche, Lebbare oder Zeitgemäße, sondern das Christus-, also Gottgemäße.
In Jesus erfüllen sich die Seligpreisungen der Bergpredigt. Er ist der Maßstab des Himmels für die Erde, für uns. Rein humane Gesinnung reicht nicht aus, kann nicht handeln "wie er". Sie bleibt weltverwoben und weltverloren.
Jünger Jesu müssen sich "überformen" lassen (2 Kor 5,3), damit Ebenbildlichkeit und Christusförmigkeit Gestalt gewinnen: Das Bild des gekreuzigten Menschen, der dennoch "aus Gottes Kraft lebt" (2 Kor 13,4), Zeuge der Passion Jesu, nicht schon Geweihte und Amtsträger als solche, sondern "Mitgekreuzigte", "Verwandelte", "neue Geschöpfe", die nicht mehr für sich selbst leben, sondern wie ER ihr Leben zur Verfügung stellen.
Solche Feststellungen lassen uns zurückschrecken oder nehmen uns den Atem. Paulus würde uns die Worte des Auferstandenen weitergeben: "Meine Gnade genügt dir" (2 Kor 12,9)! Schon im Alten Testament die Glaubensweisheit: "Der Mensch ist nicht stark aus eigener Kraft!" Jesus: "Ohne mich könnt ihr nichts tun!"
Für die meisten Christen stellt sich anscheinend das Problem nicht. Sie sind in die Kirche hineingetauft worden und brauchten sich nur selten zu entscheiden.
Kirche - eine Zweiklassengesellschaft?
"In Antiochien nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen" (Apg 11, 26). Jünger gleich Christen, Christen gleich Jünger!
Über Jahrhunderte haben jedoch einzelne oder Gruppen versucht, die Nachfolge Jesu in besonderer Weise zu verwirklichen und unter ihren anderen Lebensbedingungen "alles zu verlassen" um seinetwillen: Wüstenväter, Mönchsorden, Armutsbewegungen und Mystiker aller Zeiten auf der Suche nach einem inneren Weg. Eine für die Kirche folgenreiche Entwicklung. Es entstand eine Art Zweiklassengesellschaft:
So genannte Geistliche und Weltliche, Jünger(innen) erster und zweiter Klasse, Geweihte und Laien, besondere und gewöhnliche Angehörige der Kirche. In Kol 3,12 werden alle Getauften "Auserwählte, Heilige und Geliebte " genannt.
"Ihr alle seid Geistliche" (so der Neutestamentler K.H. Schelkle), denn alle sind auf den Namen Jesu getauft und von seinem Geiste erfüllt, berufen zu je verschiedenen Diensten in brüderlich - geschwisterlichem Miteinander.
Dem Himmel nahestehende Kreise?
Wie alle Menschen, die sich in ihrem idealen Selbstbild bestätigt fühlen, bereitwillig aufnehmen, was andere in sie hineinsehen oder auf sie projizieren, sind auch Geistliche und Ordensleute in der Gefahr, sich für besondere Christen / Christinnen zu halten.
Als ob wir durch Weihe und Ordination "automatisch" näher bei Gott oder in den Spuren Jesu lebten, befreiter und erleuchteter wären. Schon ein Titel wie Hochwürden ist verführerisch (ganz abgesehen vom Hochmut angemaßter Nachfolge).
Ordensfrauen, Mönche und Geistliche sind bevorzugte Opfer menschlicher Projektionen, idealer Wunschvorstellungen von Jüngerschaft und Nachfolge, von Heiligkeit und Vollkommenheit, totaler Verfügbarkeit und selbstloser Dienste.
Fastenzeit - eine Zeit der Buße - lädt zu kritischer Selbstbesinnung ein: Alle Christen sind Jünger(innen), d.h. sie versuchen unter ihren Lebensbedingungen jesusnah zu leben, jeder so gut er kann, und wo er gefragt ist.
Allen Gläubigen gilt der Ruf nach Fasten, Gebet und Almosen, Gottes- und Nächstenliebe. Worin sollte die qualitative Differenz zwischen Geweihten und Nichtgeweihten bestehen? Beide sind heute mehr oder weniger mit der Konsum-, Medien- und Urlaubswelt verwoben. Jeder Gläubige führt nach Auftrag und Sendung ein "geistliches Leben", wenn er die Spur Jesu sucht.
Nachfolge ist "geistliches Tun" (H. Schürmann) in evangeliengemäßer Form von Gottesdienst und Weltdienst. Standeskleidung kann vortäuschen und verschleiern, bekennen und bezeugen, dass wir "aus Gottes Kraft leben".
Jesus wandte sich an die, die an ihn glauben:
Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger.
Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen,
und die Wahrheit wird euch befreien (Joh 8,31).
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