
Bruchstücke (Marienkirche Lübeck).
Geistliche Impulse von Hermann-Josef Silberberg: Jahreswunsch
Keine Stelle, die dich nicht ansieht
Werktagsgottesdienst. Sorglos vergnügt kommt ein etwa Vierzehnjähriger mit einer Begleiterin Fahne schwenkend in die vorderen Bänke. Mal ist es die amerikanische Nationalflagge, mal die britische.
Ein mongoloides Kind erregt die Aufmerksamkeit der kleinen Gemeinde: In der Linken das Gotteslob, Lieder mitsingend, in der Rechten die Fahne. Er schwenkt sie bei liturgischen Höhepunkten hin und her. Beim sakramentalen Segen senkt er sie wie ein Banner. Beim Kommunionempfang - kurze Umarmung. Herzerfrischend, spontan und lebendig. Ein wunderbarer Störenfried.
Einer von uns
Der Verhaltensauffällige ist einer von uns, neben uns, mit uns. Wir drängen ihn gern an den Rand unseres Bewusstseins und unseres Lebens. Er ist ja nicht "normal", nicht angepasst. Er fällt aus dem Rahmen unserer Ordnungssysteme, lebt nicht das vorgesehene oder vorgeschriebene Leben. Sein Verhalten reicht von harmlos bis bedrohlich. Im letzten Fall ergreifen wir "Maßnahmen", sorgen für Sicherheit, stellen die eventuell gestörte Ordnung wieder her.
Wo sind die Grenzen von normal und nicht normal, gesund und krank, in Ordnung und gestört? Ist krank, behindert und gestört so normal wie gesund? Der wunderbare Störenfried im Gottesdienst hat mich wieder nachdenklich gemacht wie vor Jahrzehnten mein beruflicher Umgang mit "Geisteskranken in der Anstalt".
Was ist krank, krankhaft oder krankmachend? Wo sind die Grenzen des Lebbaren, Zumutbaren, Erträglichen, Verantwortbaren - im Miteinander?
Die gesellschaftliche Leitvorstellung ist eindeutig: Wellness und Leidensfreiheit, körperliche, seelische und geistige Unversehrtheit, umfassendes Wohlergehen und möglichst störungsfreies Miteinander gelten als "relativ normal" - zumindest als einvernehmliches Glücksziel des guten Bürgers.
Alles andere wären "Abweichungen", Ausfälle oder Einbrüche, Nebenwirkungen oder Randphänomene.
Du musst dein Leben ändern
R. M. Rilke war von einem Apollotorso Rodins so bewegt, dass er am Ende eines Gedichtes schreibt: "Denn da ist keine Stelle, die dich nicht ansieht. Du musst dein Leben ändern." Das "Bruchstück" einer Skulptur hat die Kraft eines fast prophetischen Appells. Wie ein Satz aus der Bibel. Die Götterstatue eines Apoll erinnert zugleich an die Idee der göttlichen Ebenbildlichkeit des Menschen. Auch er - das Ganze im Fragment - nie ganz heil, immer torsohaft, unvollkommen, gebrochen oder gestört, auf Umgestaltung und Vollendung hin angelegt. Auch noch nicht so transparent für das Göttliche, wie es im antiken Verständnis einer repräsentativen Götterstatue eigen war. "Da ist keine Stelle, die dich nicht ansieht!"
Die biblische "Horizonterweiterung": Im Gegenüber, im Menschen neben uns, im Nächsten, im Fremden und Fremdartigen, nicht zuletzt im Behinderten, Gestörten und Kranken. - "Als wär's ein Stück von dir."
Der Appell ist eindeutig: Du musst dein Leben ändern, deine Einstellung und dein Verhalten! Solche Sätze haben wir nicht so gern. Sie sind unbequem, weil sie uns aus unserem Gehäuse locken. Und wer könnte uns das schon sagen? Wer könnte es von uns fordern? Wenn wir nicht selbst dazu aufbrechen, wird sich nichts ändern.
