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11.02.2012
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Indem ich humorig mit meiner eigenen Komik umgehe, erkenne ich an, dass es bei mir Menschliches, Allzumenschliches gibt.

Geistlicher Impuls zu Karneval

Über den humorvollen Umgang mit sich selbst

An diesem Sonntag befinden sich viele mitten in der heißen Phase des Karnevals. Meistens sind es ja andere, über die jetzt in der fünften Jahreszeit geulkt und gelacht wird; besonders häufig trifft es die Zunft der Politiker. Ich möchte Sie dagegen heute ermuntern, humorvoll mit sich selbst umzugehen. Aber das ist gar nicht so einfach.

"Humor ist, wenn man trotzdem lacht" behauptet der deutsche Schriftsteller Otto Julius Bierbaum. Er hat gut beobachtet, und das Wort "trotzdem" ist sehr bewusst gesetzt. Humor bedeutet ja nicht, oberflächlich witzig zu sein und eine Lachnummer nach der anderen zu reißen. Der Humor geht tatsächlich auf Situationen ein, die nach unserem unmittelbaren Empfinden nicht unbedingt Anlass geben zu schmunzeln. Komischerweise antwortet der Humor auf widrige Erfahrungen. Beim ersten Hinsehen steckt in solchen Widrigkeiten wenig Grund zum Lachen. Es sind Momente, in denen etwas in unserem Leben nicht stimmt, etwas nicht dem entspricht, wie es sein soll. Eine Ungereimtheit, ein Widerspruch wird offenbar, ein Abstand zwischen dem, was wir uns von uns selbst wünschen, was wir erwarten oder als ideal ausmalen und dem, was tatsächlich ist.

Ich vermute, jeder kennt solche Erfahrungen. Sie kommen ja alles andere als selten vor und betreffen uns sowohl in unserem Menschsein als auch in unserem Christsein. Einige Beispiele: Da ist jemand in eine Verhaltensweise zurückgefallen, die er doch eigentlich überwinden wollte und schon hinter sich glaubte. Oder es gelingt einem nicht, die Werte des Evangeliums im Alltag so umzusetzen, wie er sich das vorgestellt hatte. Viele bleiben hinter ihren Idealen zurück, hinter dem Wunschbild, das sie von sich haben oder den Erwartungen anderer. Oder jemand möchte an diesem und jenem Punkt so sehnlich über sich hinauswachsen, aber es will damit so recht nichts werden, selbst wenn er eine geistliche oder therapeutische Begleitung zu Rate zieht.

"Humor ist, wenn man trotzdem lacht" – soll das etwa heißen, dass es gerade in diesen Momenten möglich oder sogar angesagt wäre, mit einer Prise Humor zu reagieren?

Diese Reaktion liegt ganz bestimmt nicht auf der Hand. Intuitiv werden die meisten eher anders reagieren. Sie werden an sich selbst leiden, über sich enttäuscht sein, sich ärgern, vielleicht sogar Wut empfinden. Sie heben sozusagen den Zeigefinger gegen sich selbst und überschütten sich mit Selbstvorwürfen und fragen sich: Wie konnte dir das passieren? Warum ist dir das schon wieder geschehen? Warum kommst du nicht endlich darüber hinweg? Mancher wird das Leben dann als unerträgliche Last empfinden, als eine ständige Sisyphos-Arbeit, und vielleicht mit Bitterkeit resignieren: Es ist ja doch alles vergeblich. Was soll die ganze Mühe, wenn meine Ideale immer wieder auf der Strecke bleiben? Es gibt ja doch keine Hoffnung, dass ich mich ändere!

Es kann auch sein, dass in solchen Situationen die Mechanismen der Selbstbestrafung greifen, die ja sehr subtil sein können. Andere aber werden ganz angespannt sein und reagieren mit noch mehr Härte gegen sich. Sie beißen die Zähne zusammen, mobilisieren alle nur denkbaren Kräfte und versuchen rigoros, die Momente des Scheiterns zu vermeiden. Mit geballter Faust geht der Kampf gegen die eigene Schwäche und Unvollkommenheit weiter. Wäre doch gelacht, wenn wir die nicht ausgemerzt bekämen!

Wenn in unserem Leben etwas nicht so ist, wie es sein soll, wie wir es wünschen oder erwarten, wenn sich also Widrigkeiten einstellen, dann gibt es je nach Charakter eine ganze Bandbreite von Reaktionen. Sie reichen von der Resignation, die das Ziel aufgibt, bis zur Verbissenheit, die es noch rigoroser durchsetzen will. Manchmal sind sich diese Extreme übrigens ganz eigenartig nahe. Wie schnell schlägt die Verbissenheit in Resignation um. Beide Alternativen klingen allerdings nicht unbedingt verheißungsvoll. Ein gelöstes und zuversichtliches Dasein stellen wir uns anders vor. Gäbe es also nicht eine freiere Weise zu reagieren? Es müsste sich doch ein anderer Weg finden lassen.

"Humor ist, wenn man trotzdem lacht" – dieses Wort des Schriftstellers Bierbaum weist uns eine Fährte genau in diese Richtung. Ein humorvolles Schmunzeln über sich selbst kann zu dem werden, was beim Sport die Lockerungsübung für einen steifen und verspannten Körper bewirkt: Humor kann so wunderbar entkrampfen. Humor schaut auf widrige Situationen aus einem neuen Blickwinkel und bewältigt sie ganz anders, mit einer gewissen Leichtigkeit. Wenn ich in einen altbekannten Fehler zurückgefallen bin, könnte es dann nicht geradezu erlösend sein, wenn ich zu mir sage: "Tja, man bleibt sich treu"? Der Humor bringt ein kleines Kunststück zustande: Er verurteilt nicht und er resigniert nicht. Wer über sich selbst lächeln kann oder sogar die Größe hat, sich vor anderen auf den Arm zu nehmen, der verzagt nicht vor der eigenen Menschlichkeit. Er söhnt sich mit seinem Begrenztsein aus und versucht zu akzeptieren, dass er manchmal schwach, schwerfällig und inkonsequent ist, eben ein unvollkommenes und endliches Wesen.

Indem ich humorig mit meiner eigenen Komik umgehe, erkenne ich an, dass es bei mir Menschliches, Allzumenschliches gibt. Ein Mensch, der sich selbst hochnehmen kann, geht mit seinen Schwachstellen heiter und verständnisvoll um. Er nimmt sie nicht so unendlich schwer und tragisch. Schon hier hat der humorvolle Umgang mit sich selbst eine geistliche Note: Man sagt Ja zu sich als Geschöpf Gottes mit all seinen Grenzen. Und man nimmt es Gott glaubend ab, dass dieser Ja sagt zu uns Menschen – in aller Unvollkommenheit, die wir niemals ablegen. Der Humor nimmt Gottes Barmherzigkeit so ernst, dass er auch sich selbst vergeben kann. Im Tiefsten ist es Gott, der uns ermöglicht, uns selbst in einem gnädigen Licht zu sehen und uns nicht an uns verzweifeln zu lassen.

Der Humor bringt das kleine Kunststück zustande, sich selbst nicht zu verurteilen, wenn sich Schwachstellen im Leben zeigen und man den eigenen Idealen, Überzeugungen oder Erwartungen nicht gerecht wird. Gelassen söhnt er sich mit der eigenen Menschlichkeit aus. Zugleich aber – und das wird nicht selten übersehen –  findet sich der Humor mit diesen Momenten nicht einfach resigniert ab. Er hat so gar nichts Pessimistisches. Er behält die Zuversicht, dass es beim Menschen nicht nur Schwäche, sondern auch Stärke gibt, nicht nur Armseligkeit, sondern auch Größe, nicht nur Inkonsequenz, sondern auch Treue. Und er bewahrt die Hoffnung, dass man nicht allein auf sich gestellt ist. Der Humor hört also nicht auf, an die eigenen Möglichkeiten zu glauben und an die Möglichkeiten Gottes mit mir. Dadurch gelingt es ihm, widrige Situationen zu überwinden.

Schmunzelnd über sich selbst bleibt man beim Scheitern nicht stehen, sondern macht sich neu auf den Weg. Man bleibt Pilger, unterwegs in dem lebenslangen Experiment, die eigenen Ideale und Überzeugungen zu leben und zu dem Menschen zu werden, der wir nach Gottes Idee sein sollen. Wer humorig mit sich selbst umgeht, der vertraut und hält daran fest, dass es mit dem eigenen Menschsein schließlich gut ausgehen wird – manchmal allem Anschein zum Trotz. Humor ist tatsächlich, wenn man trotzdem lacht.

Humor, der nicht verurteilt und nicht resigniert, ist nahe verwandt mit dem, was der heilige Franz von Sales die Sanftmut gegen sich selbst nennt. Die Gedanken, die er dazu in seinem Büchlein "Philothea" nieder geschrieben hat, gehören für mich zu seinen schönsten. Es habe überhaupt keinen Sinn, so schreibt Franz von Sales, über die eigenen Fehler und Unvollkommenheiten in Zorn zu geraten und daran bitter zu werden. Ein Mensch zum Beispiel, der über einen Zornesausbruch ärgerlich werde, bahne mit dieser Erregung nur eine neue Zornattacke an. Sehr nüchtern rät Franz, über derartige Erfahrungen bloß nicht erstaunt zu sein. Wörtlich heißt es bei ihm: "Es ist ja kein Wunder, wenn die Schwäche schwach, die Kraftlosigkeit kraftlos, das Elend armselig ist."

So spricht jemand, der mit seiner Menschlichkeit einigermaßen ausgesöhnt ist. Statt eines nutzlosen Ärgers über sich selbst empfiehlt Franz von Sales, sich selbst liebevoll zuzureden und sein Herz ganz sanft wieder zu erheben. Damit sich seine Leser vorstellen können, wie das konkret aussehen könnte, führt er das gleich an einem Beispiel vor. In der Sprache seiner Zeit klingt das so: "Mein armes Herz, jetzt bist du wieder in die Grube gefallen, die wir zu meiden so entschlossen waren. Lass uns wieder aufstehen (…) Rufen wir die Barmherzigkeit Gottes an, vertrauen wir auf sie, sie wird uns helfen (…); mit Gottes Hilfe wird es gehen." Man kann sich förmlich vorstellen, wie beim Schreiben dieser Zeilen ein Lächeln über das Gesicht des Heiligen huscht. Franz von Sales gehört zu den Christen, die bezeugen, dass es kein Leben mit Gott gibt, das ohne Humor wäre.

Ein französischer Theologe hat einmal gesagt, der Humor sei eine der Breschen, durch die Gott in uns hineinschlüpfen kann. Er hat recht. Wer mit einem Augenzwinkern auf sich schauen kann, der verschließt sich in widrigen Momenten nicht in sich selbst, sei es, indem er sich verurteilt oder indem er resigniert. Mit einem Sinn für Humor öffnet sich der Mensch für den Gott, der uns in unserer Menschlichkeit annimmt und der an den eigenen Grenzen nicht am Ende ist. Humor gehört damit im besten Sinne zu dem, was das Christentum an geistlicher Lebensweisheit zu bieten hat.

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Text: Michael Höffner | Foto: Sparkie, Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.pixelio.de
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