Der Philosoph Peter Sloterdijk ist vom Gedicht Rilkes so angetan, dass er den letzten Satz "Du musst dein Leben ändern" zum Buchtitel eines Grundlagenwerkes über den Menschen macht (2009).
Darin verweist er auf die "sorglose Deutlichkeit, mit der man früher eine Gruppe von Menschen Krüppel nannte, ehe sie von jüngeren, vorgeblich humaneren, verstehenderen, respektvolleren Zeitgeistern in die Behinderten, die Andersbegabten, die Sorgenkinder und schließlich einfach - die Menschen - umgetauft wurden." Dazu die Fußnote: "Die Behindertenhilfe - Aktion Sorgenkind, 1964 gegründet, wurde unter dem Druck des 'Correctness - Zeitgeistes' ab 2000 in 'Aktion Mensch' umbenannt" (S. 69).
Eine Geste humaner Großherzigkeit, oder möchten wir unsere eigene Krüppelhaftigkeit nicht gespiegelt sehen? Wie viel Wahrheit ist uns zumutbar? In diesem "Trend" liegen auch die christlichen Fürsorgeorden, die ihre "Krankenpflege" zeitgeistgemäß in "Gesundheitsdienst" umbenennen.
Glück nicht jenseits der Gebrochenheit
Weise Menschen stellen sich der ganzen Wirklichkeit. Ilse Müllner hat in einer lesenswerten Studie die Weisheit der hebräischen Bibel unter dem Titel "Das hörende Herz" vorgestellt (2006). Darin der Satz: "Das Glück, das die Weisheit verheißt, gibt es nicht jenseits der Gebrochenheit, sondern nur in einer Welt, in der das Leiden von Menschen zum Leben gehört" (10).
Müllner unterstreicht, dass der biblische Weise sich allen Dimensionen des Lebens stellt. Sie verweist sogar darauf, dass in unserer Gesellschaft Kranke und Leidende fast wie Schuldige behandelt würden: "Die falsche Ernährung, zu viel Arbeit, zu wenig Sport - irgendetwas muss der kranke Mensch doch falsch gemacht haben, sonst wäre es gar nicht so weit gekommen" (ebd.).
Es sind die Abwehrgesten derer, die das Krank-, Behindert- oder Gestörtsein als das "Nicht-Normale" aus ihrem Gesichtsfeld schieben wollen und mit Erklärungen und Schuldzuweisungen schnell zur Hand sind, solange es sie selbst nicht betrifft.
Die salomonische Bitte um Weisheit zielt auf ein hörendes, sensibles Herz, das sich der ganzen Wirklichkeit stellt und sie annimmt. Ein guter Jahreswunsch für jeden, ob gesund oder krank, heil oder gebrochen.
Diese Weisheit und Haltung ist nach biblischem Verständnis Frucht einer intensiven Gottesbeziehung. Wir können sie uns nicht allein aneignen wie andere Qualifikationen. Sie wird geschenkt, wenn wir Gott darum bitten - wie Salomo.
Einstellung und Verhalten verändern sich im Maß unserer Gottesnähe, ein Phänomen, das dem Philosophen Sloterdijk fremd zu sein scheint. Er will die "Veränderung " - entspiritualisiert - allein menschlicher Aufbruchskraft zuschreiben.
Nicht zuletzt machte Jesus darauf aufmerksam und durch seine Heilungen deutlich, dass das Heilsein des Menschen eine "endzeitliche Gabe" ist. Er befreite ja nicht alle Menschen seiner Zeit von ihren Gebrechen, sondern setzte "Zeichen", die den Anbruch der Heilszeit unterstreichen sollten.
Bis zum "Ende" brauchen wir die "Weisheit", die sich der ganzen Wirklichkeit unseres Menschenlebens stellt, sie annimmt und aushält.
Gut ist es, unserem Gott zu singen;
schön ist es, ihn zu loben.
Er heilt die gebrochenen Herzen und
verbindet ihre schmerzenden Wunden.
(Ps 147)
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Text:
Hermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
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